Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1911)
- Date
- 1911-07-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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räderige Maschine aufs neue in rastlose Bewegung zu setzen. - G. L. * Montefiore, Frankfurt a. Main. Wir haben hier im Sommer auf Anregung des Herrn R.-A. Horovitz Samstag nachmittags gesellige Zusammenkünfte (Besprechung der Sidra; aktuelle, ästhetische und literarische Fragen, freie Bewirtung) im Stile der Freitag-Abende eingeführt. Die Krists der jüdischen Jugend Deutschlands. Unter diesem Titel ist in dem Verlage von Louis Lamm soeben eine kleine Broschüre (32 S.) von Hans Goslar erschienen. Wer aber in der Schrift interessante Mitteilungen über eine Krisis in unserer Jugendbewegung oder überhaupt originelle Gedanken darüber sucht, wird sie enttäuscht beiseite legen. Denn er findet lediglich eine zionistische Streit- und Abwehrschrift, die vom einseitigen Parteistandpunkt aus die Jugendbewegung betrachtet. Die Orthodoxie (S. 12) und den Liberalismus behandelt er abfällig und wegwerfend, sie können das Judentum nicht retten, nicht erhalten; alles Heil erwartet er aber von dem national gerichteten Judentum und dem allein feligmachenden Zionismus. Wie man auch zu den verschiedenen Richtungen im Judentum stehen mag, von einer höheren Warte und insbesondere von dem Standpunkt unserer Bewegung aus, die alle Richtungen zu gemeinsamer Arbeit vereinen will, wird man die ungerechte Verteilung von Licht und Schatten verurteilen und die nötige Objektivität und überlegene Reife schmerzlich vermissen.*) Um jeder Legendenbildung vorzubeugen, mögen auch hier die der historischen Wahrheit nicht entsprechenden Behauptungen, daß unsere Jugendbewegung von zionistischen Kreisen ausgegangen fei (S. 16), oder daß auch nur jemals die Zionisten in den größten Vereinen (das sind Frankfurt und Cöln) die Majorität gehabt hätten (S. 21), nicht unwidersprochen bleiben. Es scheint, daß der Verfasser nur den Berliner Verein kennt und die dortigen Zustände auf den ganzen Verband verallgemeinert, obschon doch gerade in dem Berliner Verein, der weder an Größe noch an Erfolgen mit den großen Vereinen des Westens wetteifern kann, anormale Verhältnisse herrschen. *) Wenn ich mich hier gegen diese Ausführungen wende, so tue ich es nicht — wie ich zur Vermeidung von Mißdeutungen ausdrücklich betonen will — weil es sich gerade um eine zionistische Schrift handelt; in gleicher Weise würde ich einseitige liberale oder orthodoxe Parteitendenzen innerhalb unserer Organisation verurteilen. Ebenso wenig wie in der Anlage entspricht die Schrift in ihren Schlußfolgerungen unseren Bestrebungen, wo der Verfasser die Hoffnung ausspricht, daß sich der Zionismus in unserer Bewegung sieghaft ausbreiten möge, und wo er gar mit den Worten schließt, daß nur in einer zionistischen Jugendbewegung — die ja doch schon heute neben unserer neutralen besteht — eine sichere Gewähr für die Erhaltung des Judentums zu erblicken sei. Mit diesen Ausführungen verläßt der Verfasser den Boden unserer Tendenzen. Denn wer unsere herrliche Bewegung zu Parteizwecken ausbeuten will, wer gar danach trachtet, sie in eine Parteiorganisation umzuwandeln, wie es der Verfasser in klaren Worten ausspricht, der versündigt sich an unserer Bewegung, der verletzt das Vertrauen der andersgesinnten Vereinsbrüder, die für dasJudentum arbeiten, nicht aber fremde Parteiinteressen fördern wollten. Mit solchen Ausführungen zeigt der Verfasser, daß er den großzügigen Geist, unserer Bewegung nicht versteht, dem Herr R.-A. Lichtenbcrg- Hannover in der letzten Delegiertenversammlung in so trefflicher und beredter Weise Ausdruck verliehen hat: daß wir bestrebt sein sollen, in unsern Vereinen alles zusammenzusuchen, was uns eint, und aus der Debatte alles ausscheiden, was uns trennt; daß wir erkennen müssen, daß das Judentum nicht i d e n t i sch ist mit liberalem, orthodoxem, zionistischem I u d e n t u m*). Denn nicht einer einzelnen jüdischen Partei, sondern dem Judentum wollen wir dienen. Unsere Vereine sollen k e i n e K a m p fn n d T u m m e lplätze für irgend welche Richtungen sein; für propa. gandistische und Parteibestrebungen ist darin kein Raum. Denn wir wollen nicht jüdische Politik treiben, nicht die Jugend, die erst noch lernen will und soll, schon in der Zeit ihrer Entwicklung auf einen bestimmten Standpunkt festlegen. Die viel höhere Aufgabe unserer Vereine ist es, ihren jungen Mitgliedern das geistige Rüstzeug zu geben, um bei ihnen Sinn für alle idealen Bestrebungen, Interesse für das Wohl unseres Vaterlandes, Ehrfurcht und Liebe zum Judentum, Eharakterstärke und Selbstbewußtsein zu wecken und zu fördern. Das Höchste darf nicht die Partei sein, denn die Partei ist nicht das Ziel, sondern Weg zum Ziel; das Hoch sie muß uns stets das Judentum, die gemeinsame jüdische Sache sein. Möge es unserer Organisation gelingen, die jüdische Jugend mit diesem Geist zu erfüllen; dann werden wir auch endlich den Zwist und Hader überwinden, der die Judenheit so oft gespalten und dem Judentum so viele schwere Wunden geschlagen hat. Rfdr. Karl Löwenstein-Aachen. *) Vergl „Mitteilungen" 1911, Nr. 6, S. 16. 13