Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 6 (1.6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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daß es unsere vornehmste Aufgabe ist, jüdisches Wissen unter unfern Mitgliedern zu verbreiten. Nun habe ich eine Anregung zu bringen, die mir wichtig genug zu sein scheint. Wenn die kleinen Vereine lernen sollen, wie sie am besten Propaganda treiben sollen, so muß ihnen Gelegenheit gegeben werden, die Tätigkeit anderer Vereine kennen zu lernen. Wir müssen unsere Verbandsvereine veranlassen, sämtlich ihre Jahresberichte einzureichen, aus denen der Verbandsvorstand das Wichtigste veröffentlicht, um den kleinen Vereinen Anregung für ihre fernere Arbeit zu geben. Ich komm: nun zu einigen Anregungen auf sozialem Gebiete. Wir haben in Frankfurt die Freude erlebt, daß unser Verein von behördlicher Seite bezüglich seiner Arbeit in der Jugendfürsorge Anerkennung erlangt hat. Wir haben eine Wohnungsfürsorge eingerichtet angesichts der großen Zahl von jüdischen jungen Leuten, die sporadisch manchmal zu Hunderten eintreffen und nicht wissen, wo sie am besten Unterkommen können. Außerdem kann wohl bei der starken Anzahl von Juristen, die sich vielleicht in den Jugendvereinen manchmal allzubreit machen.es erwünscht erscheinen, Rechtsauskunftsstellen und ähnliches zu errichten. Unsere Mitglieder haben oft kleine Anfragen, derentwegen man sie nicht zum Anwalt, zum Arzt pp. schicken kann. Ich glaube, cs ist deshalb wünschenswert, amVereinsabendbesondereRechtsauskunftsstellen und ähnliches einzurichten. Eine Frage ist hier noch berührt worden, die uns besonders angeht. Es liegt ein Antrag vor, der dahin geht, die Verbandsvereine, in denen nach ihren Statuten religiöse und politische Fragen nicht erörtert werden dürfen, zu ersuchen, diese Bestimmung zu streichen. Dieser Antrag betrifft auch das Statut unseres Frankfurter Vereins. Auch bei Annahme des Antrags könnte unser Statut und unsere Stellungnahme nichts ändern. Denn wir sind mit dieser Bestimmung und durch sie groß geworden, obne daß sie unserem geistigen Streben Fesseln anlegt. Da ist eS doch schwer zu sagen, das paßt sich nicht, das gehört sich nicht, damit kannst du keine Erfolge erzielen. Wir haben in unserm Vereine Zionisten, Konservative und Liberale, Und alle arbeiten zusammen. Es ist hier davon gesprochen worden, wir wollen uns gegen die liberale Jugendvereinsbewegung wenden. Gewiß liegen auf diesem Gebiete große Schwierigkeiten, aber das, was Herr Goslar gesagt hat, ist richtig. Wir können uns deshalb gegen die liberalen Jugendvereine wenden, weil wir eine Renaissance wünschen, bei der kein Baustein verloren geht, weil aber diese nach ihrer statutarischen Tendenz liberalisierenden — und nicht nur nach ihrer Zusammensetzung und Führungstiberalen — Vereine wegwerfen wollen, was Grundpfeiler und Eckstein unseres Bestandes ist. Aus diesem Grunde dürfen wir uns gegen die liberalen Jugendvereine wenden, ohne daß das Prinzip der Neutralität durchbrochen wird. Eine jüdische Jugendvereinsbewegung kann nur demokratisch sein. Es muß jeder junge Jude zu uns kommen, nicht nur der Kaufmann, sondern auch der Handwerker usw. In dieser Beziehung ist viel gesündigt worden. Wir dürfen uns nicht allein auf den Kaufmann stützen, wir müssen alle Kreise hineinziehen. Es muß der Spielerei, der Unzucht undVöllerei entgegengetretcn werden. Diese Unsitten bilden ein lebendiges Beispiel gegen unsere früher viel gcrühnrte Enthaltsamkeit. Wir müssen darauf achten, daß unsere Veschandsvereine alle Kreise umfassen. Es darf uns keiner zu schlecht dünken in unserem Kreise. Dr. S i'm o n - Berlin: Ich will zunächst mit einigen kurzen Worten eingehen auf die Kritik an den Leistungen des Verbandsvorstandes. Unser Berliner Verein hatte die Ehre, im Verbandsvorstande mitzuarbeiten. Es klingt daher eigenartig, wenn ich mit einer Kritik einfetze, trotzdem ich mich den Worten des Herrn Referendar Kahn anschließe. Ich muß anerkennen, daß der Vorsitzende mit seltenem Arbeitseifer sich den Aufgaben unterzogen hat. Meine Kritik geht aber dahin, daß ich nicht genügend Gelegenheit hatte, im Vorstande zu arbeiten. Mein Tadel geht dahin, daß unser Verband nicht immer so geleitet worden ist, wie es erforderlich ist. Es ist zuviel von dem Vorsitzenden und dem Geschäftsführer gearbeitet woi den. Wir haben doch einen Kollegialvorstand und es gibt doch eine ganze Reihe von Angelegenheiten, die geeignet sind, von dem Kollegialvorstand erledigt zu werden. Dos ist nicht immer geschehen. Zu einem Punkte ist hier in der Versammlung von Herrn Goslar ein Antrag gestellt worden, den wir unterstützen. Es ist die Meinung verbreitet, wir sollen innerhalb der einzelnen Vereine nicht jeder Richtung des Judentums das Wort geben können, denn es würde angeblich dabei zu Kämpfen innerhalb der Vereine kommen, die die Wirksamkeit der Vereine schädigen würden. Das ist eine Aengstlichkeit die wir in Berlin zu überwinden gelernt haben. Dr. Apfel selbst hat es vorgetragen, daß es außerordentlich schwer ist, über den Vorwurf hinwegzukommen, daß wir ein rein zionistischer Verein sind. Wir müssen aufhören, immer nur danach zu fragen, was für einen Eindruck wird es nach außen machen. Wir sind der Ueberzeugung, es nützt alles nichts, wir kommen nicht darüber hinweg, daß uns gewisse Kreise vorwerfen, wir arbeiteten zionistisch. Kommen wir nicht darüber hinweg, dann müssen wir uns selbst darüber hinwegsetzen. Das Prinzip der Neutralität erfordert, daß wir jeden jungen Juden aufnehmen, welcher Richtung er auch angehöre, daß wir ihn zu Worte kommen lassen, daß er seiner Meinung Ausdruck geben kann und daß er immer sagen darf, ich bin anderer Meinung. Sonst haben wir keine Neutralität, sondern meiner Ueberzeugung nach Unterdrückung einer Richtung. Nun soll man zwar seine Meinung sagen können, aber keine Propaganda treiben. Sie wissen alle selbst, daß ich persönlich dagegen eingetreten bin, daß ein Jugendverein dazu mißbraucht werde, eine Propaganda für irgend eine bestimmte Richtung zu treiben. Man soll aber auch nicht zu weit gehen. Ich bitte dringend, die Resolution des Herrn Goslar anzunehmen. Die Resolution, die der Kollege Schönenberg eingebracht hat, bitte ich abzulehnen, damit nicht nach außen hin der Eindruck erweckt wird, der Vorstand des Verbandes ist von seiner Delegicrtenversammlung desavouiert worden. Der Vorsitzende vertagt um IV2 Uhr die Versammlung und gibt bekannt, daß nach der Mittagstafel pünktlich 3 Uhr die Verhandlungen ihren Fortgang nehmen werden. Nachmittagsverhandlnng. Vors. Dr. Apfel: Ich eröffne die Nachmittagsverhandlung und teile mit, daß Anträge eingelausen sind von Gordon-Aurich und Dr. Posner-Cottbus. (Beide Anträge werben verlesen.) Des weiteren ist ein Telegramm eingelaufen von Herrn Siegfried Brunn: „Herzlichen Dank, wünsche guten Verlauf unter der Parole: Einigkeit mackt stack." (Stürmischer Beifall.) Ferner ist ein Geschäftsordnungsantrag eingelaufen bezüglich Beschränkung der Redezeit. Ich bin aber ermächtigt, diesen 6