Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 11 (1.11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Herrschaft des Rechts und des Friedens auf Erden fordern muß und tatsächlich gefordert hat. Es muß die in Recht und Frieden geeintg Menschheit fordern auf Grund seines Gottesglaubens. Es hat diesen Gott gelehrt und lehrt ihn noch als den Einen und Einzigen. Weil er der Eine ist, der Einzige, so fordert er auch die eine, die geeinte Menschheit: „Ein harter Widerspruch gegen die Einheit Gottes," so ungefähr sagt ein anderer hervorragender jüdischer Philosoph der Gegenwart (H. Cohen, Ethik des reinen Willens, S. 383), „ist die Vielheit der Völker, sofern sie sich in einem feindlichen Gegensätze gegen einander ausprägt." Als der Eine ist Gott der Vater aller Menschen, in ihm finden sich daher alle, alle zur Menschheit zusammen. Weil aber Gott der Heilige ist, so verbürgt, so wirkt notwendig er selber den Sieg des Guten, die dereinstige Wirklichkeit der sittlichen Ideale auf Erden. Darum kann nicht der Krieg, kann nicht das Recht des Stärkeren ein Moment seiner Ordnung, muß der Sieg des wahren Rechts, der Sittlichkeit, des Friedens, das letzte höchste Ziel der Geschichte der Menschheit sein. Das folgt auch notwendig aus dem, was das Judentum von der Menschheit lehrt und glaubt. Ihm sind die Menschen Gottes Kinder, in seinem Ebenbilde geschaffen, ihm verwandt durch Vernunft und sittliche Anlage. Darum ist die Menschheit berufen und befähigt zur Verwirklichung des Guten auf Erden, in schwerer, langsam ansteigender, aber doch eben ansteigender, zur Höhe führender sittlich kultureller Arbeit. „Aufwärts, ja aufwärts geht der Menschheit Gang, Ob auch ihr Pfad sich krümmt und windet, Und ob er auch jahrhundertlang Durch dunkle Abgrundtiefen schwindet — Nach oben reißt sie doch ihr Drang." Dieses Bekenntnis des edlen deutschen Dichters, dieses frohe mutige Bekenntnis zum Glauben an die Menschheit, an ihren sittlichen Adel, ihren unaufhaltsamen, zuin Siege führenden, steten Fortschritt im Guten, ist auch das Bekenntnis des Judentums. So nmß das Judentum auch den Sieg des Rechts und der Humanität, den Weltfrieden, fordern und glauben aus seinem innersten Wesen heraus auf dem Grunde seiner zentralen, heiligsten Lehren und Gedanken. Und es hat ihn geglaubt und gefordert — seit seiner Urzeit Tagen bis zur Gegenwart. Seine Schöpfer, zugleich die Begründer aller heute vorhandenen, den einen Gott bekennenden Religionen, seine erhabenen Propheten sind auch die Schöpfer der erhabenen Idee des Weltfriedens. In einem grandiosen sittlichen Ringen, einem ihr tiefstes Inneres aufwühlenden Erleben der tragischen Schicksale ihres Volkes, im Kampfe mit diesem selbst, seinen Königen, weltlichen und geistigen Führern, kurz, in einer gewaltigen seelischen Arbeit, deren Tiefen und Bedeutsamkeit uns die moderne protestantisch-theologische Forschung erst recht enthüllt hat, haben sie ihrem Volke und der Menschheit die höchsten religiösen Wahrheiten erstritten. Darunter auch, als Krone und Vollendung ihres „ethischen Monotheismus", den messianischen Glauben, den Glauben an die in der Erkenntnis des einen Gottes, in seiner Anbetung, in Wahrheit und Recht, in Liebe und Frieden geeinte Menschheit. Einmal erst zur Erkenntnis des einen heiligen Gottes gelangt, haben sie daraus alle jene Folgerungen gezogen, die wir vorhin als die notwendigen Ergebnisse des jüdischen Gottesglaubens bezeichnet haben. Aus einer Zeit, wo die Erde dröhnte unter dem Tritt der alles zermalmenden Heere der Weltmächte, Assurs, Babels, Aegyptens, aus weltgeschichtlichen Kriegsstürmen, die ihr Volk mit dem sicheren, von ihrem Auge klar geschauten Untergange bedrohten, blickten sie ruhig aus in eine Zeit seligen Gottesfriedcns für Israel und die Menschheit. Mit glühenden Farben, wie über sie nur die Palette orientalischer Dichterphantasie verfügt, haben sie das goldene Zeitalter des Menschheitsfriedens geschildert und kommender Kunst bis auf die Gegenwart für die Behandlung dieses Gegenstandes die Hand geführt. Wer kennt nicht zumal des Königs im Reiche der Sprache, des gewaltigen Jesaja farbenprächtige Bilder vom gottgesandten Herrscher des Gvttesreiches, dem Messias, dem Friedensfürsten, dessen Szepter die Gerechtigkeit ist, dessen Lenden gegürtet sind'mit Recht und Treue, der Frieden ohne Ende gebietet bis an der Erde Grenzen. Wer erfreute sich nicht an der Poesie seines Gemäldes vom Reich des ewigen Friedens, in dem selbst das reißende Getier seine Natur friedlich gewandelt hat, der Wolf neben bem Lamme wohnet, der Parder lagert bei dem Böcklein, ein kleiner Knabe, Löwe und Rind zusammen weiden, ein Säugling spielen mag über der Giftnatter Höhle. Wer blickte nicht freudig erhoben von Jesaja und Micha aus in die Endzeit — 2 —