Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 6 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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<i inmii'i-^'-y wif wir die ganze jüdische Jugend bei uns haben, wenn wir so stark geworden sind, dann ist dieser Standpunkt unhaltbar. ’ Herr Dr. Apfel hätte richtiger gehandelt, wenn er die Stelle in dem Berichte hätte stehen lassen, in dem Bewußtsein, daß wir alle mit ihm marschieren, und wir danken ihm dafür, daß wir eine prinzipielle Auseinandersetzung gehört haben. Deshalb glaube ich, Herrn Dr. Apfel sagen zu müssen, die beste Neutralität ist die Stärkung der formellen Organisation in solchem Maße, daß uns die liberalen Sonderjugendbünde nichts anhaben können. Wenn wir auf der anderen Seite eine Neutralität in dem Sinne einrichten, daß jeder Einzelne frei seine Ueberzeugung zum Ausdruck bringen kann, und wenn der Jugendbünd der neutrale Kampfplatz ist, auf dem sich die Gegner treffen, dann wird das eintreten, was ein Herr in der heutigen Versammlung gesagt hat, daß wir in 10 Jahren eine Phalanx reifer Männer haben, die den großen Gedanken des Judentums vertreten. R.-A. Lichte nberg - Hannover: Ich möchte nicht Wasser in den Wein gießen, den HerrBlumenseld Ihnen hier vorgesetzt hat. Sie alle wissen, soweit Sie meine Tätigkeit im Verbände, wie in meinem Vereine kennen, daß ich der Letzte bin, der dem Prinzip der Neutralität nicht auch im vollsten Sinne zu Gunsten der Zionisten stets zum Durchbruch zu verhelfen gejucht hat. Aber, meine Herren, das ist die Hauptsache, weshalb ich nach Herrn Blnmenfeld hier einiges sagen möchte, sonst hätte ich vielleicht auf das Wort verzichtet. Herr Blumenfeld verwässert hier einen großen fiuchtbaren Gedanken; er sagt von einem Gedanken, der Inhalt ist, er sei Form. Was Form und was Inhalt ist, das ist ja überhaupt ein schwankender Begnff, der ineinander übergeht. Es kommt auf die Sache an. Neutralität ist keine Form, Neutralität ist ein Inhalt, ein gewaltiger Inhalt. Wenn die jüdische Jugendbewegung sagt, wir wollen in unseren Vereinen Neutralität pflegen, wir wollen zusammensuchen alles, was uns eint, und aus der Debatte ausscheiden, was uns trennt, so ist das keine Form, sondern Inhalt und ich wiederhole, was ich im Anfang meiner Begrüßungsrede gesagt habe, mit diesen: Satze steht'und fällt die jüdische Jugendbewegung; das ist der Kern, ja das ist oer wesentliche Inhalt der Jugendbewegung. In dem Moment, wo wir daö aufgcbeu, ist die Jugendbewegung gewesen, in dem Moment haben unsere Väter recht, wenn sic sich von uns lossagen. Es war und ist nötig, daß der Platz geschaffen wird, wo die fugend zum Judentum erzogen wird, zum Selbstbewußtsem, daß sie Juden sind, und wo auch selbstverständlicb religiöse, politische und andere Fragen erörtert werden dürfen und sollen. Meine Herren! Aber am nötigsten ist, daß dabei stets betont und darüber immer wieder und vor allen Dingen gesprochen wird, waü uns eint. Es ist nötig, daß wir erkennen, daß das Judentum nicht identisch ist mit liberalem, orthodoxem, zionistischem Judentum. Es muß anders werden, daß einzelne Herren, die sonst vielleicht gute Führer sein mögen, hier anstreten und sagen, alles waö jüdisch ist, ist zionistisch, und alles, was zionistisch ist, ist jüdisch. Solange wir das nicht ausgetrieben haben ans den Juden, auö der jüdischen Jugend, daß sie für ihre Richtung in Anspruch nehmen, v i e jüdische Richtung zu sein, solange hat die jüdische Jugendbewegung ihre Aufgabe noch nicht erfüllt, solange ist die Jugendbewegung noch weit davon entfernt, daß aus der Form ein Inhalt geworden ist. Daran müssen wir arbeiten mir aller unserer Kraft, daö muß der Leitstern sein bei all unserem Handeln. Denn nicht nur im Anfang, sondern auch am Ende aller Dinge steht die Tat. Vors. Dr. Apfel: Zweifellos ist die Debatte sehr schön geworden; cs wäre jedoch wünschenswert, wenn sie sich bald ihrem Ende zuneigte, wir müssen langsam an den Schluß der Debatte denken. Ich sü lle keinen Antrag/ möchte aber anregen, daß sich die übrigen Herren womöglich mit einer Minute begnügen wollen. Speyer-Essen: Der rheinisch-westfälische Bezirk, dem wir angehören, umfaßt 6 Vereine. Ich muß erklären, daß unsere Vereine ganz neutral sind. In unserem Verein, das kann ich von Essen sagen, sind Zionisten, Orthodoxe und Liberale. Ich schließe mich den Worten des Herrn Meyer aus Frankfurt an und kann nur befürworten, daß der Vorstand, wie er jetzt die Geschäfte führt, sie auch weitcrführen möge. Wir haben zwar nicht viel vom Verband gehabt, erkennen aber dennoch an, was der Vorstand und die ganze Leitung bis jetzt getan hat. Nur eine Frage möchte ich mir erlauben. Ich bin verschiedentlich gefragt worden, ob auch Damen an den Veranstaltungen der jüdischen Jugendvcreine teilnehmen können. Ich erbitte mir vom Vorstande des Verbandes eine Aufklärung. Wir in Essen erlauben es, wenn jüdische Herren ihre Damen mitbringen. Vors. Dr. Apfel: Es sind so viele Anfragen dem Vorstande unterbreilet worden, daß es nicht möglich ist, sie hier zu beantworten. Der Vorstand wird aber daö Stenogramm der Reden darauf hin durchsehen und die Anfragen schriftlich oder im Verbandsorgan oder durch Vorstandsbeschluß beantworten. Lehrer Abel- Lörrach: Gestatten Sie, daß auch ein alter Jude zu Ihnen einige Worte sprickt. Wenn einmal eine Fahne für uns gestiftet werden sollte, dann muß unbedingt daraus stehen: „Das Ganze soll es sein." Ich habe mich heute morgen gefreut, nachdem wir aus weiter Ferne hierhergekommen waren, zu hören und zu fehen, wie tatsächlich alles innerlich und äußerlich geeint erschien. Ich bin seit Freitag nachmittag hier, um mit denen, die vorher hierher kamen, während dieser paar Tage zusammenzuleben. Ich, der ich 40 Jahre im Judentum lebe, fühlte mich voll und ganz gehoben, uno nun muß ich heute nachmittag sehen, daß etwas ganz anderes in die Erscheinung getreten ist, was ich eigentlich nicht erwartet und erhofft hatte, nämlich, daß sich gewissermaßen einzelne, sie mögen persönlich irgend eine Richtung haben, welche sie wollen, bekämpft haben. Herr Dr. Rosenkranz hat vorhin gesagt, daß den Zionisten ein Etikett angehängt worden wäre. Meine Ueberzeugung ist, daß die Herren sich dieses Etikett selbst angeheftet haben. Wenn die Herren nicht selbst von diesem Thema angesangen hätten, wir wären die letzten gewesen, die die Sache erwähnt, denn es geht uns garnichts an, wer persönlich bei uns ist und mit uns arbeitet, aber wir können eö nicht zulassen, daß irgendwie eine Richtung dominiert. Es ist vorhin von Herrn Blumenfeld gesagt worden, daß vornehmlich die Geselligkeit in den Vereinen herrscht, und infolgedessen glaubt er der Sache eine geistige Minderwertigkeit beimessen zu können. — Wenn heute die Geselligkeit vorherrschend ist, so liegt das auf ganz anderen Gebieten, das liegt an der Schule, aus welcher die Jünglinge nicht reif genug hervorgehen. Ich als Lehrer könnte Ihnen vieles darüber erzählen. Es ist Aufgabe der Vereine, diese Jünglinge heranzubilden, denn die Wissenschaft ist neutral. Deswegen möchte ich Sie als alter Jugendvereinler bitten — Herr R.-A. Lichtenberg hat das ganz recht gesagt — alles aus den Vereinen zu lassen, was nicht sachlich und neutral ist, denn mit dem Augenblick, wo das nicht geschieht, wo nichtsachliche, nichtneutrale Interessen in den Verein hineingetragen 16