Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 10 (1.10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4926451-6352328-6352454--0227-4929498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
alles sehen und alles prüfen. Sie soll aus den äußeren und inneren Erlebnissen ihren Charakter bilden. Die Partei gibt eine bestimmte Brille, um mit ihr die Menschen und die Dinge zu schauen, und sie erscheinen dann in einem ganz anderen Lichte. Die Jugend aber soll mit den klaren Augen frei und ungestört alles sehen. Denn jeder sieht mit seinen Augen anders, jeder entdeckt dabei andere Schönheiten und jeder bildet sich daraus seine eigene Poesie. Der Parteigeist steht im Widerspruch zum eigentlichen Berufe der Jugend und er leistet ihr für die Dauer nie gute Dienste. Er gibt ihr nicht das große freie Leben, das sie braucht, und er bildet einen schlechten Boden für ihre Entwicklung. Wir leiden schon genug darunter, daß unser Parteikampf immer schärfer wird, daß die Gegensätze sich immer mehr zuspitzen, so daß der Bruder den Bruder beinahe nicht mehr erkennt. Sollen wir nun auch unsere Jugend in diesen Kampf hineinpeitschen und Haß und Zwietracht in ihre Seele tragen? Wer erkannt hat, welche großen Aufgaben der Gegenwart der Juden harren, und wie sehr sie durch den Hader der Parteien leiden, der wird sehnsüchtig wünschen, daß wenigstens unsere Jugend davon verschont bleibt und daß ihr der lebendige Quell des Judentums nicht durch Parteiröhren zugeführt wird. Wir alle sehnen uns danach, die Gegensätze zu mildern und versöhnend zu wirken, und wir wollen vor allem die Jugend für diese große Aufgabe erziehen. Die Jugend gehört keiner Partei, sondern der ganzen Judenheit. Die Jugend soll sich ihre geistige Richtung bilden, darin soll sie niemand hindern. Aber sie soll es auf dem Wege der freien Entwicklung tun und nicht verleitet durch Programme und schönklingende Schlagworte. Und sie soll ihre Meinung erst zu befestigen suchen und nicht schon früh mit dem Dünkel der Unfehlbarkeit auftreten und alle anderen Meinungen als inferior betrachten. Das ist nicht nur eine Forderung der inneren Kultur, sondern auch des Judentums. Denn das Judentum gebietet die Achtung vor jeder Ueberzeugung und es predigt nicht die kalte Toleranz, sondern die warme Liebe für alle, die nach Wahrheit ringen. Die jüdische Jugend soll menschlich sein. Sie soll alle Regungen des Gemüts veredeln und hohen Zwecken dienstbar machen. Sie soll kulturell sein, soll nach Vollkommenheit und geistiger Größe streben und alle Errungenschaften des menschlichen Geistes für sich fruchtbar machen. Und sie soll j ü d i s ch sein. Sie soll ihre jüdische Individualität ausbilden und sich alles Große und Schöne, was das Judentum geschaffen hat, zu eigen machen. Das soll ihr „Programm" sein. Alles andere müssen wir der Entwicklung überlassen und unsere Ausgabe ist es, das große Feld der Jugend von allzu großen Hindernissen zu räumen, aber nicht es einzuengen und zu begrenzen. Wir wollen die Jugend zu selbständigen Männern heranreifen sehen und nicht zu Parteimarionetten. Die jüdische Jugend ist zu groß, um sie kleinlich zu gestalten. Wer König ist, soll nicht Nachtwächter sein wollen. Fort mit allen Parteien! Der Jugend gehört die ganze Welt! Die Kartei eine Gefahr für die Jagend? Von Dr. Sinion (Berlin). „Des tätigen Manms Behagen sei Parteilichkeit." Goethe „Pandora". In meiner Eigenschaft als Mitglied des Redaktionskomitees war ich in der Lage, von den vorstehenden Zeilen vor ihrer Veröffentlichung Kenntnis zu erhalten. Durch sie zum Nachdenken über die von ihrem Verfasser erörterten Probleme angeregt, gelangte ich allerdings nicht zu dem gleichen Resultat wie er. Es ist vielleicht nicht das schlechteste Zeugnis für eine Abhandlung, ivenn auch der prinzipielle Gegner durch die erschöpfende Behandlung der verschiedenen Seiten der zu lösenden Frage zu einer, wenn auch abweichenden. Erkenntnis von ihrem Zusammenhang geführt wird. Bei der großen Wichtigkeit der behandelten Frage und ihrer möglichen praktischen Bedeutung gerade für die meisten Mitglieder unseres Verbandes halte ich es für erforderlich, den entgegengesetzten Standpunkt hier zu präzisieren. Zunächst ist eines zu berücksichtigen. Die Frage, was für die Jugend und insbesondere für die jüdische Jugend schöner, vorteilhafter, mit einem Worte wünschenswerter ist, — unfruchtbare Objektivität gegenüber allen unsere Tage durchtobenden Meinungs¬ und Weltanschauungs-Gegensätzen, oder frisches und entschlossenes Eingreifen in den Jdeenkampf — kann niemals objektiv mit Gründen der Logik entschieden und etwa wie ein mathematischer Lehrsatz bewiesen werden. Die Stellungnahme zu ihr wird immer abhängig sein von Sentiments und Stimmungen, von Regungen des Gefühls und des Temperaments. 8