Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 9 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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wurde," d. h. ein Jahr, bevor der „Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" begründet wurde. Daraus ergibt sich, daß unsere junge Bewegung auch nicht im geringsten gegen die „neutralen" Vereine gerichtet ist,°) daß wir allein in eifriger, friedlicher Arbeit an unserem Teile iür ein Judentum, wie w i r es ersehnen, wirken wollen. Nun ist Herrn Goslar aber ein 1-apsus linZuae Passiert. Er griff nämlich die Tendenz unseres Vereins an, und das durfte er als Delegierter des „neutralen" Berliner JugendbundeS nicht I Aus seinen Worten geht deutlich hervor, wozu er — und nicht er allein! — diese ganze Bewegung mißbrauchen will: für den Zionismus gegen das liberale Judentum! Oder ist das noch ein unparteiischer Delegierter, der sagt: „Diese Bewegung (die jüdisch-liberale) muß im letzten Ende doch entjudaisierend wirken. Ich frage Sie daher, meine Herren, wollen Sie, daß eine jüdische Jugendbewegung entstehe, die die Gleichgültigkeit gegen das jüdische Gesetz und den unerquicklichen Kampf gegen alle positiv jüdischen Strömungen sanktioniert?"7) Schon einmal konnte ich in den Blättern dieser Monatsschrift dartun, worin wir Mitglieder des „Jüdisch-liberalen Jugendvereins" unsere höchste Aufgabe erblicken. Wir wissen, daß durch unsere Zeit ein mächtiges Sehnen nach Religion geht. Wenn wir aber diese religiöse Strömung der Gegenwart beobachten, dann werden wir uns sagen müssen: nicht in der Form sucht man Befriedigung, sondern im Wesen. Wenn wir auch nicht mehr auf dem Boden der orthodoxen Tradition stehen, so sind wir doch nicht gegen Ritualnnd Zeremonialgesetze, wir halten sie nur nicht in dem Sinn für verbindlich, wie die Orthodoxie. Wir leugnen nicht, welch eine Fülle von Segen das Judentum gerade diesen Bestimmungen verdankt. Wenn sich das jüdische Familienleben in seiner Reinheit und Hoheit so herrlich entfalten und seine Lauterkeit sich auch bis auf die gegenwärtige Zeit erhalten konnte, so ist das nicht zuletzt auf die zahlreichen Gebote und Verbote zurückzusühren, die das Leben des Juden regelten, ihm im Kampfe mit sich selbst einen starken Rückhalt boten und ihm die Kraft der Selbstbeherrschung und Entsagung verliehen. Aber die Zeiten find anders geworden, und auch wir haben uns mit ihnen geändert. Der Druck äußerer Verhältnisse lastet zu schwer auf uns, als daß wir all diese Verpflichtungen übernehmen könnten, die unsere im Kamps ums tägliche Brot sich heißmühende Generation noch mehr ihrer Bewegungsfreiheit berauben würden, und gar solche Ritualien, die rein nationalen Momenten ihr Entstehen verdanken, zu erhalten, daran haben wir gewiß kein Interesse. Schließlich gibt eS auch Bestimmungen, deren Erfüllung unserem modernen Empfinden unmöglich ist, weil innere Gründe dagegen sprechen. Die Hülle unserer Religion — das lehrt gerade die Vergangenheit — kann sich wandeln, aber der Kern bleibt ewig; der Körper mag sich verändern, doch die Seele ist unsterblich. Unsere Religion kann nur dann unsere lebendige und lebenspendende Wahrheit sein, wenn sie unser Denken und Empfinden zu den höchsten Höhen der Vollkommenheit emporhebt. Erstreben wir als Religion der Zukunft das Judentum, so kann es nur ein Judentum sein, das nicht auf die Form, sondern auf das Wesen Wert und Nachdruck legt. Die Betonung des Inhalts gegenüber der äußeren Form, macht das Wesen des liberalen Judentums aus. Unter „ liberal" verstehe ich und mit mir meine Freunde, natürlich nicht denjenigen, der allein a u S Bequemlichkeit diese Gesinnung fich anmaßt. Nur der, der auS seiner heiligsten Ueberzeugung heraus in ehrlicher Selbstbetrachtung zu seinem Standpunkte gekommen ist, darf fich „liberal" nennen; und nur der — und das ist eben das Alpha und Omega dieses Gedankenganges — der den starken, unüberwindlichen Willen zum Judentum hat. Er muß sich zu der Erkenntnis durchnngen, daß der Sieg der jüdischen Idee auch den Sieg der Humanität und Kultur e) Was Herr Ph. wohl durch obigen Artikel beweisen will? A. 7) Herrn Goskur ist von den nachfolgenden Rednern ganz gehörig auf die Finger geklopft worden. A. bedeutet. Dieser Kamps aber um die höchsten Güter der Welt muß die L ö s u n g der Judenfrage dringen. Je weiter die Menschheit vorschreitet, um so mehr wird das Rechtsbewutztsein wachsen, um so gerechter wird sie werden. AuS diesen Gründen kommen wir liberalen Juden zu einer „Ablehnung eines Nationaljudentums". Das ist nicht, wie es uns so oft vorgeworfen wird, ein negativer Teil unseres Programms, es ist eine durchaus positive Forderung. Darum müssen wir dem Zionismus entgegentreten 8), weil er uns in unserem Kampfe in den Rücken fällt: er bekämpft unsere religiöse Stellung, weil er religionslos ist; er ist ein Gegner unserer politischen Bestrebungen, weil er steht, daß in dem Augenblick, wo unsere staatsbürgerliche Gleichberechtigung durchgeführt ist, ihm auch die letzte Begründung für sein Dasein schwindet. Wenn man also die Verhältnisse objektiv betrachtet, so wird man zugeben müssen, daß ein Einfluß des Zionismus auf die jüdische Jugendbewegung nicht wünschenswert, ja geradezu gefährlich ist. Denn in dem Moment, wo die irregeleiiete zionistische Jugend zu der Ueberzeugung kommt — und dieser Zeitpunkt wird eintreten — daß fie einem Phantom nachgejagtist. muß eine Reaktion eintreten, die die Grundvesten des Judentums erschütiern kann. Dann find diese jungen Juden, die ohne Religion herangewachsen find und nun ihr höchstes Ideal vernichtet sehen, dem Judentum ganz verloren, weil ihnen jeder Halt und jede Stütze fehlen. Darum müssen wir es also ablehnen, in Vereinen mitzuarbeiten, in denen Zionisten Macht und Einfluß haben. Aber es wäre traurig um die jüdische Jugend bestellt, wenn nicht trotzdem ein Weg sich finden ließe, auf dem sie geschloffen marschieren und vereint den gemeinsamen Feind schlagen könnte. 9 * * 12) Dieser gemeinsame Feind ist zunächst der I n d i f f e r e n - 1 i s m u s und das Renegatentum. Gegen diese traurigen Erscheinungen können Orthodoxe und Liberale, Zionisten und Antinationalisten nach einem Plane Vorgehen. In dieser Frontstellung wird die g e s a m t e jüdische Jugend unüberwindlich sein. Aber auch in der Stellung zum Antisemitismus, beispielsweise dem «Deulschnationalen Handlungsgehilfenverband" und den judenfeindlichen Bestrebungen in der Studentenschaft gegenüber, ist die Möglichkeit gegeben, die junge Generation aller Parteien und Richtungen zusammenzuschließen. Und endlich gibt es noch manche Frage, bei deren Lösung das Trennende in den Hintergrund tritt und das gemeinsame Ziel alle Gegensätze verblassen läßt.77) DaS muß das Streben auch des „Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" werden. Es heißt Vertuschungs- Politik treiben, wenn man die Augen verschließt vor den Vorgängen in den einzelnen Vereinen, nur damit diese dem Namen nach „neutral" bleiben. In der Richtung der gemeinsamen Interessenvertretung liegt der Weg, aus dem die liberale jüdische Jugend mit dem Verband Hand in Hand gehen will. Den Nutzen davon hat die Gesamtheit, hat das Judentum. Und nun möchte ich zuletzt noch ein Wort an die Kreise richten, in deren Sinne wir arbeiten. Unser jüdisch-liberaler Jugendverein ist in Kampf und Sturm geboren, aber er hat es in der kurzen Zeit seines Bestehens bewiesen,78) daß er es sehr gut versteht, seine Waffen zu führen. Mehr als 200 Mitglieder füllen seine Reihen, zahlreiche Freunde und Gönner hat er fich in Berlin erworben. Doch so lange wir allein stehen, sind wir nur eine schwache Zahl, die der Masse gegenüber wenig bedeutet. Wir bedürfen auch der m o r a l i s ch en Unterstützung durch unsere GestnnungSgenossen in anderen jüdischen Gemeinden unseres Vaterlandes. Ueberall dort, wo die Jugend auf Betätigung für den jüdischen Liberalismus verlangt, überall dort, wo ein lebensfähiger Boden für unsere Bestrebungen. 8) In geheimen, nichtöffentlichen Zusammenkünften? A. ") Na also! A. >°) Na also! A. ") Na also! A. 12) Wo? Wann? Wie? A. 10