Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 10 (1.10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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11 Im wesentlichen Argumente aus diesem Gebiete führt der vorliegende Aufsatz für seine Thesen an, und ebensolche werden es sein, die ich ihm entgegenhalten will; nur scheinen mir die meinen mehr der Eigenart und dem Temperament der Jugend angemessen und angepaßt. Denn jung im edelsten Sinne erscheint mir die Jugend, die den Kamps der Meinungen nicht nur theoretisch und gewissermaßen von einer höheren Warte mitansehen will, sondern die selbständig und schneidig Partei ergreift; die soviel Entschlußfähigkeit und Mut aufweist, den Zweifel nicht zur Dauer werden zu lassen, sondern aus dem Schwanken hinüber und herüber sich hinauszuretten, das für richtig Erkannte auch nach außen zu vertreten und andern als Wahrheit zeigen zu wollen. Das einzige tatsächliche Argument, das der Schach'sche Aufsatz im Eingänge seiner Ausführungen für sich heranzieht, die Geschichte, die so häufig für entgegengesetzte Behauptungen den Beweis liefern soll, scheint mir gerade meine These zur Evidenz zu erweisen. Wo wäre die große Idee oder die große Tat im Leben irgend eines Volkes, sei sie nationaler, politischer oder kultureller Natur, die nicht durch die Jugend und erst durch Parteinahme der Jugend sich durchgesetzt hätte. Wie stände es heute in unserm deutschen Vaterlande mit der Verwirklichung der Einheitsidee, wenn nicht die deutsche Jugend und in erster Linie die deutschen Studenten im Anfänge des vorigen Jahrhunderts Partei ergriffen hätten für ihr damals verfehmtes Ideal, wenn sie nicht praktisch Stellung genommen hätten zu den Problemen ihrer Zeit und ihre Stellungnahme unter Hervorkehrung aller Vorteile, aber auch aller Auswüchse des „Parteigeistes" mit ihrer ganzen Kraft umgesetzt hätten in Tätigkeit, d. h. in Parteileben und Streben bis zum Todesurteil und jahrzehntelanger Festungshaft. Das Gesetz des Solou, daß jeder Bürger bei Todesstrafe Stellung zu nehmen habe im Parteikampfe, nahm die erwachsene Jugend mit gutem Grund nicht aus, denn nur durch ihre Beteiligung kann wirkliches inneres Leben pulsieren, sie ist besser und lieber als das Alter dazu bereit, sich wegen Prinzipien, die sie des Kampfes wert.erkannt hat, zu schlagen. Das Alter neigt zum Kompromiß und zum Ausgleich; die Jugend, wenigstens die innerlich gesunde Jugend, liebt den Kampf. Und Kampf muß sein, soll die Welt vorwärts kommen und „sich entwickeln". Was sonst in der Geschichte zu finden ist, muß doppelt und dreifach für uns Juden gelten. Ich glaube nicht, daß es uns derart an Individualitäten mangelt, daß wir sie noch künstlich großzüchten müßten; im Gegenteil, es scheint mir gerade ein zu bekämpfender Fehler zu sein, daß nur zu leicht ein jeder von uns glaubt, etwas Besonderes zu sein und darzustellen.' Dieser Mangel au Disziplin ist icherlich nicht nur ein Nachteil für den Einzelnen, ondern hat das Judentum schon oft in Zeiten, wo ein entschlossenes und einmütiges Handeln am Platze gewesen wäre, zur Einflußlosigkeit verurteilt und Schlimmes verschuldet. Eine Erscheinung ist mir noch häufig bei jungen Inden ausgefallen, die ich nicht unerwähnt lassen mochte. Vielfach wird man beobachten, daß gerade diejenigen, die in jüdischen Dingen zu einer Stellungnahme nicht gelangen können und den Parteigeist für eine unwürdige Beschränkung ihrer Individualität halten, in ihren Be- Ziehungen zu unfern nichtjüdischen Mitbürgern das Gegenteil vertreten, daß sie sich stramm den bestehenden politischen Parteien anschließen und für die größtmögliche Disziplin innerhalb derselben eintreten. Ein Unterschied aber darf meines Erachtens keinesfalls gemacht werden zwischen der Betätigung des Juden in jüdischen und in nichtjüdischen Angelegenheiten; sonst gelangt man allzuleicht dahin, daß der Satz „in deutschen Angelegenheiten deutsch, in jüdischen Angelegenheiten jüdisch" bedeutet: in deutschen Angelegenheiten energisch und gewissenhaft, in jüdischen gleichgültig und lax. Selbstverständlich soll hier nicht den Auswüchsen des Parteigeistes das Wort geredet werden; die Angehörigkeit zu einer Partei soll weder, wie es Schach beinahe als selbstverständlich hinstellt, anmaßende lleberhebung über die Ansicht anderer mit sich bringen, noch eine persönliche Bekämpfung und Beschimpfung des ehrlichen Gegners. Je weiter die politische Erziehung eines Bevölkerungsteils, d. h. gerade das Prinzip der selbstverständlichen Parteinahme fortschreitet, desto mehr werden die Auswüchse und Nachteile des Parteilebens, wie wir es in England sehen, verschwinden. Toleranz sollte für den Juden eine selbstverständliche Tugend sein. Niemals aber sollte eine falsch verstandene Toleranz davon abhalten, sich energisch und sachlich für die eigenen Ideale einzusetzen. Es ist aber falsch, anzunehmen, daß der Anschluß des Einzelnen an eine Parteiorganisation für ihn selbst nicht auch moralische Vorteile im Gefolge habe. Einmal gilt auf jedem Gebiet des menschlichen Lebens das Dichterwort: „Es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken". Dann ist auch folgendes zu bedenken. Die Betätigung und Verherrlichung des Individualismus entspringt zum großen Teil einem kalten, herzlosen und unjüdischen Egoismus, die Unterordnung erfordert und erzieht Selbstlosigkeit; denn selbstverständlich ist es, daß bei der Verschiedenheit der menschlichen Naturen nicht jeder immer bis zum letzten J-Pünktchen übereinstimmt mit dem Willen und der Ansicht einer großen Personenmehrheit. Hier kleinliche Eitelkeit'und Eigenbrödelei im Interesse des Ganzen zurückzustellen, ist sicherlich eher charaktersördernd, als umgekehrt stets dem eigenen, oft kleinlichen Willen seinen Lauf zu lassen. Hinzu kommt, daß auch das Gefühl, mit einer Anzahl von Gleichgesinnten am Wege zum selben Ziel zu arbeiten, das Selbstbewußtsein' erhöht und Befriedigung gewährt. Nicht „arm" sind daher diejenigen, die für ihr Streben und für ihre Ideale Anschluß gefunden i s. — 8 — f