Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1911)
- Date
- 1911-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentums hierbei nicht nützen. Diese Sonderbestrebungen lassen sich nicht leicht in den Rahmen einpassen, der dem Edikt zugrunde liegt, welches den Anlaß zu Ihrer Gedenknummer gegeben hat. Allgemeine Gleichberechtigung in Staat und Reick, im öffentlichen und privaten Leben hat zur naturgemäßen Folge, daß Sondcrbestrebungen ausscheiden, daß jeder die Religion als seine innere Angelegenheit mit sich abmachcnd, in seiner Stellung nach außen die Stellung eines in allen Rechten und Pachten jedem anderen Staatsbürger gleichberechtigten Individuums sür sich rechtlich und tatsächlich in Anspruch nimmt und anderen gewährt. Ich hielt mich zu vorstehender Aeußeruug für verpflichtet, weil ich trotz der ablehnenden Haltung gegenüber den jüdischen Jugendvereinen den Anspruch der jüdischen Mitbürger auf volle Gleichstellung in den staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten für durchaus berechtigt erachte." Der konservative preußische Landtagsabgeordnete Herr Rittmeisler a. D. von Bbhlendorff-Kiilpi» schreibt: „Bei der hohen geistigen Entwicklung der jüdischen Bevölkerung und ihrem unentwegten und erfolgreichen Streben nach Einfluß und Besitz müßten die intelligenten Juden sich eigentlich Mann für Mann auf der staatserhaltenden, monarchischen Seite als bewährte und berufene Stützen von Thron und Altar zusammenfinden. Dagegen sind es gerade jüdische Kreise, die in ihrer politischen Betätigung vielfach in demokratischer und sozialdemokratischer Richtung führend wirken. Dieses Versagen jüdischer Wähler bei der Mitarbeit auf der Seite der Rechtspartei, die berufen ist, das Vaterland — Thron, Altar und Besitz vor dem Ansturm der Sozialdemokratie zu schützen, ist verwunderlich und logisch nicht verständlich. Diese hochbedauerliche Erscheinung läßt sich nur erklären durch die stete Abnahme, die die jüdische Religionspflege in den Schulen wie Gemeinden leider erfahren hat, wie durch Uebertritt vieler Juden zum Christentum, ohne daß sie innerlich christlich gesonnen sind — die also ihr Bekenntnis lediglich aus Opportunitätsgründcn gewechselt haben. Der Jude, der überzeugungstreu an seinem väterlichen Glauben festhält, ist für unseren Staat ein wertvoller Mitbürger und wahrlich mehr wert als derjenige, der zum christlichen Glauben ohne innere Ueberzeugung übergetreten ist. Ersteren müßte man bei richtiger politischer Schulung nur Schulter an Schulter bei der Rechtspartei finden. Aus dieser kurzen Betrachtung ergibt sich, wie es vor allem darauf ankommt, daß der Pflege der jüdischen Religion in Haus, Schule wie Gemeinde von den hierzu berufenen behördlichen wie seelsorgerischen Organen bedeutend mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als cs bisher der Fall gewesen, damit die jüdische Jugend zu treuen, selbstbewußten Anhängern ihrer Gememden bestens erzogen wird, um dereinst ihren Pflichten dem Vaterlande gegenüber im vollsten Maße gerecht werden zu können." Die freikonservativen „Berliner Neuesten Nachrichten" brachten in ihrer Nummer 216 vom 29. April 1911 einen Leitartikel über die Ergebnisse unserer Enquete. Das Blatt bemerkte gegenüber dem Bekenntnis Hermann Strucks zur nationalj irdischen Idee: „Wir sind weit entfernt, ihr die subjektive Berechtigung abzusprechen; aber zweifellos ist, daß sie uns auf den Weg des Kampfes führen muß. Die Verschmelzungspolitik mag man unter den obwaltenden Verhältnissen, zumal bei dem ungehinderten Zufluß immer neuer Teile des Judentums für utopisch balten, gegen die Heranbildung und Befestigung einer neuen Nationalität inmitten seines Staats- und Volkskörpers aber müßte das Deutsche Reich Mittel der Abwehr ergreifen." Hermann Struck hat den „B. N. N." folgende Antwort eriettt, deren Abdruck jedoch abgelehnt wurde: „Sehr geehrte Redaktion! In Ihrer Nummer vom 29. April 1911 erweisen Sie mir die Ehre, unter dem Titel „Beiträge zur Judenfrage" auch eines Beitrages zu gedenken, den ich für die Gedenknummer des „Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" lieferte. Nachdem Sie die Freundlichkeit hatten, meinen Anschauungen die subjektive Berechtigung zuzubilligen, es aber als zweifellos erklären, daß sie auf den Weg des Kampfes führen müssen, bitte ich um die Erlaubnis, hierzu einiges Berichtigende ausführen zu dürfen. Sie selbst erklären die Verschmelzungspolitik sür utopisch. Es ist Ihnen bekannt, daß dieselbe von seiten vieler Juden in die Wege geleitet war, sie ist aber deshalb nicht zur Durchführung gekommen, weil der Staat den Juden die verfassungsmäßig garantierten Rechte vorenthielt und ihnen den Zugang zu Staatsstellungen und irgendwie autoritativen Posten nach Möglichkeit versperrte. (Es muß ja nicht immer gleich wie in Rußland kommen, — es gibt auch geistige Pogrome.) Eine Assimilation, die nur durch die Taufe möglich ist, muß der bewußte Jude, auch der nichtreligiöse, aus Gründen des Charakters, des Anstandes und der Ueberzeugung prinzipiell ablehnen. Wenn wir Juden uns unter diesen Umständen nicht auf unsere Zusammengehörigkeit besinnen würden, so wäre dies Selbstvernichtung, nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch des Individuums. Der national-jüdische Gedanke, wie ich ihn auffasse, steht keineswegs dem Staatsgedanken entgegen. Wir sind treue und dankbare Bürger unseres Vaterlandes, dessen Sprache und Kultur wir lieben und pflegen. Niemand von uns denkt daran, einen Staat im Slaate zu bilden, oder den geistigen Bestrebungen unseres Vaterlandes irgendwie entgegenzuwirken. Im Gegenteil! Wir arbeiten freudig daran mit, Deutschlands Kultur auszubauen. In uns aber leben die tausendjährigen Bande des Blutes, und wir suchen auf den uralten Traditionen des Judentums stolze und selbstbewußte, deshalb kulturell für unsere Umgebung wertvolle Persönlickkeiten auszubauen, — hierbei sind wir frei von jeder Feindseligkeit Hegen anders Geartete. Würden wir anders handeln, so wurden wir haltlose Parias, und darum ein gesellschaftlich wie politisch zersetzendes Element züchten! So aber wirken wir erhaltend. Es ist mir unklar, wie man unter diesen Umständen davon sprechen kann, daß unser Streben auf den Weg des Kampfes führen müsse. Uns alle beherrscht der Wunsch, in Frieden mit unser« Mitbürgern anderer Abstammung zu leben und durch die wertvollen Eigenschaften unseres Stammes dem Vaterlande zu nützen, selbst wenn cs uns die Bürgerrechte schmälert." 4