Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-07-01 · 7/8 (Juli/August 1911) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
7/8 (Juli/August 1911)
Date
1911-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4926451-6352328-6352452--0180-4929453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

als unausweichliches Mittel, das zur Erhöhung des Lebenstypus führt, gutheißen. Will man einen Zweck, so muß man auch die am sichersten dazu führenden Mittel billigen. Man kann unmöglich die höchsten Lebensreize entfalten, ohne die Kräfte in unausgesetztem Ringen zu stählen. Sollen also die optimistischen Grundinstinkte, als deren Reflex sich ein fortschrittssreudiger Enthusiasmus einstellt, die Errichtung eines Gottesreichs auf Erden verwirklichen, so darf man in diesem Kampfe nicht deswegen erlahmen, weil er dreitausend Jahre dauert. Ohne diesen Kampf wären die Israeliten längst intellektuell eingerostet, vielleicht ein schweifender Beduinenstamm im Hauran geblieben — kulturlich gestorben, verdorben. Der ewige Kampf hat die Israeliten emporgepeitscht, hinaufgezüchtet, alle ihre Kräfte gewaltsam Herausgetrieben, alle ihre Lebensenergien geschärft und gehoben. Die Verbrennung der Bibliothek in Alexandrien hat die Wissenschaft nicht vernichtet, die Bartholomäusnacht hat die Reformation nicht beseitigt, und ebensowenig vermögen die modernen Kreuzzüge gegen die Bekenner des Mosaismus, die literarischen Scheiterhaufen, die man für sie errichtet, die gesetzgeberischen gelben Lappen, die man für sie in Bereitschaft hält, die optimistischen Grundinstinkte zu zerstören. Denn die ältesten Träger unseres Kultursystems, die Israeliten, leben ja trotz und trotz alledein! Schon in Aegypten hieß es, sie vermehrten sich in demselben Maße, als man sie quälte. Ebenso darf man heute trotz der ägyptischen Finsternis die Hoffnung nicht ausgeben, daß die Spirale sich nur beugt, um zu steigen. Der Geschichtsrhythnius läßt sich in seinem Laufe nicht aufhalten: Auf Reaktion folgt wieder Aktion, „ auf Repulsion Attraktion, auf eine Periode der Anti- . pathie eine Periode der Sympathie. Die optimistischen Instinkte sind der große Schatz an Zukunftsfreudigkeit, ein y:n,ua tg ud, ein unverlierbares Besitztum fürs Menschengeschlecht. Selbst der unglückseligen Geschichtskurve, in welche wir augenblicklich hineingeraten sind, sollte man ihre günstige Seite abgewinnen. Diese optimistischen Instinkte sind nun einmal nicht auszurotten, durch keinerlei noch so trübe Erfahrung zu tilgen. Möge die schwere Zentnerlast der Geschichte manchen Rücken gekrümmt haben; die Seelen bleiben gerad gewachsen; sie schauen unbeirrt aufwärts, vorwärts. Mag man allerorten daran hämmern und zimmern, neue Ghettomauern zu errichten. Es wird alles nichts nützen. Die im westeuropäisch-amerikanischen Kultursystem aufgegangenen Israeliten haben sich im letzten Jahrhundert mit allen Kulturerrungeuschäften gesättigt. In einem Augenblick, da selbst die chinesischen Mauern geschleift werden, lvird man keine Ghettomauern niehr errichten, lind wenn selbst, es kann den Israeliten nichts mehr anhaben. Denn das seelische Ghetto ist einmal und für immer vom Erdboden verschwunden. Nachtrags fttv Gedenknummer. Auf unser Rundschreiben zur Jahrhundertfeier der Judenemanzipation in Preußen*) sind noch folgende Antworten eingelaufen: Herr Oberbürgermeister De. Wilms-Poscu schreibt in Ergänzung seiner in Nr. 4 abgedruckten Antwort: „Wie ich schon in den einleitenden Worten meiner von Ihnen erwähnten Antwort betonte, bin ich kein Freund konfessioneller Bereinigungen, gleichviel welcher Konfession oder Religion sie angehören. Bei der konfessionellen und religiösen Zerrissenheit des deutschen Volkes sind nach meiner Auffassung Bestrebungen nicht wünschenswert, welche dahin zielen, die konfessionellen Unterschiede zu verstärken, statt sie zu verwischen. Die Religion und Konfession eines Menschen, die ihre Grundlage von der Erziehung im Elternhause aus und der Schule zu empfangen pflegt, muß hier soweit im inneren Menschen gefestigt werden, daß es nicht nötig ist, ihn in konfessionellen Vereinigungen durchs Leben zu führen. Wenn nicht nach der Schule, besonders den jungen Leuten, welche in konfessionellen Schulen großgezogen sind, Gelegenheit geboten wird, auch Männer anderer Konfession und Richtung in geselligen und anderen Vereinen kennen und schätzen zu lernen, werden sie in der Beurteilung der Religio» und Glaubensauffassung anderer nicht mit dem freien Blick ins Leben treten, der erforderlich ist. um von dem Lessingschen Standpunkte aus Konfessionen und Religionen zu beurteilen. Bin ich aus dem Vorgesagten kein Freund religiösen Abschlusses in Gesang-, Turn- oder sonstigen Vereinen, so muß ich andererseits anerkennen, daß wenn überhaupt der Standpunkt eines konfessionellen Zusammenschlusses diskutierbar erscheint, es noch am ersten bei Mitgliedern jüdischen Glaubens der Fall wäre, da ihnen trotz des geschriebenen Rechtes auf manchen Gebieten die Gleichberechtigung mit den andern Staatsbürgern cke facto noch beeinträchtigt wird. Auf Einzelheiten brauche ich nicht einzugehen; Sie kennen die Verhältnisse vielleicht besser als ich. Vielleicht von größerer Wirkung als die Arbeit in konfessionellen Vereinen aber wäre es meines Erachtens, wenn allüberall von Jugend auf dem jungen Manne und dem jungen Mädchen jüdischer Religion das Bewußtsein der vollen Gleichberechtigung im öffentlichen und privaten Leben mit ins Leben gegeben wird. Das Beispiel wirkt in erster Linie und wird sicherlich dazu beitragen, die Erfüllung Ihrer Wünsche auf volle, auch tatsächliche Gleichberechtigung herbeizuführen. Die Bestrebungen des Zionismus werden der Stellung des *) Vgl. Nr. 4 dieses Jahrganges. 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.