Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 9 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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I Kreisen, deren Sympathien ihm wertvoll sein müssen, zu schädigen, mehr aber noch der Sache des neutralen Verbandes selbst. Der Zionismus reklamiert bekanntlich schon jetzt — ohne daß er dazu sachlich berechtigt wäre — die ganze jüdische Jugend sür sich und propagiert die Idee einer Ueberleitung der ganzen jüdischen Jugendbewegung ins zionistische Lager, wie noch kürzlich erst wieder aus der Schrift von Hans Goslar: „Die KriflS der jüdischen Jugend Deutschlands", die soeben erschienen ist, ersichtlich, ist, und wie es in zielbewußter Weise von den offiziellen Organen des Zionismus ständig bekundet wird. Man lese nur, was darüber das Organ der deutschen Zionisten auch wieder in der letztwöchentlichen Nummer schreibt. Herr Goslar, der Verfasser der hier erwähnten Broschüre, ist Mitglied, — wenn wir nicht irren, sogar Vorstandsmitglied des Berliner jüdischen Jugendbundes, der auch durch zwei Mitglieder?) im Borstand des Verbandes der jüdischen Jugendvereine vertreten ist, und darum muß diese Propagierung der Ueberführung der jüdischen Vereinsbewegung in den Zionismus besondere Beachtung finden. In der Tat scheint uns, soweit die jüdische Jugendbewegung in Deutschland in Frage kommt, für diese die zionistische Sonderbestrebung bedenklicher zu sein, als diejenige der religiös liberalen Richtung, die neuerdings mit der Gründung besonderer Jugendvereine vorgeht in der ausgesprochenen Tendenz, dadurch ein Gegengewicht gegen die zionistischen Sonderorganisationen und zionistischen Kryptoorganisationen zu schaffen. Im Prinzip kann es gar keiner Frage unterliegen, daß die e i n z i g e r i ch t i g e Tendenz der Jugendvereinsbewegung diejenige ist, die durch den großen Verband vertreten wird, dem ober st e s Gesetz die politische wie r e l i g i ö s e N e u t r a l i t ä t ist. Aber es scheint uns bei aller Anerkennung für die hervorragenden Leistungen der Berbandsleitung doch ein taktischer Fehler (der auch ein s a ch - licher sein dürfte) gewesen zu sein, es an einer entschiedenen Frontstellung gegen die zionistrstischen Sonder bestrebungen haben fehlen zu lassen, tdagegen nur gegen die Reaktion auf solche, gegen die liberale Jugendbewegung, öffentlich zu protestieren. Uni so erfreulicher ist cs, nunmehr aus der letzten Nummer des VerbandsorganS eine merklich' treffende Kritik der zionistischen Aspirationen auf die ganze jüdische Jugendbewegung zu finden, eine Kritik jener Aspirationen, wie sie in der Schrift Goslars zum Ausdruck gelangt find. Nichts Besseres ließe sich gegen die Goslarsche Schrift sagen, als dasjenige, was Herr Referendar Karl Löwenstein-Aachen dort ausspricht: „Ebensowenig", heißt es da, „wie in der Anlage spricht die Schrift in ihren Schlußfolgerungen unseren strebungen, wo der Verfasser die Hoffnung ausspricht, sich der Zionismus in unserer Bewegung sieghaft ausbreiten möge, und wo er gar mit den Worten schließt, daß nur in einer z i o n i st i s ch e n Jugendbewegung — die ja doch schon heute neben unserer neutralen besteht — eine sichere Gewähr für die Erhaltung des Judentumes zu erblicken sei. Mit diesen Ausführungen verläßt der Verfasser den Boden unserer Tendenzen. Denn wer unsere herrliche Bewegung zu Parteizwecken ausbeuten will, wer gar danach trachtet, sie in eine Parteiorganisat ion umzuwandeln, wie es der Verfasser in klaren Worten ausspricht, der versündigt sich an unserer Bewegung, der verletzt das Vertrauen der andersgesinnten Vereinsbrüder, die für das Judentum arbeiten, nicht aber fremde Parteiinteressen fördern wollen." Man hätte nur gewünscht, daß diese Kritik der freimütig enthüllten Absichten der Zionisten auf die neutrale jüdische Jugendbewegung offiziell gegengezeichnet worden wäre. Allein die Tatsache, daß der Hinweis auf die Gefahr, die von dieser Seite, der zionistischen, der neutralen jüdischen Jugendbewegung droht, in dem offiziellen Verbandsorgan Aufnahme gefunden hat, beweist, daß man diese Gefahr erkennt und ihr entgegentritt, offen und entschieden, und auch das ist schon ein Gewinn. Auch in der letzten Vorstandssitzung des Verbandes vom 28. v. M. kam cs zu einer kleinen Meinungsdifferenz, die in ent- Bedaß diesem Zusammenhangs von einigem Interesse auch für die große jüdische Oeffentlichkeit ist. Der jüdische Jugendbund Berlin hat nämlich dem Vorstand eine Resolution zur Beschlußfassung vorgelegt, die sich abfällig über die Gedenknummer anläßlich der Jahrhundertfeier der Emanzipation ausspricht und in der es dann weiter heißt: „Der Vorstand des Berliner jüdischen Jugendbundes konstatiert mit besonderem Erstaunen, daß der an die Angefragten (bei der Enquete) gerichtete Begleitbrief eine durchaus subjektive und unzutreffende Interpretation des Verbands st atutes enthält, die der gesamten Oeffentlichkeit ein durchaus falsches Bild von der w i r k l i ch e n T e n d e n z des Verbandes gegeben hat, und gibt, der bestimmten Hoffnung Ausdruck, daß analoge Fälle in Zukunft vermieden werden." — Um richtig würdigen zu können, wogegen sich der P r o t e st des Berliner Jugendbundes richtet, erscheint es notwendig, sestzustellen, daß in dem betreffenden geiadelten Begleitschreiben als die Ziele des Verbandes bezeichnet wurden: 1. Die schulentlassene jüdische Jugend zu treuen selbstbewußten Anhängern ihrer altehrwürdigen Gemeinschaft heranzuziehen und ihr stets vor Augen'zu führen, daß nur ein aufrechter Jude der andersgläubigen Mitwelt Achtung abnötigen kann. 2. Die Jugend zur freudigen Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber dem deutschen Vaterlande heranzuziehen und . den erklärlichen Pessimismus, der weite jüdische Kreise angesichts der vielen Entrechtungen der Juden ergriffen hat, mit aller Energie zu bekämpfen. Also diese hier niedergeschriebenen Gipfelpunkte der Ziele des Verbandes sind nach der Auffassung des Vorstandes des Berliner Jugendbunües nicht richtig angegeben. Es wäre dies eine durchaus subjektive und unzutreffende Interpretation, die ein f a l s ch e s B i l d von verwirklichen Tendenz des Verbandes gegeben hat. Man muß sagen, es ist fast eine Ungeheuerlichknit, wenn hier dem Verbandsvorstande der natürlich absolut haltlose Vorwurf gemacht wird, er hätte der „Oeffentlichkeit ein falsches Bild der Tendenzen" und Ziele des Verbandes unterbreitet. Alle die bei der Enquete Angefragten sind somit nach Auffassung der Berliner Jugendverbändler über Ziel und Zwecke der Jugendvereine — wenn auch nicht absichtlich, so doch tatsächlich getäuscht worden!? Der Vorstand ist zwar über diese Resolution mit allen2) gegen 2 Stimmen — offenbar denen des Berliner Jugendbundes — zur Tagesordnung übergegangen. Aber man kann doch unschwer aus dieser beantragten Resolution ersehen, wie der Jugendvereinsbewegung, die ihre Neutralität bewahren will, fortgesetzt von gewisser Seite Schwierigkeiten bereitet werden, die viel beachtlicher erscheinen als diejenigen, die ihr seitens der liberalen Jugendvereine gemacht werben. Es muß daher auch als bemerkenswert verzeichnet werden, daß selbst der Herr Präsident der Großloge Geh. Justizrat Timendorfer in seinem an die Logen erstatteten Bericht für das Jahr 1910 zwar mit Wärme und mit vollem Recht für die jüdischen Jugendvereinc als unverrückbare neutrale Basis die Forderung aufstellt, daß kein Verein einseitig ausgeprägte religiöse oder parteipolitische Richtung verfolgen darf, weder durch Handlung noch durch Unterlassung, aber in Verfolg dieser Worte doch nur sein Bedauern über die Gründung liberaler Jugendvereine ausspricht, die zionistischen Bestrebungen auf dem Gebiete der jüdischen Jugendbewegung aber nicht namentlich ausführt, sondern sie vielleicht allenfalls andeutet. Es würde sympathischer berührt haben, wenn der Herr Präsident der Großloge das gleiche Bedauern über die zionistischen Separatbestreb ungen auf dem Gebrete der jüdischen Jugendvereinsbewegung zugleich geäußert hätte. „Die Welt", das zionistische Zentralorgan, berichtet in der Kongreßnummer vom 10. August: „Zionistische Jugendorganisation. Zur Besprechung der Frage der zionistischen Jugendorganisatioir ') Durch eine Stimme I A. 2) D. h. sechs gegen zwei (Berlin, B.eslau). A. 18