Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 10 (1.10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Amsterdam in die Lehre. Der allgemeine französische Geschmack der Zeit zog den jungen Künstler nach Paris, das er Mitte der vierziger Jahre mit 500 Gulden betrat. Zwei Jahre lebte er hier von dem Kapital und kehrte 1848 beim Ausbruch der Revolution nach Holland zurück. In Amsterdam, wo er sich niederließ, hatte er trotz eifrigsten Bemühens mit seinen italienisierten und theatralischen Bildern, die er der Ermahnung seines Lehrers Krufemann gemäß, ja keine häßlichen Menschen zu malen, ausführte, keinen Erfolg und war froh, wenn sie ihm mit zehn oder zwanzig Gulden abgenommen wurden. Angestrengte Arbeit und Entbehrung warfen ihn aufs Krankenlager. Zur Erholung ging er nach dem damals noch kleinen Fischerdorfc Zandvoort; hier sah er die ärmlichen Fischerhütten, die schwere Arbeit ihrer Insassen und die charakteristischen, durchfurchten Gesichter der Seeleute in ihrer einfachen Kleidung. Das geheimnisvolle Dunkel der niederen Räume, deren kleine Fenster nur selten einen Sonnenstrahl eindringen lassen, das spärliche Lichtchen am Abend, das die Gegenstände kaum erkennen läßt, die öden Strandhügel mit den ausgcbreiteten Fischernetzen und die dünnen Gräser der Dünen, die der Wind leise fächelt, begleitet von dem ewig dumpfbrausenden Getöse der an das Ufer spülenden Wellen - das alles ergriff seine Seele und ließ ihn die Poesie erkennen, die hier in der geschäftigen Armut des niederen Volkes und der einsamen Natur steckt, und hier ward er der große Künstler, der erhabene Künder dessen, was tief im Innersten des Gemütes schlummert; hier ward er der große Israels, der große Nachkomme seines Landsmannes Rembrandt. Das folgende Dezennium führte Israels von Erfolg zu Erfolg. Seine Werke, anspruchslos in ihrem Aeußeren, wenig, ja fast gar keine Handlung darstellend, sprechen unmittelbar zum Gemüt. Alles gewinnt in ihnen Leben: das flackernde Licht, der aus einem brodelnden Kessel aufsteigende Dampf und das verstohlen in die Kammer eindringende Sonnenlicht. Und die Menschen, die sich schwerfällig in den dumpfen Räumen und auf der öden Heide bewegen oder regungslos in sich versunken dasttzen, erzählen von Kummer und Leid, von Sorgen und Plagen und schwerer Arbeit. Die Kleinen wissen noch nichts von alledem, sie spielen heiter am Sterbebette der Mutter und am Strande herum, sie erfreuen sich am Plätschern der Wogen und ahnen nicht, daß draußen, weit draußen der Vater auf schwankendem Kahn mit den Elementen kämpft und vielleicht nicht wieder heimkehrt. Neben dem Kinde steht die Mutter, die hinausstarrt auf das unendliche Meer, bange Ahnung im Herzen, denn der Gatte und Vater kommt immer noch nicht zurück. Großmütterchen sitzt am Ofen und streckt die zitternden Hände nach dem Feuer aus, um sie zu wärmen. Und verlassen kauert in der Ecke der Greis — alle haben ihn verlassen, es ist öde um ihn her; kummervoll senkt er das silberweiße Haupt und träumt von vergangenen, längst entschwundenen Tagen. Etwas Abgeklärtes und Tröstendes liegt aber über all diesen Schilderungen, wie die Worte eines Weisen und Propheten, der zu seinem Volke spricht. Diese Sprache erreicht ihren Höhepunkt in dem Gemälde „Ein Sohn des alten Volkes", wohl dem gewaltigsten und großartigsten Gemälde der modernen Kunst, dem Meisterwerk jüdischer Kunst par excellence. Dieses Bild, das wir unseren Lesern als Extrabeilage, in einer Reproduktion nach der Radierung von Hermann Struck, diesem Hefte anfügen, zeigt uns einen armen Juden in einer Gasse Amsterdams. In stumpfer Resignation sitzt er vor seinem mit alten Kleidern, verbogenen Leuchtern, Regenschirmen und allen möglichen anderen Lumpen angefüllten Trödelkram. Das Elend, die Not, der Kampf und die Qualen tausendjähriger Erniedrigung sprechen aus diesen Zügen; Armut, nichts als Armut — aber kein Laut des Unmutes oder der Verzweiflung, denn der Gott der Väter wird weiter helfen — das Bild des schweigenden Duldens! Das ist Israels der Künstler, Israels der Jude. Von Herzen kommend, zu Herzen gehend sind seine Werke, die Niederschriften einer fühlenden Brust. Und jetzt, da dieses gesegnete Leben abgeschlossen ist, da er uns verlassen und als ewiges Erbe die Werke seiner gottbegnadcten Hand hinterlassen hat, blicken wir dankerfüllt gen oben, da ein solcher Mensch unserer Zeit beschieden war, der ein reiches Leben gelebt, der Menschheit zum Segen und uns Juden zum Stolz — denn er war ein echter Sohn des alten Volkes. Liberaler Kazialisnms. Theorie der reinen und politischen Oekonomie. Ein Lehr- und Lesebuch für Studierende und Gebildete von Dr. Franz Oppenheimer, Privatdozent an der Universität Berlin.*) Es ist außerordentlich schwer, einem Buche wie Dr. Franz Oppenheimers großem Lehrbuch „Theorie der reinen und politischen Oekonomie" in einer kurzen Anzeige gerecht zu werden. Bringt es doch auf mehr als 700 Seiten eine Fülle des Neuen und Ueberraschenden. Und es erscheint fast unmöglich, bei der großen Einheitlichkeit dieses Werkes einzelnes herauszngreifen und gesondert zu betrachten. Trotzdem erscheint das Allgemeininteresse an dem Buche zu groß, als daß nicht versucht werden müßte, der Schwierigkeiten Herr zu werden. Die Grundideen des Buches, aus denen heraus es geboren ist, und die wie ein roter Faden das Ganze durchziehen, scheinen mir die folgenden zu fein. Einmal die Idee des Sozialismus. Allerdings ist es ein anderer Sozialismus, wie der, den Karl Marx' Riesengeist aufgerichtet hat. Aber darin treffen sich beider *) Verlag von Georg Reimer, Berlin 1910. 2 —