Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 9 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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vorhanden ist, sollten nach dem Vorbild unseres Vereins ähnliche Organisationen gegründet werden. Wir werden mit srischem Mut und erhöhtem Selbstvertrauen in die Herbslarbeit eintreten, wenn wir wiffen, daß auch außerhalb der Mauern Berlins unsere jungen Freunde mit uns arbeiten. Denn wir haben die seste Ueberzeugung und das Bewußtsein, daß allein der Triumph des jüdisch-liberalen Gedankens die Zukunft unserer Religion verbürg 1." Die zionistische (offizielle!) „Jüdische Rundschau" gab in Nr. 28 vom 14. Juli 1911 unter dem Titel: „Die Krisis der jüdischen Jugend Deutschlands" folgenden Ausführungen des Herrn Heinrich Margulies - Katlowitz Raum: „Die deutsche Judenheit hat zu einer Zeit, in der die Gegensätze innerhalb des Judentums schärfer als je aufein anderprallten, den kühnen Versuch unternommen, wenigstens in der Jugend eine versöhnende, überbrückende Einheit herzustellen, und sie schuf zu diesem Zwecke eine Organisation, als deren oberstes Prinzip angesichts der vorhandenen Gegensätze naturgemäß das Neutralitätsprinzip formuliert wurden mußte. Dieses Prinzip, das lediglich dazu geschaffen wurde, um allen Richtungen die Möglichkeit der Mitarbeit zu gewähren, besagt, daß kein dem Verbände angehörender Verein einer bestimmten politischen oder religiösen Partei angehören dürfe. Jedoch von Anfang an wurde mit diesem Prinzip, das — wie man sieht — ein lediglich formales ist, schärfster Mißbrauch getrieben, derart, daß ein Jeder jede noch so harmlose Kundgebung einer ihm nicht angenehmen Richtung sofort zu einer Verletzung des Ncutralitätsprinzips zu stempeln versuchte. Man war bemüht, das oberste Tolerierungsprinzip, herabzuzerren auf das Niveau eines Knebelungsprinzipes. Es liegt in der Natur der Sache, daß angesichts der Stärke der vorhandenen Gegensätze eine derartige Bergewaltigungs- und Vertuschungspolitik nicht von Dauer sein konnte. Sobald nach dem ersten EinheitSrausch die unvermeidliche Ernüchterung ein sogenanntes Erkennen der tatsächlichen Verhältniffe ermöglichte, setzten Bestrebungen ein, die sämtlich in einer Klarlegung deS mißverstandenen Neu« tralitätsprinzipes gipfelten, und die sich zum Ziele setzten, diesem Prinzip seinen ureigentlich beabsichtigten Charakter wiederzugeben. Bestrebungen, die bereits bei dem zweiten Verbandstag — im Frühjahr 1911 in Hannover — Form gewannen, einerseits in einer überaus klärenden Programmrede BlumenfeldS, andererseits in einem von nichtzionistischer Seite gestellten Anträge, den das Neutralitätipnnzip enthaltenden Programmparagraphen des Verbandsstatutes dergestalt zu rektifizieren, daß ein Mißbrauch desselben in oben äusgeführter Weise künftiglich nicht mehr möglich wäre. In diesem Sinne kann man daher füglich von einer „Krisis" in der jüdischen Jngendvereinsbewegung sprechen. Die zur Gründungszeit ein wenig übertünchten Gegensätze prallen mit verdoppelter Heftigkeit aufeinander. Es kommt zu Streitigkeiten, Kämpfen, Sprengungsversuchen und zur Gründung ’ von Konkurrenzunternehmungen — kurzum, wir haben es mit einer regelrechten Krisis zu tun, die zur Lösung drängt. Hans Goslar, der seine Sachkenntnis in dem charakteristischen/) Weil die stärksten Gegensätze vereinenden Verbandsverein, dem Berliner Jugendbund erworben hat, unterzieht sich der Aufgabe, diese Krisis zu untersuchen nnd zu durchlcuchten, die vorhandenen Gegensätze klarzulegen und aus den vorhandenen Konstellationen Schlüffe zu ziehen auf die Art einer etwaigen Lösung. Seine in jedem Betracht empfehlenswerte Broschüre, die unter obigem Titel erschien, zerfällt in zwei Teile. In dem ersten theoretischen Teil untersucht Goslar die in der deutsch-jüdischen Jugend vertretenen Richtungen und sucht Klarheit darüber zu schaffen, in welcher Form und in welchem Grade sie noch dem Judentum angehören; er untersuat, waS den Liberalen, den Orthodoxen und was den Zionisten ans Judentum feitet. Er sondiert die Ursachen für die ständig zunehmende Entjudaisierung unter i) O sancta... A. der jungen Generation und findet sie in der Leerheit und unjüdischen Ideenlosigkeit des bisher gelehrten Religionsjudentums, wenn es als liberales Judentum, in seiner Unfähigkeit, die modernen Bedürfnisse der Jugend zu befriedigen, wenn es als orihodoxes Judentum auftritt. Er weist nach, daß der Zionismus diejenige Formulierung des Judentums ist, die bei überaus hohem jüdisch-ideellem Gehalt auch den modernsten Anforderungen genügt und die daher auch vermag, die Indifferentesten und Gleichgültigsten mit neuem jüdischen Jntereffe zu erfüllen. — Der zweite, mehr praktische Teil bringt eine kurze Nutzanwendung auf den Verband und enthält lediglich die aus dem Vorangegangenen resultierende Ueberzeugung, daß die zionistische Idee, will sagen, die von den einzigen ideellen Stützen des Verbandes getragene Idee, „sich siegreich unter der jüdischen Jugend ausbreiten und alle diejenigen in seinen Bann zwingen werde, die ehrlich und inbrünstig um ihr Judentum kämpfen". Hierin sieht Goslar die Lösung der Krisis, die unausbleibbare, aber auch die beste Lösung, denn „eine starke zionistische Jugendbewegung bietet die sicherste Gewähr für die Erhaltung des Judentums in Gegenwart und Zukunft". Man weiß, wie klein die Zahl derer ist, die ein offenes Wort vertragen, ohne wild zu werden. Man wird sich füglich kaum darüber wundern können, daß das durch seinen Ghettogeist-) sattsam bekannte, durch die Emanzipationsnummer rettungslos dem Fluche der traurigen Lächerlichkeit) anheimgefallene „Verbandsorgan" sich bemüßigt fühlte, den vulkanischen Entrüstungsausbrüchen eines Rfdr. Karl Löwenstein im Sperrdruck Raum zu geben/) Unser Freund Goslar hat besagtem Kritikus mit seiner Broschüre einen jämmerlichen Schrecken eingejagt. Die theoretischen Auseinandersetzungen zwar streift besagter Kritikus kaum, obwohl er beffer täte, sie zu widerlegen, statt Zeter und Mordio zu schreien. Und wo er sie streift, stutzt er sie seinen Zwecken zu. So hat, nebenbei bemerkt, Goslar keineswegs behauptet, daß „unsere herrliche Bewegung", wie sie besagter Kritikus emphatisch nennt, „ausgegangen sei von zionistischen Kreisen (S. 18).' (Wie vertrauenerweckend sich doch so ein Hinzufügen der Seitenzahl macht I) Vielmehr konstatierte Goslar lediglich, daß die Gruppe der Zionisten „als erste auf dem Plan erschien, als der Weckruf an die gesamte jüdische Jugend erscholl —" Im übrigen wendet sich besagter Kritikus rasch zu dem Schlußsätze der Broschüre, der von einer zukünftigen, mehr zionistischen Gestaltung des Verbandes spricht. In erster Linie muß es als leichtfertig charakterisiert werden, wenn man Hans Goslar den Borwurf macht, daß er danach trachtet, „unsere herrliche Bewegung zu Parteizwecken auszubeuten oder gar in eine Parteiorganisation zu verwandeln". Denn erstens hat Hans Goslar lediglich seiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß sich nach Lage der Dinge die Zionististerung des Verbandes auf die Dauer gar nicht werde vermeide» kaffen, dergestalt zumindest, daß alle, die nur ein negatives, frisiert gesprochen: die nur ein liberales Interesse am Judentum haben, herausgedrängt werden, so wie es in Berlin tatsächlich bereits der Fall ist. Zweitens aber ist es lächerlich, hier überhaupt von Parlcibestrebungen zu sprechen. Es ist an der Zeit, daß einmal auch hier mit der albernen Begriffsverwirrung aufgeräumt wird, die da faselt von einer zionistischen, einer liberalen und einer orthodoxen Partei im Jugendverband. Eine „Partei" innerhalb des Judentums können nur Vertreter einer Richtung bilden, die eine andere Richtung innerhalb des Judentums nicht dulden, sie bekämpfen und ausschlietzen?) Darum kann man von einer 2) Bei der Lektüre des obigen Artikels ist mir zum erstenmal so recht aufgegangen, was „Ghettogeist" bedeutet. A. 3) Den ich durch die Aufnahme des M.'schen Artikels nicht zu bannen hoffe. A. *) Der Artikel des Herrn Löwenstein wirkt wohl weniger durch Sperrdruck, als durch seine geradezu mustergiltige Abfertigung der (übrigens von zahlreichen Zionisten enttäuscht abgelehnten) Goslar'schen Broschüre. A. °) Dann wären Sie, Herr M., der geborene Parteiführer. A. — 11