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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-10-01 · 10 (1.10.1911) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
10 (1.10.1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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nur ein Achten auf die individuelle Natur, um ihr gerecht zu werden, ein Leiten nach den vorhandenen inneren Gesetzen. Mehr können wir nicht tun. und mehr dürfen wir auch nicht tun. Denn der Mensch ist ein organisches Wesen, das nur dann groß und schön wird, wenn es sich nach seiner inneren Natur entfaltet. Der Bildhauer gibt dem Stein sein Gepräge und macht aus ihm sein Werk, der Gärtner muß die Pflanze nach ihren eigenen Gesetzen ziehen, und je weniger willkürlich er dabei verfährt, desto größer die erzielten Erfolge. Seine ganze Kunst besteht in der Beobachtung, in der Pflege. Vollends für die reife Jugend wird man die Entwicklung als Ziel und Richtung unseres kulturellen und ethischen Strebens betrachten müssen- Wir helfen ihr am besten, wenn wir möglichst wenig in ihr Leben eingreifen. wenn wir nur die Kräfte, die in ihr schlummern, wecken, den fast immer vorhandenen Idealismus steigern und die Sehnsucht nach Betätigung der Fähigkeiten stillen, den Drang nach Entfaltung aller Kräfte auf die richtige Bahn leiten. Wir fördern damit die wahre Entwicklung, und das ist der beste Dienst, den wir uns und der Jugend erweisen. Zwei Feinde lauern, diese Bahn zu durchkreuzen, zwei Gefahren drohen, die Entwicklung zu hemmen oder sie in falsche Bahnen zu leiten: Seichtheit und Einseitigkeit, P h i l i st e r i u m und P a r t e i g e i st. Wohl uns, wenn es uns gelingt, diese Gefahren vom Leben der Jugend fernzuhalten. Denn beide lassen ein gesundes Gedeihen nicht aufkommen. Die Seichtheit versperrt den Weg in die Tiefe, der Parteigeist ins Freie. Die Seichtheit bietet uns Worte anstelle der Begriffe, fertigt die schwierigsten Probleme mit einer bequemen Phrase ab und tötet den Drang zu denken. Der Parteigeist zwängt die Seele in enge Bahnen und sperrt den Ausblick aufs Ganze, Große. Beide sind für die Jugend ein Unglück, denn sie nehmen ihr ihren eigentlichen Beruf, sie lassen sie nicht jung sein. Eine Jugend, die nicht mehr jung sein kann, die nicht mehr sucht, weil sie glaubt, alles bereits gefunden zu haben, die kein hohes Streben kennt, weil ihr nur kleine Ziele gesteckt sind, — ist eine traurige Erscheinung. Man erweist der Jugend einen schlechten Dienst, wenn man ihr fertige Weisheiten gibt, wenn man ihr sagt: „Sehet, wir haben das Ziel und die Wege bereits gefunden, ihr habt uns nur Handlangerdienste zu leisten." Man soll der reifen Jugend nie etwas Fertiges geben, sondern nur Andeutungen zur Anregung; man soll sie zwingen, selber nachzudenken, man soll zu ihr von den hohen Zielen sprechen, aber sie nicht genau beschreiben, man soll sie begeistern, aber nicht drillen, man soll ihr den Weg zeigen. — gehen soll sie allein. Wer ohne Leiter nicht gehen kann, wird nie zum Mann heraureifen, wer nicht ernstlich mit der Seele sucht, der wird nie etwas rechtes finden. Arm sind die, die bereits alles gefunden haben, für die es kein Suchen und Ringen, kein Streben und Wünschen mehr gibt! Die Jugend soll in den Genüssen des Lebens anspruchslos und genügsam erzogen werden, um sich auch in bescheidene Verhältnisse hineinzufinden und allen Stürmen Widerstand leisten zu können. Auf geistigem Gebiete aber kann man ihre Bedürfnisse gar nicht hoch genug steigern, und je höher man ihre Sehnsucht schraubt, desto reicher wird sich ihr Innenleben gestalten, desto mehr werden alle Kräfte angespannt werden, um ein hohes Ziel zu erreichen. Nie soll die Jugend zufrieden sein mit dem schon Erreichten, sie soll immer vorwärts streben, immer weiter voller Sehnsucht wandern, dem Lichte entgegen. Man soll die Jugend zwingen, die Tiefe zu suchen. Man soll sie von der Oberfläche, wo es sich so vergnügt plätschern läßt, mit aller Gewalt abbringen, denn nur in der Tiefe ruhen die Schätze des Innenlebens. Die Seichtheit mit ihrer billigen Weisheit und ihrer hohlen Rhetorik, mit ihrer philiströsen Behäbigkeit und ihrer engherzigen Kleinlichkeit ist Gift für die Jugend, denn sie tötet alle Keime des Idealismus, sie schwächt die Kräfte, bevor sie noch zur Entfaltung gelangt sind. Eine kurze aphoristische Andeutung ist mehr wert, als eine oberflächliche Theorie, die kleinste geistige Anregung bedeutet mehr als die klugen Lehren des heiligen Philisteriums. Noch größer aber ist die Gefahr, die der P a r t e i g e i st der Jugend bringt. Denn aus der Oberfläche kann man sich doch noch, wenn man ihrer überdrüssig geworden ist, in die Tiefe retten. Wer aber einmal gelernt hat, die Welt aus dein engen Gesichtskreis der Partei zu beurteilen, der hat die Kunst des unbefangenen Beobachtens für immer verlernt. Besonders für die j ü d i s ch e I u g e n d ist der Parteigeist ein herzlich schlechter Berater. Denn er ist unjüdisch und er steht den Regungen der so fein nüancierten jüdischen Psyche ganz verständnislos gegenüber. Das Judentum kennt wohl Richtungen, aber keine Parteien, geistige Kämpfe um Weltanschauungen und Prinzipien, aber keine Schablonen. 6

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