Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1911)
- Date
- 1911-07-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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käme es sehr gelegen, wenn eine solche babylonische Verwirrung in unseren Reihen Anrisse, wenn sie geschwächt und nicht einig leichter ausgerieben werden könnten; nein, dieser Gefahr muß vorgebeugt werden. Trotz aller Gegensätze muß mit aller Kraft das Bestreben aufrechterhalten werden, nebeneinander, nicht gegeneinander zu arbeiten. — Sollen darum die Parteimänner mit ihrer Ansicht zurückhalten, sollen alle Verhandlungen und Besprechungen auf das neutrale Gebiet beschränkt werden, soll jede strittige Frage zu besprechen vermieden werden? Nein, der Boden würde dann für die Vereine zu eng und zu schwach werden, um eine größere Gemeinschaft zu tragen. Wenn in den Jugendvereinen eine neutrale Stätte erstrebt wird, so bedeutet das nicht, daß Vogelstraußpolitik getrieben wird. Man kann dem nur zustimmen, wenn in Nr. 3 der „Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" einer anderen Neutralität das Wort geredet wird, die es ermöglicht, daß gegnerische Ansichten mit Ruhe und Sachlichkeit vorgetragen, reiflich erwogen und diskutiert werden, damit jeder einzelne Stellung nehme, wie er es für notwendig erachte. Dieser Zustand ist in der Tat der einzig erstrebenswerte, derjenige, der vom jüdischen Standpunkt aus allein Berechtigung hat. Wir Juden fordern für uns Toleranz von unseren Gegnern und von Andersgläubigen, und wir sollten sie selbst nicht üben, im Widerspruch der Meinungen und im Kampfe der Parteien? Damit würden wir das alte jüdische Prinzip der Redefreiheit, der gegenseitigen Duldung, der sachlichen Führung von Streitigkeiten verlassen und aufgeben. — Der Redner zitiert aus der jüdischen Literatur Aeußerungen hervorragender Gelehrter aller Zeiten, deren Geistesgröße und sittliche Haltung sich gerade dahin manifestierte, daß sie ihren Gegnern Gerechtigkeit widerfahren ließen, daß sie Einwendungen gegen ihre Ansichten ertrugen, mit Ruhe und Gelassenheit anhörteu und in bescheidener Demut ihren Standpunkt vertraten; er erinnert an das Wort, das Lessing seinem Saladin in den Mund legt: „Ich habe nie verlangt, daß allen Bäumen eine Rinde wachse". Die Menschen sind verschieden und denken verschieden. Ihre Individualitäten sollen nicht unterdrückt, sondern entwickelt werden; aber es muß ein jeder, der für seine Individualität Duldung verlangt, lernen, auch derjenigen des anderen Berechtigung zu zuerkennen, lernen, daß eine jede Individualität sich den Anforderungen der Gesamtheit zu fügen hat und da ihre Berechtigung verliert, wo das Gesamtwohl darunter leidet. Weil die Menschen verschieden sind, mich alles vermieden werden, was sie entfremden kann. Sie müssen auch andere verstehen lernen, auch den Gegner janhören, seine Gründe erwägen, und wenn sie ihm auch sachlich nicht beistimmen können, ihn doch menschlich begreifen, seinen lauteren Absichten, seinem Streben zum Guten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der Kampf darf nicht persönlich und nicht gehässig geführt werden, er muß in solchen Bahnen bleiben, daß aus den Gegnern nicht Feinde, sondern Bundesgenossen werden, die durch sachliche Kritik das gemeinsame Ideal fördern. Besonders die Jugend, die gar schnell fertig ist mit dem Wort, muß sich selbst bezwingen und erziehen, muß zu einer gerechten Würdigung des Gegners und des gegnerischen Standpunktes herangebildet werden. Es darf nicht schon bei der Jugend die Parteibildung einsetzen, die soviel Vorurteile schafft, die blind macht gegen die Schwächen des eigenen Programms, blind gegen die Argumente und ungerecht gegen die Bestrebungen der Gegner, jene Zerklüftung die die Gemüter verbittert, jede Verständigung stört, die Lösung gemeinsamer Aufgaben vereitelt. Darum soll die Jugend ernste Vertreter aller Richtungen zirm Worte kommen lassen, nicht damit sie ihre Kräfte messen und Beschlüsse darüber herbeiführen, welche Richtung die stärkere ist, sondern damit sie ihre Gründe gegenseitig Vorbringen, damit sie lernen, was an ihrem eigenen Standpunkt schwach ist und was brauchbar an dem des Gegners. Es ist durchaus nicht die Aufgabe der Jugendvereine, religiöse und ethische, soziale und politische Probleme zu losen, dazu sind andere Instanzen vorhanden; in den Jugendvereinen soll Anregung und Belehrung gegeben werden, die die Mitglieder befähigt, später im Leben selbst Stellung zu nehmen. Gewiß ist die Wahrheit nur eine. Aber wie es auch nur eine Sonne gibt, die in tausendfacher Strahlenbrechung in die Erscheinung tritt und überall Segen und Leben spendet, so wird auch die Wahrheit sich dem einen in dieser, dem andern in jener Form zeigen. Seine Ehre soll ein jeder darein setzen, der Wahrheit in lauterster Weise nachzustreben und dem anderen die Achtung nicht versagen, der das Gleiche tut, getreu der Mahnung des Propheten: „Liebet die Wahrheit und den Frieden." Sommerardeit in den Iugendnereinen. Zu dieser Frage erhielten wir mehrere Zuschriften, die wir hier zum Abdiuck bringen. Die nachfolgenden Ausführungen sollen auf eine Lücke Hinweisen, die das Arbeitsprogramm vieler Jugendvereine leider noch ausweist. Zurzeit ist vielfach die Arbeit unserer Jugendvereine ausschließlich auf die Herbst- und Wintermonate beschränkt, und jede Tätigkeit hört mit dem beginnenden Frühling ans. Es liegt auf der Hand, daß dieser Zustand kein wünschenswerter ist, insbesondere, weil dadurch in jedem Winter die Arbeit in der Hauptsache wieder ganz von neuem be ginnen muß. Vor allem lockert sich in 4 — 0 Sommermonaten das persönliche Band zwischen Vorstand und Mitgliedern, und diesen untereinander, naturgemäß erheblich; der unbedingt notwendige stete Fluß der 8