Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 10 (1.10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Grundanschauungen, daß in Karl Marx' „Zukunftsstaat" wie in Oppenheimers „Freibürgerschaft" der Zukunft die Klassenunterschiede verschwunden sind und nur rein individuelle herrschen; daß Grundrente und Profit ihre überragende Bedeutung verloren haben und die Menschen im wesentlichen nur Arbeitseinkommen beziehen; daß die soziale Schichtung der Gesellschaft lediglich durch Fähigkeit und Energie des Individuums bedingt wird. Aber das Charakteristikum der Freibürgerschaft ist die Herrschaft des Liberalismus. Das ist die zweite Grundidee des Buches. Der Verfasser geht zurück auf den Altmeister der Nationalökonomie, auf Adam Smith. Er vertritt aufs neue jenen Standpunkt, der in der absoluten wirtschaftlichen Freiheit, in der freien Konkurrenz der Individuen wie der Völker die beste Gewähr für den wirtlchaftlichcn Fortschritt sieht. Er glaubt daran, daß bei tatsächlicher Durchführung der wirtschaftlichen Freiheit die Harmonie aller Interessen cintreten werde. Denn wie ist der Kampf der herrschenden Schule gegen Adam Smiths Grundanschauungen entstanden? Männer wie Rodbertus, Marx, Schmoller, Wagner, Brentano sahen in den 60er, 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts das ganze ungeheure Elend, das die rapide Entwicklung der kapitalistischen Großindustrie in den Städten angehäuft hatte, und machten dafür die freie Konkurrenz verantwortlich, die den Schwachen dem Starken preisgab. Aber woher stammte dieses Heer der Schwachen und Elenden, wie war dieser Ueberfluß an Händen zu erklären, der den Lohn der Arbeit auf das tiefste herunterdrückte? Hier spinnt Oppenheimer die Idee des großen Engländers fort. Weil die wirtschaftliche Freiheit nicht vollkommen durchgeführt war, weil nicht alle Monopole vertilgt waren, konnten auch die Segnungen der Freiheit nicht eintreten. Das wichtigste, das notwendigste Gut, das, worauf unsere ganze Existenz beruht, ist von der Freiheit ausgeschlossen, befindet sich als Monopol in den Händen einer verhältnismäßig kleinen Klasse. Ich meine das Großgrundeigentum. Nur ' dadurch, daß in grauer Vorzeit durch Unterwerfung eines Stammes durch einen anderen sich die ersten „Staaten" bildeten, eben indem die Sieger den Grund und Boden „sperrten", um die Besiegten in Unterwürfigkeit zu halten, konnte überhaupt ein Proletariat, eine Klasse der Besitzlosen entstehen. Wer Herr ist einer eigenen Scholle, wird sich nicht zum Knecht eines anderen verdingen. Die Erde aber könnte jedem ein Stück, groß genug, ihn und feine Familie zu ernähren, gewähren. Vernichtend ist die Kritik, die Oppenheimer der Bevölkerungstheorie des Malthus, wie der „Kinderfibel der ursprünglichen Akkumulation" zuteil werden läßt. Weder das „Naturgesetz", daß die Menschen „die Tendenz haben", sich stärker zu vermehren als der Nahrungsspielraum, noch die bourgeoisökonomische Lehre von der „Enthaltsamkeit" deS Einzelnen, die nach Besiedelung alles verfügbaren Bodens die Klassenunterschiede als vergrößerte individuelle Unterschiede geschaffen haben soll, vermag die heutige Struktur der Gesellschaft zu erklären. Aber auch denjenigen tritt Oppenheimer entgegen, die die Entstehung des städtischen Proletariats lediglich aus den wirtschaftlichen Umwälzungen, aus der Proletarisierung des Mittelstandes ableiten. Das Proletariat ist keine Folge, es ist die Bedingung des Kapitalismus. Nur durch das „primäre Gewalteigentum" am Grund und Boden konnte die Scheidung in Besitzende und Besitzlose entstehen; und erst daraus ist das „sekundäre Gewalteigentum", das Kapital, zu erklären. Denn das Kapitalverhältnis ist ein Klassenverhältnis, das steht und fällt mit der Klasse der „freien Arbeiter", frei in dem bitteren Doppelsinn des Wortes, einmal im Besitze ihrer „persönlichen Freiheit", dann aber „nackt und bloß" von allen Produktionsmitteln. Nur indem und so lange diese Klasse vorhanden ist, und in solcher Zahl vorhanden ist, daß immer „zwei Arbeiter einem Meister nachlaufen", kann der Kapitalist den „Monopolgewinn", den Profit von den Arbeitern erpressen, erhält der Arbeiter nicht den vollen Ertrag seiner Arbeit, sondern muß sich mit einem geringen Bruchteil desselben, dem „Monopollohn", zufrieden geben. Ist aber das Großgrundeigentum als die Grundursache der sozialen Krankheit, des Mißverhältnisses zwischen Kapital und Arbeit erkannt, muß in seiner Beseitigung die Heilung liegen. Als „wissenschaftlicher Sozialist", d. h. als Forscher, der die Entwicklungstendenzen aus dem Geschichtlichgewordenen herausarbeitet, deutet Oppenheimer den künftigen Gang der Dinge an, wie er seiner felsenfesten Ueberzeugung nach eben seiner Gesetzmäßigkeit wegen erfolgen muß. Im fernen Osten, wo das Agrarproblem am dringendsten der Lösung harrt, in Rußland, muß früher oder später — ob auf srie d lichem oder revolutionärem Wege, ist nicht vorauszusehen — die Aufteilung des Grund und Bodens erzwungen werden. Damit wären die westlichen Kulturstaaten der ungeheuren Massen Wanderarbeiter, von denen ihre Großlandwirtschaft heute abhängig ist, beraubt. Die Großgrundbesitzer würden froh sein, wenn der Staat ihre unrentabel gewordenen Güter übernähme. Dieser könnte auf dem so gewonnenen Areal kleine Bauern oder genossenschaftlich wirtschaftende Landarbeiter ansiedeln. Auf diese Weise würde der Zuzug in die Städte, der den dortigen Arbeitern immer wieder in den Rücken fällt und ihr Lohnniveau drückt, abgestellt werden. Denn der „Lohn baut sich auf in einer Pyramide, geschichtet nach der relativen Seltenheit der Vorbedingungen", d. h. nach der Qualifikation der Arbeit, deren breite Basis der Lohn des großen Landproletariats, deren Spitze der Lohn des höchstqualifizierten Arbeiters bildet. Nur eine Hebung der untersten Schicht kann Gewähr bieten für einen dauernden Aufstieg aller anderen. Gesichert gegen Zuzug würden die städtischen Arbeiter mit den Kapitalisten spielend fertig werden und ihren Lohn in 3