Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 10 (1.10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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kurzer Zeit so hoch geschraubt haben, daß er dem vollen Arbeitserträge' sehr nahe kommt. Damit wäre die „Freibürgerschaft" verwirklicht, der Staat wäre nicht mehr eine Organisation des Klaffennutzens, sondern die des gemeinen Nutzens, und die fernere wirtschaftliche Entwicklung beruhte lediglich auf größerer „Produktivität", auf immer vervoükommneterer Beherrschung der Natur, statt aus der Ausbeutung einer Klaffe durch die andere. Das ist in kurzem die gewissermaßen politische Seite des Buches. Ihr ist verhältnismäßig so breiter Raum gewährt worden, weil für diesen Teil bei dem Leser dieses Blattes am meisten Interesse vorausgesetzt wurde. Hierauf aber beruht durchaus nicht allein die Bedeutung des Buches. Bietet es doch ein vollkommenes, nach allen Seiten gründlich fundiertes System der politischen Oekonomie. Es orientiert den Leser über alle Probleme dieser Wissenschaft und bietet fast überall neue, überraschende Lösungen. Hier sei nur noch auf das schwierigste aller ökonomischen Probleme, das Wertproblem, hingewiesen, das Oppenheimer nach gründlicher, allseitiger Beleuchtung auf die elegante Formel „Wert Höhe des Beschaffungswiderstandes" bringt. Wer sich für das Lohnproblem interessiert, sei auf den Artikel „Lohn" von Professor Bernhard in der neuen (dritten) Auflage des Handwörterbuchs der Staatswissenschaften verwiesen, in dem die Monopollohntheorie in knapper und doch eingehender Form gewürdigt wird. Ueber Oppenheimers Staatstheorie orientiert ganz kurz der Artikel „Staat", ebenfalls im Handwörterbuch der Staatswissenschaften, aus Adolf Wagners Feder, ausführlicher Oppenheimers eigener Essay, der „Staat" in der Sammlung „Die Gesellschaft" (herausgegeben von Martin Buber). Vielen Lesern dieser Zeitung ist wohl die Siedlungsgenossenschaft des Verfassers bekannt, insbesondere durch die Versuche, die von zionistischer Seite in Palästina gemacht werden, Oppenheimers Ideen in die Praxis umzusetzen. In den verschiedenen Fachzeitschriften verstreut, existieren noch eine Reihe von Aufsätzen des Verfassers über einzelne Probleme (so über seine Krisentheorie, sein Verhältnis zu Marx, zn Ricardo, zu Henry George, über die Entstehung des Kapitalismus, zur Geschichtsphilosophie u. ff.). Schließlich möchte ich aber doch jedem raten, sich durch die hohe Seitenzahl nicht abschrecken zu lassen und das Buch selbst zur Hand zu nehmen, dessen bemerkenswerter Inhalt noch dazu in meisterhafte Form gegossen ist. Er wird cs nicht bereuen. stuck, phil. Cora Berliner-Hannover. a*r Schlntzlermine der Redaktion. Ha) für den Allgemeinen Teil 81. jeden Monats b) für den Verbandsteil Ü!t. „ „ c) für den Inseratenteil 85. „ „ Zusendungen, die uns nach den angegebenen Daten zugehen können für die nächste Nummer nicht mehr Berücksichtigung finden. Die Redaktion. Gedanke« «der die Tätigkeit der Jugendvereine?) Auszug aus einer Rede des Herrn Rabbiner Dr. Warschauer im Jüdischen Jugendbund Berlin über das Thema: „Moderne Jugend und Judentum".) Die Begründung der Jugendvereine ist aus der Erkenntnis des mangelnden Zusammenhangs eines großen Teiles unserer Jugend mit dem Judentum hervorgegangen; ihre Aufgabe ist daher die Wiedergewinnung dieses für unsere Zukunft so wichtigen Teiles unserer Gemeinschaft, insbesondere aber des Teiles unserer Jugend, den ich. vom herrschenden Zeitgeiste und seinen Bildungselementen erfüllt, als die „moderne Jugend" bezeichnen möchte. Es ist eine weithin bekannte Tatsache, daß viele unserer modernen, gebildeten Jungfrauen und Jünglinge dem Judentum gleichgültig, wenn nicht gar abgeneigt gegenüberstehen. Dieses Verhältnis beruht zunächst auf der Stellung, die heute vielfach noch von unseren Gebildeten gegenüber der Religion eingenommen wird. In weiten Kreisen herrscht noch immer die Vorstellung, daß Religion und moderne Weltanschauung miteinander unverträglich sind, eine Folge des vor Jahrzehnten die Geister beherrschenden, von der Naturwissenschaft ausgehenden Materialismus. In Wirklichkeit ist dieser in den Kreisen der wissenschaftlich Gebildeten und auch der Naturwissenschaft selbst überwunden; es vollzieht sich ein deutlicher Umschwung, eine Rückkehr zum Idealismus, der sich in der Wissenschaft, in der Kunst, in der Literatur, in sozialen und ethischen Bestrebungen Nachweisen läßt. Andererseits ist auch die wissenschaftliche Theologie an der Arbeit, um die überlieferte religiöse Ideenwelt kritisch zn sichten und das auszuscheiden, was mit unserer Welterkenntnis nicht mehr vereinbar ist. So steht ein neuer religiöser Aufschwung auf der Grundlage einer Versöhnung zwischen Religion und Wissenschaft bevor. Von diesen Tatsachen ist in den Kreisen der Heranwachsenden Jugend nur allzuwenig bekannt. Hier steht man vielfach ganz unter dem Einflüsse einseitiger naturwissenschaftlicher Anschauung, wie z. B. Häckels bekanntes Buch „Die Welträtsel" eine Lieblingslektüre der jungen Leute ist. Dazu kommt, daß unsere jüdische Jugend religiös nur unzureichend ausgerüstet ist. Der Unterricht wird meist mit dem 14. Lebensjahre abgebrochen, zu einer Zeit also, wo man eben anfängt, für eine tiefere Betrachtung der religiösen Dinge reif zu werden. So geht man in religiöser Beziehung sozusagen „mit Kinderschuhen" ins Leben, denen man natürlich gar bald entwachsen ist. Hier ist es Aufgabe des Jugendbundes, einzusetzen durch Vorträge geeigneter Persönlichkeiten, durch Erschließung geeigneter Lektüre, aufklärend zu wirken und seinerseits die Wiedergewinnung der Jugend für die Religion als solche änzubahnen. — Aber auch für die jüdisch e Religion muß das *) Bgl. .„Mitteilungen" Nr. 7/8 S. 7. 4