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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-10-01 · 10 (1.10.1911) · p. Seite 7

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
10 (1.10.1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Das Judentum ist die freieste aller Religionen und es bietet den weitesten Raum für eine natürliche Entwicklung. Aber es ist viel zu groß, um sich in den Rahmen einer Partei hineinzwingen zu lassen. Es ist zu gesund, um im Gleise zu erstarren. Es ist bedauerlich, daß gerade die Parteien der Gegenwart, die ihre Existenzberechtigung aus der jüdischen Individualität ableiten, alles getreu nachahmen, was die politischen Parteien mit ihren Auswüchsen und ihren Kunstmitteln zeitigen. Für die Jugend kann ich mir nichts Schlimmeres denken, als Agitatorin im Dienste einer Partei zu sein. Das Parteileben ist philisterhaft, unkünstlerisch, — und die Jugend soll künstlerisch empfinden, damit ihr Innenleben nicht verwelkt. Die Partei ist eng. der Blick der Jugend aber soll weit sein, soll mit der Sehnsucht alles umfassen. Das Parteileben ist nicht frei von Kleinigkeiten und unschönen Erscheinungen, die Jugend aber soll das Große im Inhalt und die Schönheit in der Form suchen. Nach einer Weltanschauung soll die Jugend ringen, in das jüdische Seelenleben soll sie einzudringen suchen, sich Stein für Stein erobern, um sich dann ein inneres Heim für ihre Individualität zu zimmern. Die Partei aber hemmt diesen so wichtigen Prozeß, denn sie gibt Formeln anstelle von Gedanken, Programme anstelle von Ideen und Personenkultus anstelle wahrer Begeisterung. Sie fesselt die Kräfte, statt sie frei zu machen. Die Jugend soll die Fahnenträgerin des jüdischen Idealismus sein und keine Statistendienste in der politischen Komödie leisten. Sie soll frei und universell denken und sich nicht in ihrem Empfinden durch Schablonen einengen lassen. Sie soll die ganze große jüdische Gedankenwelt im Auge haben und nicht einen kleinen Ausschnitt des Lebens. Sie soll nicht schon früh Parteimauern zwischen sich und den andern Brüdern errichten, denn sie bildet ja die Brücke von Vergangenheit zur Zukunft, von der Theorie zum Leben. Heute, wo die Judenheit in Deutschland zerrissen ist in Parteien und Klassen, soll wenigstens die Jugend schlicht jüdisch sein und sich nicht um Schablonen kümmern. Sie soll sich um Ideale und nicht um Worte scharen. Heute, wo die Zerfahrenheit in den jüdischen Reihen immer größer wird, soll wenigstens die Jugend harmonisch gestimmt sein, soll sich natürlich ausleben und die großen einheitlichen Gesichtspunkte zur Richtschnur nehmen. Die Jugend soll und darf nicht parteiisch sein, denn sie ist unsere Zukunft und unsere Hoffnung. Sie darf nicht engherzig sein, denn sie soll zu den lichten Höhen der jüdischen Ideale emporstreben, wo höhere Ziele winken. Die Jugend soll täglich neue Eindrücke aufnehmen und sie individuell verarbeiten; soll das Schöne nehmen, wo sie es findet, und ihre Seele daran bereichern. Sie soll sich einen Schatz von freudigen Erlebnissen, erhebenden und veredelnden Empfindungen aneignen, um noch später davon zu zehren und die Seele an diesem heiligen Feuer zu erwärmen. Die Jugend soll sich nicht vom Parteikampf verbittern lassen, sondern frei und froh dem Leben mit seinen Wundern entgegenschauen und uns aus der trüben Gegenwart den Ausblick in eine bessere Zukunft gewähren. Sie, die Freieste aller Freien, soll keine Sklavin im Dienste einer Partei sein. Ihr Element ist die Freiheit, und nur in diesem Element kann sie leben und sich entfalten. Es ist gänzlich verfehlt, wenn man glaubt, den Eharakter der Jugend dadurch zu festigen, daß man sie zur Anhängerin einer bestimmten Partei macht. Man kann und darf der Jugend kein politisches Glaubensbekenntnis fürs Leben geben, denn ihr Leben ist anders als das unsrige, und es ist nicht unsere Aufgabe, Vorsehung zu spielen und ihr unwandelbare Dogmen vorzuschreiben. Sie soll selber das Leben prüfen, soll von ihm lernen und sich zu ihm in ein richtiges Verhältnis zu stellen suchen. Die Jugend wird ja noch hundertmal ihre Meinung ändern. Und das muß so sein. Wenn unsere Philister über die Aenderung der Meinungen schmähen, so ist das töricht. Nur wer gänzlich steril ist, ändert seine Meinung nicht- Das Leben ändert sich mit jedem Tage und unsere Seele mit ihm, warum also sollen wir unsere Meinung nicht ändern? Die Jugend soll auch innerlich wachsen, sich vertiefen und ihre eigene Welt mit der großen Welt da draußen in Einklang zu bringen suchen. Sie soll sich von der Natur und nicht von Parteiprvgrainmen leiten lassen, sie soll die großen Lebensideale und nicht die starren Paragraphen zu Leitsternen nehmen. Die Partei aber mit ihrem engen Horizont hindert das innere Wachstum. Denn sie läßt die Strahlen der Sonne nicht in die Seele eindringen, — und die jugendliche Seele braucht viel Sonne. Die Partei schafft einen beschränkten Rahmen, über den hinaus man nicht denken kann Die Jugend aber soll frei und ungehemmt denken und die Wahrheit auf allen Wegen suchen. Die Partei bildet einen hohenZaun, über den hinaus man nicht sehen soll, die Jugend aber soll i 7

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