Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 9 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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weiden, sobald wie möglich diesen Beschluß in die Tat umzusetzen." ES ist also nach diesem Beschluß den einzelnen Vereinen gestattet, über Themata, die die verschiedenen Parteien im Judentum angehen, zu debattieren. Welche Folgen muß nun dieser Zustand nach sich ziehen? ES ist denen, die mit den Verhältnissen vertraut sind, bekannt, daß es eine Anzahl von Jugendvereinen gibt, in denen die zionistischen Elemente vorherrschen l), man weiß auch, daß einige sogar von dem zionistischen Parteisekretär, also einem Beamten der zionistischen Organisation, gegründet worden sind. Wer sich mit der Materie auch nur ein wenig beschäftigt hat, der kann sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß die Zionisten dort, wo sie die Macht haben, mit all dem Fanatismus, der ihnen zu Gebote steht — und wir kennen diese Art von rücksichtsloser Begeisterung, bei der der Zweck die Mittel heiligt — mit all dem Fanatismus, der uns lebhaft an die Bekehrungswut der spanischen Inquisition erinnert, über ihr Opfer, d. h. über den jungen Mann, der sich mit den einzelnen Problemen des Judentums noch nicht beschäftigt hat, herfallen, um seine .Seele zu retten". Wenn ein Redner so im Sinne der Majorität seiner Zuhörer seinen Vortrag gehalten hat und in der Diskussion einige jugendliche Mitglieder in überschwänglicher Begeisterung seine Worte noch unterstrichen haben, dann läßt sich der eine oder andere leicht dazu Hinreißen, sich der Majorität anzuschließen, zumal dann, wenn er bet Beharrung auf seinem Standpunkt als „Feind des Judentums" gebrandmarkt wird. Nun wird man mir vielleicht entgegenhalten: es ist ja die Möglichkeit gegeben, daß an dem nächsten Vortragsabend ein Antizionist seine Ansichten entwickelt. Gewiß, die Möglichkeit ist vorhanden, aber auch nur die M ö g l i ch k e i t I Denn wer garantiert dafür, daß dieses Prinzip der Gerechtigkeit auch konsequent durchgeführt wird?-) In welchem Statut ist das als Norm festgelegt, und — läßt es sich überhaupt in die Wirklichkeit umsetzen? Da wird zum Beispiel ein historischer Vortrag angekündigt, der nichts, auch garnichts für oder gegen den Zionismus sagen will, und doch entsteht eine lange zionistische Debatte. Soll nun etwa nach dem nächsten Vortrag antizionistisch diskutiert werden, d. h. soll man sich derartgesinnte Diskussionsredner kommen lasten, weil in der ersten Versammlung niemand zugegen war, der das Thema vom entgegengesetzten Standpunkt behandeln konnte? Das ist doch wohl unmöglich. Und eins dürfen wir doch hierbei nicht vergessen. Die Jugendvereine haben auch den Zweck, persönliche Beziehungen unter den Mitgliedern herzustellen und zu fördern. Wenn man nun als Nichtzionist oder gar als Gegner in einen solchen „zionistisch-neutralen" Verein kommt, dann ist man — das ist mcht zuviel gesagt — verraten und verkauft. Von Freundschaft kann schon gar keine Rede sein l Wo immer man mit seinen andersdenkenden Vereinsbrüdern zusammentrifft, wird ein Gespräch über den Zionismus geradezu aewaltsam an den Haaren herbeigezogen, und mit der freundlichsten Miene von der Welt weiden einem die größten Grobheiten und Beleidigungen gesagt. Dieser Zustand bedeutet für die Minorität eine Qual«), er raubt ihr die Begeisterung für eine ernste und heilige Sache, er führt zu Gruppen- und Kliauenbildungen, unter denen die Gesamtorganisation kranken muß, er bereitet endlich auch den Boden für Vereine, wie unser „Jüdisch-liberaler Jugendverein Berlin" einer ist. Doch hierauf komme ich später noch einmal zurück. Man mag mir hier einwerfen, daß es ja auch solche „neutralen" Jugendvereine gibt, in denen die nichtzionistischen, orthodoxen oder liberalen Mitglieder an der Zahl überwiegend). Hat aber diese Tatsache schon zu Mißständen in der Jugendbewegung Anlaß gegeben? Ich habe mich ehrlich bemüht, 1) Das sind insbesondere diejenigen Vereine, die von den Nichtzionisten mutig im Stich gelassen wurden. A. 2) Herr Philippsborn möge eine einzige Tatsache nennen, auf der er seine Frage aufbaut. A. Zumal für feige Memmen! A. 4) Dies trifft sogar bei mehr als drei Vierteln der Vereine zu. A. ' auch nach dieser Richtung hin Material zu finden, doch in dieser Beziehung war meine Arbeit umsonst. In dem Protokoll der letzten Delegiertenversammlung der Verbandes findet sich auch nicht e i n Wort der Klage darüber, daß in einem Verein das zionistische Element sich benachteiligt fühle; in einer kleinen Schrift, die ein mehr leidenschaftlicher als durch die Kraft seiner Behauptungen überzeugender Zionist über die Krisis in der jüdischen Jugend jetzt veröffentlicht hat, werden wohl die bösen Liberalen abgeschlachtet — wenn nämlich Worte töten könnten I — alles Schlimme wird ihnen nachgesaqt, aber daß sie dort, wo sie die Mehrheit haben, diese zur Unterdrückung der Minderheit mißbrauchten, das wagt selbst dieser Gegner nicht zu behaupten. Und er hätte es sicher nicht vergessen, wenn ein solches Argument vor dem Forum der Wahrheit hätte bestehen können. Aber in dem Protokoll der Delegiertenversammlung wie in der gegnerischen Schrift wird offenherzig und sehr umständlich darüber Auskunft gegeben, daß beispielsweise in Berlin weite Kreise der jüdischen Jugend sich in dem Verbandsverein von einer zionistischen Majorrtät geknebelt und tyrannisiert fühlten. Und daß dies Gefühl berechtigt war, das beweisen die Worte des Berbandssekretäcs, der im Geschäftsbericht erklärte: „Eine Anzahl von Mitgliedern trat bedauerlicherweise aus dem Berliner Jugendbund aus und begründete einen besonderen liberalen Jugendverein... Wir wollen nicht lange forschen, wer an dieser Sezession schuld sei, vielmehr soll diese betrübende Tatsache eine Lehre, Mahnung und Warnung sein, auf der neutralen Basis zu bleiben." Dieser Herr hat sich sehr vorsichtig ausgedrückt, aber wir verstehen ihn doch. Und was für „Unstimmigkeiten im Hamburger Verein" waren das, von denen derselbe Redner sprach? Haben nicht dort die Zionisten genau so gehandelt wie in Berlin?5) Ich befasse mich nicht gern mit dieser ganzen Materie, aber es muß doch einmal Klarheit geschaffen werden: denn „gehst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken" und umgekehrt. Da stellt man sich in der Delegiertenversammlung hin und hält große Reden über Neutralität, Zusammenschluß der Jugend usw., und dieselben Herren, die — das wissen wir — aus ehrlichem Herzen und in aufrichtiger Begeisterung für diese Ideen ihre ganze Kraft einsetzen, sehen nicht, welche Gefahren ihnen und ihrem Ideal drohen. Oder glaubt Herr Dr. Apfel, daß mit dem von mir angeführten Beschluß die Neutralität des Verbandes für die Zukunst verbürgt ist? Vom liberalen Standpunkt aus könnte ich ja diesen Beschluß begrüßen, denn er führt den Zustand herbei, den Herr Justizrat Breslauer als wünschenswert gefordert hat, daß nämlich die einzelnen Jugendvereine von dxr Phrase der Neutralität abgehen und sich zu einer bestimmten Tendenz bekennen. Aber dieser Beschluß hat ein doppeltes Gesicht. Bis zu dem Zeitpunkte, wo dem Verbände auch Jugendvereine bestimmter Richtung angehören werden — denn diese Wandlung ist mit Sicherheit zu erwarten — bis zu diesem Zeitpunkte können nunmehr ungestört die Zionisten ihre Wühlarbeit soctsetzen und namenloses Unheil anrichten. Der zionistische Parteisekretär will die Jugendvereine zu „Kampfplätzen" machen. Was unter diesen „Kämpfen" zu verstehen ist, dar'iber und vor allem über ihre Wirkung könnte der Berliner Jugendbund Bände schreiben. Ein Bild davon geben auch die Ausführungen des Herrn H a n s G o s l a r, der als Delegierter des Berliner Vereins den „Jüdisch-liberalen Jugendverein" angriff, „weil er einen Keil in die einheitliche und zentralisierte Jugendbewegung treibe". Hierbei möchte ich zunächst einmal stehen bleiben. Ich behaupte, daß Herr Goslar an dieser Stelle etwas nicht erwähnt hat, wovon er m. E. Kenntnis gehabt hat. Nach meiner Ueberzeugung muß er. der sich doch intensiv mit der jüdischen Jugendbewegung beschäftigt hat, die Erklärung des Vorsitzenden der „Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" gekannt haben, die dahin ging, daß „die Errichtung jüdisch-liberaler Jugendvereine bei der Begründung der Bereinigung im Mal 1908 beschloffen 5) Nein 1 Und glücklicherweise die Nichtzionisten auch nicht. * A. 9 — l