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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-09-01 · 9 (1.9.1911) · p. Seite 12

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
9 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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orthodoxen Partei reden im Judentum, denn sie schließt alle Nichtorthodoxen aus; von einer liberalen, denn sie bekämpft die Orthodoxie und den Nationalismus. Wie aber kann man den Zionismus eine Partei nennen im Judentum, da er sich den Wahlspruch erkor: „Nichts Jüdisches sei uns fremd"? Der Zionismus hat als Grundlage die These des Alljudentums, die ausnahmslos allen wahrhaft positiv Jüdischen ein Ziel gibt — wie kann man ihn da eine „Partei" nennen im Judentum? Der Zionismus kämpft gegen keine Richtung im Judentum und schließt keine aus; er kämpft lediglich gegen eine Bewegung, die zum Teil bereits außerhalb des Judentums steht, zum Teil aus dem Judentum herausdrängt, gegen einen Liberalismus, der das Judentum in jeder (nationaler und religiöser) Hinsicht der Auflösung nahe bringt. Aber das ist kein Kampf der zionistischen Partei gegen die liberale, es ist der Kampf aller positiv jüdisch Gesinnten gegen eine un- und antijüdische Bewegung. Der Zionismus ist keine Partei, er ist lediglich eine Formulierung des Judentums und zwar die weitgehendste und darum die grundlegendste. Darob ist der Pathos des besagten Kritikus ein lächerlicher, wenn er schreit: „Das Höchste darf nicht die Partei sein, das Höchste muß uns stets das Judentum sein." Denn wenn man uns durchaus zu einer „Partei" stempeln wollte, so wären wir eben die Partei derjenigen, denen „das Höchste das Judentum ist". Darum ist es lächerlich und überflüssig, aber heimtückisch und verhetzend, mit einem Worte: ist es wahrhaft jüdisch-liberal"), zu behaupten, wir „versündigten uns an unserer herrlichen Bewegung und verletzten das Vertrauen der andersgesinnten Vereinsbrüder, die für das Judentum arbeiten, nicht aber für fremde Parteiintereffen". Durch nichts charakterisiert sich besagter Kritikus mehr als dadurch, daß er den Zionismus „fremde Parteiintereffen" nennt —- Ob sich besagter Kritikus bewußt ist, daß die ganze herrliche Bewegung ihrer Herrlichkeit entkleidet und recht armselig anzuschauen wäre ohne die ideellen Werte, die sie dem Zionismus dankt? Ob auch besagter Kritikus weiß, daß so mancher, der heute im Verbände eine Rolle spielt, nicht nur der von ihm mit Sympathie Zitierte, „sich längst hätte taufen lassen, wenn nicht die Zionisten gekommen wären?"7) Wahrlich, die liberale Kriiik unseres herrlichen Verbandsorganes hat die Vorzüge und Wahrheiten und vor allem die Notwendigkeit der Goslarschen Broschüre bester bewiesen, als ein Zionist es vermöchte. Sehr beachtenswert erscheint mir der nachstehende Leitartikel des ^-Mitarbeiters des Kölner „Israelitischen Gemeindeblattes" vom 14. Juli 1911 (Nr. 28): Die jüdische Jugendvereinsbewegung. In dem reichen Kranz jüdischer Großorganisationen hat sich der verhältnismäßig erst kurze Zeit bestehende „Verband der jüdischen Jugendveretne" eine angesehene und viel beachtete Position errungen. Die Jugendvereinsbewegung, bis dahin nur langsam voranschreitend und vielfach nur in der Veilchenverborgenheit engen Kreises wirksam, ist seit Bildung des „Verbandes" in ein lebhaftes Tempo erfreulicher Entwicklung geraten. Die großen allgemein-jüdischen Organisationen nehmen, wie es erst der Hannoversche Verbandslag gezeigt hat, in steigendem Maße Anteil an der Entwicklung des jüdischen Jugendvereinsgedankens. Es ist ja durchaus natürlich, daß wie bei unseren andersf gläubigen Mitbürgern, so auch die verschiedenen Richtungen innerhalb des Judentums, religiöse wie politische, in der Erkenntnis, daß die Jugend die Zukunft bedeute, mit besonderer Aufmerksamkeit die Strömungen und Strebungen innerhalb der Jugendvereine verfolgen. Die Arbeit der jüdischen Jugendvereine aber, wie sie sich innerhalb der einzelnen Vereine vollzieht, sowie die Grundtendenzen und Absichten, die die Gesamibewegung bestimmt beeinflussen, haben bislang in der großen jüdischen Oeffenllichkeit nur eine „km passant - Beurteilung" und selten eine ernste kritische «) Pfui l A. 7) Hitzewelle?? A. Würdigung in ausreichendem Maße gefunden. Man freute und freut sich auch heute in weiten Kreisen der Judenheit über die frische Brise, die durch das jugendlich-jüdische Empfindungsmeer geht und die Wangen der Jugend wieder für alle jüdischen Angelegenheiten und Lebensfragen erglühen läßt, aber in den Wegen und Zielen der jüdischen Jugendvereinsbewegung ist es zu konkreter programmatischen und klaren Einheitlichkeit noch heute nicht gekommen. Der grundlegende Paragraph 1 der Verbandsstatuten gibt für das Ziel der Jugendvereinsbewegung keinerlei positive Richtlinien, und doch soll er, wie ein Redner in Hannover äußerte, die Fahne sein, der man zu folgen habe. Jener 8 1 besagt nur ganz allgemein: „Der Verband der jüdischen Jugendvereine bezweckt die Förderung der gemeinsamen Interessen der in Deutschland bestehenden jüdischen Jugendvereine, welche keine bestimmte politische oder religiöse Richtung verfolgen." Wie die Verhältnisse zur Zeit der Begründung des Verbandes lagen und auch heute noch liegen, bedeutete diese Fassung ein allein mögliches Kompromiß, und es ist nicht uninteressant, daß auch auf dem letzten Verbandstage in Hannover jede Aenderung dieser Zweckbestimmung abgelehnt wurde. Des weiteren ist es noch besonders interessant, daß die Aenderungen. die man in Hannover beantragt, der Berbandstag aber abgelehnt hat, das positive Ziel im Auge halten, als Aufgabe der Verbandsvereine die „Pflege des jüdischen Selbstbewußtseins" festzusetzen. Man wird ohne weiteres zugeben, daß bei der in den einzelnen Jugendvereinen und der jüdischen Jugend selbst vorherrschenden Varietät der parteireligiüsen und parteipolitischen Anschauungen es auch nahezu eine Unmöglichkeit wäre, alle unter einen Hut zu bringen, wenn man nicht jeder Richtung insoweit Rechnung trüge, daß man nur das Allgemein-Jüdische, , unter möglichster Ausschaltung der die einzelnen Richtungen trennenden Momente hervorhebt und in den Vordergrund stellt, und damit eine Plattform schafft, auf die jeder treten kann, der, sich schlechthin Jude nennt. Und er ist eine psychologisch natürliche Erscheinung, daß es bei den einzelnen Vereinen wie beim Verbände schon einer ganz außerordentlichen geschickten Leitung bedarf, um die aus den heterogensten Elementen zusammengesetzten Mitgliedschaften als Ganzes in den Grenzlinien der parteireligiösen Farblosigkeit zu erhalten. Das jüdische Temperament, an sich lebhaft und oft leidenschaftlich, findet, wie bei den anderen Konfessionen, in der Jugend eine besondere Stärke und so erscheint es als vielleicht nicht 'ganz unnatürliches Streben, besonders gewisser Heißsporne, den eigenen Standpunkt auch in den Vereinen, denen sie angehören, zu propagieren. Wenn man trotzdem auf Grund ziemlich eingehender Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse mit einer gewissen Befriedigung seststellen kann, baß es den meisten Leitungen der jüdischen Jugendvereine meistens geglückt ist, oft erst nach schweren inneren Krisen, ihre Vereine in politisch und religiös neutraler Richtung zu erhalten, so ist damit vor allem der Beweis erbracht, daß es ungeachtet aller Parteiunterschiede doch auch ein recht weites jüdisches Arbeitsgebiet gibt, auf dem alle Richtungen und Anschauungen ersprießlich Zusammenwirken können. Diese Erkenntnis aber in der Jugend zu wecken und zu befestigen, ist in der Tat kein unwesentliches Verdienst, das sich der „Verband der jüdischen Jugendvereine" täglich erwirbt. Die Früchte solcher Erziehungsarbeit werden vielleicht schon der kommenden Generation der deutschen Juden zugute kommen. Das müßte der Gegenwart um so wertvoller erscheinen, als wir leider diese Erkenntnis bei der Lösung großer jüdischer Gemeinschaftsaufgaben zur Zeit bei unserem zeitgenössischen Geschlecht vielfach schmerzlich vermissen. Allein anderseits soll nicht verkannt werden, daß eS unter der erfreulich großen Zahl von jüdischen Jugendvereinen doch auch einzelne gibt, die nur äußerlich einen neutralen Charakter zur Schau tragen, ihrem ganzen Wesen nach und zuweilen auch in ihrer äußeren und inneren Betätigung zionistisch sind. Solange sie aber nach außen das Etikett der Neutralität zur Schau zu stellen beflissen sind, ist freilich dem Verband keine statutarische Handhabe gegeben, sie auf die Tatpflicht der Neutralität zu ver oeisen. lind doch find solche Fälle nur zu sehr geeignet, den großen Verband in gewissen jüdischen 13

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