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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-07-01 · 7/8 (Juli/August 1911) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
7/8 (Juli/August 1911)
Date
1911-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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sammenhang der Geschichte niemals aufgegangen ist. Der antike Mosaismus hingegen entdeckt die Menschheit, läßt das Universum im allgemeinen und das menschliche Geschlecht insbesondere nach einem weisen Weltplan zu immer höherer Vollkommenheit sich entwickeln. Die Welt erscheint hier als glücklicher Schöpfungsgedanke Gottes, wie er sich symbolisch im ewigen Refrain der Schöpfungsgeschichte ausdrückt: ■jmvra -mlu Uav (und siehe, es war sehr gut). Hier kreuzen nun wieder die beiden diametral gegenüberstehenden Weltanschauungen ihre Klingen. Der materialistische Pessimismus sieht im Weltenschauspiel nur eine öde Farce, oder eine wirre, tolle, zusammenhanglose Tragödie; der teleologisch gerichtete Optimismus hingegen sieht überall Plan und Ordnung, Sinn und Zweck. Das Weltendrama erscheint hier als eine symphonische Komposition, der tragische Einschlag nur als Erhöhung der Kontrastwirkung, der Schlnßeffekt muß ein erlösender, beglückender sein. Der Refrain „und alles war sehr gut" muß sich auch zum Schluß wiederholen; denn der Autor dieses Weltendramas ist das Gute selbst: die Gottheit. Dem religiösen Optimisten erscheint demnach die Welt als planvoller Schöpfungsgedanke, und die Menschheitsgeschichte als das sinnvollste, vollendetste Gedicht des göttlichen Weltpoeten. Und hier werfen wir die bange Frage auf: Hat der religiöse Optimismus auch in seiner Fassung und Begreifung des Geschichtsproblems sich bewährt? Haben speziell die Israeliten, welche nach Lotze die Geschichte als Problem entdeckt haben, Veranlassung dazu, in ihrer eigenen Geschichte eine Rechtfertigung ihrer optimistischen Grundinstinkte zu erblicken? Sollen doch unsere Gefühle, wie Spinoza fordert, stets durch unseren Intellekt kontrolliert werden. Was ist das Ergebnis einer solchen historischen Kontrolle des religiösen Optimismus, geprüft vom gereiften Intellekt, illustriert an der Geschichte jenes Volkes, welches man als den klassischen Träger der optimistischen Lebensideale mit vollem Recht bezeichnen darf? Auf den ersten Anblick könnte uns die Antwort stutzig machen, ja geradezu erschüttern. Denn in Wirllichkeit stellt sich das Resultat der Kontrolle der Geschichte Israels durch den kritisch prüfenden Intellekt so dar, daß die Bekenner des Mosaismus seit drei Jahrtausenden einen glücklichen Ausgang und Abschluß ihres Geschichtsdramas unausgesetzt erhofft, aber bisher vorwiegend nur tragische Verwicklungen erlebt haben. Das messianische Erhoffen und das geschichtliche Erleben der Israeliten verläuft nicht in parallelen, sondern in entgegengesetzten Linien. Statt des Gottesreichs auf Erden, das sie unausgesetzt künden, haben sie selbst fast durchgehends nur ein Satansreich auf Erden durchgekostet. Wenn also ein großer Naturforscher der Gegenwart (Hering) im Gegensatz zu Jean Paul die Instinkte das Gattungsgedächtnis des Menschengeschlechts genannt hat: wie steht's denn um diese optimistischen Instinkte? Wenn die Geschichte Israels sein Gattungsgedächtnis gebildet. also seine Instinkte reguliert hätte, müßte es da nicht pessimistische statt optimistischer Instinkte haben? Oder wäre es denkbar, daß dieser tragische Konflikt zwischen optimistischem Hoffen und pessimistischem Erleben nur bewiese, daß es von der Geschichte genarrt, gehänselt, genasführt worden ist, daß also der Ahasver, der ewige Jude, in der Geschichte nur die Rolle des Hofnarren in den Shakespeareschen Tragödien spielte, welcher bloß dazu da ist. fatale Situationen zu beleben, Humor in die Tragik zu bringen? Wenn dem so wäre, wenn der Intellekt wirklich zu diesem niederschmetternden Schlußergebnis seiner Prüfung der Geschichte Israels käme, dann wäre dessen Rolle endgültig ausgespielt. Denn ein Schalksnarr, dem das volle Bewußtsein seiner unsagbaren Lächerlichkeit aufgegangen wäre, könnte in diesem tödlichen Bewußtsein unmöglich weiter spielen. Intellektuell so hoch entwickelte Männer, wie die Bekenner des Mosaismus in den westlichen Kulturstaaten vielfach sind, würden den Kampf sicherlich nicht länger fortsetzen, wenn es sich um eine Kollektiv- Donquichotterie, unr einen kapriziösen Windmühlenkampf handeln würde. Und tatsächlich mögen es wohl die angedeuteten Motive, der tragische Konflikt zwischen Hoffen und Erleben sein, welcher so manchen Israeliten bestimmt, ganz und ohne Rückhalt in der christlichen Kulturgemeinschaft aufzugehen. Die Lösung des Konfliktes liegt freilich etwas tiefer, als die meisten graben können oder auch graben wollen. Die Oberfläche ist so verführerisch behaglich, daß platte Selbstgefälligkeit sich mit Vorliebe versagt, etwas tiefer unterzutauchen. Im Haushalte der Natur ist's nicht anders als im Haushalte der Geschichte; Kampf heißt Leben. Wo nicht mehr gekämpft wird, wo keine Konflikte mehr erstehen, da erwächst allerdings Ruhe, aber es ist dies die unheimliche Ruhe der Agonie, die Starre der Tatenlosigkeit, die Stille des Kirchhofs. Bewegung heißt Leben, Ruhe Tod; wer das Leben grundsätzlich bejaht, muß auch den Kampf als ständigen Stimulus, 2

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