Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1911)
- Date
- 1911-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Geh. Irrstizrat Timendorfer «der die I«gendvereine. Der Präsident der Großloge für Deutschland Vlll N.O.B.B. Herr Geh. Justizrat Timendorfer hat sich in seinen: an die Repräsentanten der Logen erstatteten Bericht für das Jahr 1010 über die Jugendvereine wie nachstehend geäußert: „Unsere Hoffnung, die wir für die Entwickelung der Jugendvereine gehegt, ist nicht nur erfüllt, sondern noch übertroffen worden. Hiervon gab der glänzende Verlauf des Delegiertentages des Verbandes der jüdischen Jugendvereine in Hannover Zeugnis, der in der gesamten jüdischen Presse anerkennend erwähnt worden ist. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Deutsch - Israelitische Gemeindebund, der Verband der deutschen Juden, der Rabbinerverband und der Lehrerverband haben d^n Delegiertentag durch Entsendung von Vertretern geehrt und dadurch die Sympathien mit seinen Bestrebungen zu erkennen gegeben. Für die Großloge ist, wie es in der neuen Propagandaschrift heißt, der Verband der jüdischen Jugendvereine unsere trostreiche Hoffnung, daß die Jugend in der Zukunft noch kraftvoller und schöner all das verwirklichen werde, was wir Alten so ernst und mühsam ersonnen und mit so großen Opfern aufgebaut haben. Bei diesem Standpunkt der Großloge muß als unverrückbare neutrale Basis die Forderung gestellt werden, daß kein Verein einseitig ausgeprägte religiöse oder parteipolitische Richtung verfolgen darf, weder durch Handlungen, noch durch Unterlassungen, und an die Leitung des Verbandes geht die dringende Mahnung, darauf auf das gewissenhafteste zu achten; lieber einen oder mehrere Jugendvereine weniger, als störende, den Bestand der Gesamtheit gefährdende Vereine. Von unserm Standpunkte aus müssen wir natürlich die Gründung „liberaler Jugendvereine" als den von uns verfolgten Zwecken widersprechend bedauern und an unsere Logen und die Mitglieder die herzliche Bitte richten, unser Werk, das wir mit großer Mühe geschaffen, mit allen Kräften zu unterstützen. Die Behandlung von T a g e s f r a g e n in sachlicher, wissenschaftlicher, vornehmer Weise ist freilich nicht zu mißbilligen, aber für unsere Zwecke, bei der Heranwachsenden jüdischen Jugend die Kenntnisse von der jüdischen Geschichte zu mehren, das jüdische Bewußtsein und die Eharaktereigcnschaft zu stärken, muß die jüdische Jugend vereint gesammelt werden, das allen Juden Gemeinschaftliche soll dort betont und empfunden werden. Von den unnötigen Zwistigkeiten im eignen Lager wollen wir nufere Jugend so lange als möglich fernhalten. — Den Luxus, uns gegenseitig zu bekämpfen und zu schwächen und unsere Feinde zu stärken und zu vermehren, können wir uns in heutiger Zeit wahrlich nicht erlauben." Ahlem. Am Morgen nach dem Delegiertentag in Hannover kamen wir einer liebenswürdigen Einladung der jüdischen Erziehungsanstalt inAhlem nach, undwanderten, umbraust von einem frischen Winde, unter den Strahlen erster Frühlingssonne hinaus vor die Tore Hannovers, um eine neue, jüngere Generation am Werke zu sehen, nicht mehr beschäftigt in den alten Berufen, die ein mittelalterlicher Zwang uns aufgedrängt, sondern bestrebt, neue Bahnen und neue Wege einzuschlagen, und somit dem Judentum ein frisckes Leben einzuflößen. Handwerk und Bodenkultur, Zweige, die das jüdische Volk im Lause der Jahrhunderte nicht durch seine Schuld, sondern infolge engherziger mittelalterlicher Gesetze gänzlich vernachlässigt hat, haben hier ihre Auferstehung gefunden, und man muß die entzückenden, technisch vollendeten Erzeugnisse dieser Anstalt gesehen haben, um zu verstehen, daß das jüdische Volk, genannt das Volk des Geistes, auch auf diesen Gebieten eine bewunderungswürdige, achtunggebietende Fertigkeit erlangen kann und erlangt hat. E ne junge, blühende, unverfälschte Generation haben wir arbeiten, sich tummeln und regen gesehen; ans vielstimmigen Kehlen kleine Lieder gehört, die uns entzückt und ergriffen haben. Uns dünkte, als klänge ein froher, jubilierender Optimismus aus den vielen kräftigen Stimmen, der uns vergessen ließ die kleinen Streitereien der vorhergegangenen Tage, der uns zusammenschweißte zu einer einzigen Gemeinschaft, durchflutet von dem einen großen Gefühle: der Liebe zum Judentum. — Herr Direktor Silberberg und Frau empfingen uns in liebenswürdigster Weise und fühlten uns zuerst durch das Gebäude für die Knaben. Wir sahen Schulzimmer, peinlich saubere Schlafsäle, Badezimmer, Küche, sodann die Arbeitsräume, wie Hobelei, Dreherei, Papparbeiterei, Schneiderei usw. Ein längerer Weg, der sich durch blühende, von den Zöglingen der Anstalt selbst sorgfältig bebaute und gepflegte Gartenanlagen mit Treibhäusern zieht, führt uns zu dem Gebäude für die Mädchen, welches, bedeutend jüngeren Datums, mit allen modernen Errungenschaften ausgestattet ist. Auch hier berührt uns die Sauberkeit und Reinlichkeit anfs angenehmste. In einem größeren Raume an einer Frühstückstafel wurden wir von reinlich gekleideten Mädchen mit weißen Häubchen auf den Köpfen bewirtet und bald entwickelte sich eine freudige Stimmung. Draußen hatten sich inzwischen eine Reihe Kinder unter Leitung ihres Gesanglehrers versammelt, und nach einer kurzen Ansprache von Rechtsanwalt Lichtenberg -Hannover bekamen wir zwei Lieder zu hören, an die sich, veranlaßt durch den stürmischen Applaus, als drittes ein hebräisches schloß. Wir alle standen ergriffen unter dem Banne und Zauber dieser schlichten Weisen aus dem Munde der zukunftsfroven Kinder; als hervorragender Interpret unserer Gefühle erwies sich Rechtsanwalt H o r o v i tz - Frankfurt, der in einer glänzenden Ansprache auf die staltgehabte Tagung und den harmonischen Abschluß hinwies, den ste durch ' diese Besichtigung erfahren habe. Nach einigen Worten des Herrn Direktor Silberberg, in denen er unter allseiligem Beifall bat, auch in der Ferne werbend für das Werk in Ahlem einzutreten, brachen wir auf und wandten uns den Spielplätzen der Mädchen zu. Dort bot stch uns ein Blld, das wohl kein einziger von uns so leicht vergessen kann, ein Bild würdig eines Thoma. Da tummelien sich in größeren Gruppen blühende und gesunde Kinder im Sande und auf dem Rajen. Einige schwangen sich 5