Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 5 (1.5.1911)
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4926451-6352328-6352449--0147-4929422- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
0f*r^FW' jeder von Ihnen seine Reisekosten erstattet verlangt, unsere Kasse wieder vollständig geleert ist. Ich glaube, daß nicht die einzelnen Personen, sondern die von Ihnen vertretenen Vereine, wenn man die Sachlage richtig darstellt, gern einen Teil der Kosten auf sich nehmen werden. Es ist selbstverständlich, daß wir nur die Reisekosten 3. Klasse und eine Aufenthaltsentschädigung von 12 Mark anbieten. Ich betone aber ausdrücklich, daß der Vorstand es ablehnt, irgend einem Delegierten die Reisespescn zu ersehen, dessen Verein bis heute den Verbaudsbeitrag nicht bezahlt hat. Die Herren müssen die Konsequenz tragen. Der Vorstand ist nicht gewillt, in diesem Punkte auch nur den kleinsten Deut nachzugeben. Ich bedauere, das; ich mich gegen etwas wenden nmß, was der uns sehr befreundete Professor Dr. Blumenthal namens des Zentralvereins gesagt hat. Es ist natürlich, daß wir in politischen Dingen den Standpunkt vertreten, den Herr Prof. Blumenthal proklamiert hat, das bedarf keiner Betonung. Herr Prof. Blumenthal hat als Delegierter des Zentralvcreins seinen Standpunkt vertreten, weil er ihn vertreten zu müssen glaubte. Ich bitte aber, daß wir in der Dehatte nicht weiter auf diese Frage eingehen, weil die Iugendvereine als solche sich von jeder Partei Politik fernhalten. Allerdings muß ich Stellung nehmen gegen eine Aeußerung, die der Kollege Münz getan hat. Er hat gesagt: Schließlich ist der Zentralverein nichts weiter als ein rein politischer Verein." Wir sind uns in allen neutralen jüdischen Oeganisattonen darüber einig geworden, daß das, was uns Juden alle gemeinsam angeht, so z. B. der Kampf gegen den Antisemitismus, stets diskutiert werden darf, und in diesem Sinne wird Herr Prof. Blitmenthal seine Rede auch nur aufgefaßt haben. Am besten ist jedenfalls, wenn unsere Delegicrtenversammlung sich in rein politische Sachen nicht mischt, aber ich scheue mich nicht zu sagen, daß sicherlich unsere Mitglieder samt und sonders auf dem Standpunkte des Herrn Prof. Blumenthal stehen. Kegen den Vorwurf, den Herr Goslar uns ivegcn der Emanzipationsnummer der „Mitteilungen" gemacht hat, müssen wir uns mit Nachdruck wenden. Dem Erscheinen dieser Gedenknunimer liegt folgende Erwähnung zugrunde: Wir haben von vornherein in unseren Vereinen hcrvorgehoben, daß die Arbeit nicht allein in der Betonung des jüdischen Momentes liege, sondern, daß wir es für unsere heilige Pflicht halten, die Mitglieder auf die ernsten und hohen Aufgabenhinzuweisen, die ihnen in ihrer Eigenschaft als deutsche Staatsbürger erwachsen. Wir wollen ein Geschlecht junger Inden heranziehcn, das auacsichts der vielfachen Zurücksetzunaen, die wir erdulden, nicht den Kopf hängen läßt, sondern das durch unverzagte Mitarbeit an den vaterländischen Aufgaben sich die Stellung als geachtete, gleichberechtigte Staatsbürger erwirbt. Es ist auf das tiefste zu beklagen, daß inan neuerdings in manchcn jüdischen Kreisen diesem Emanzipaiionskampf nicht mehr die genügende Aufmerksamkeit und Begeisterung schenkt und damit die hingehende und zielbewusste Arbeit der varhcraegangencn Generationen zu schänden macht. Dn glauben wir doch, cs verantworten zu können. wenn wir die Jugend auf den bedeutsamen Jabresiag der Jahrhundertfeier unserer Emanzipation ausmerksam machen, Indem wir namhafte Männer und Frauen um einen Beitrag zur Gedcnknnmmer angingen. Sie werden erstaunt sein über die Fülle der Antworten und ich möchte doch bitten, abfällige Aeutzerungen über bereitwillig mitarbeitcnde Personen zu unterlassen. Ich kann es als Verbandsvorsitzender nicht dulden, daß Abwesende in der Weise des Herrn GoÄar von uns lächerlich gemacht werden. In dem Punkte: Neutralität und Stellungnahme zu dem liberalen Jugendvcrein in Berlin sind wir uns einig. Damit die Debatte hierüber sich nicht ins uferlose verliert, unterbreiten wir Ihnen nochmals die einsiinunig gefaßte Resolution unseres Verbandsvorstandes. Sie lautet: „Jeder politischen und religiösen Parteirichtung muß das Recht zuerkannt werden, die Heranwachsende Jugend in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dennoch gibt die Verbandsleitung ihrem tiefen und schmerzlichen Bedauern Ausdruck, daß ihr Bestreben, die jüdische Jugend in neutralen Vereinen zu organisieren, um sic zunächst auf die gemeinsamen Gesichtspunkte hinznweisen, durch Bildung von tendenziösen Jugendvereinen eine wesentliche Schädigung erfährt. Der Vorstand beauftragt seinen Vorsitzenden und die anderen in Berlin wohnenden Mitglieder, bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit öffentlich in energischer Weise diesem Standpunkt unter Bezugnahme aus die Berliner Neugründung Ausdruck zu geben." Ich glaube, daß dieser Standpunkt der einzig richtige ist. Wir sind nicht in der Lage, irgend einer politischen oder religiösen Richtung zu untersagen, die Jugend in ihrem Sinne zu beeinflussen, und wir können daher nicht hindern, daß die Zionisten, die Liberalen, die Orthodoxen, die Konservativen diesem Wunsch Nachkommen. Aber dennoch müssen wir in diesem Fall sagen, daß das Stück Arbeit, das wir mühsam geleistet haben, in einer Art und Weise durchlöchert wird, die wir uns nicht gefallen lassen können. Ich werde die Empfindung nicht los, daß die neue Gründung bewußt gegen unfern Verband arbeitet. Ich war anfangs geneigt, die Sache nicht so tragisch aufzufassen, weil ich persönlich der Meinung war, daß es sich hier mehr um persönliche Gegensätze handelt, die sich eines Tages wieder überbrücken lassen würden. Der Führer dieser Bewegung, Herr Justizrat Breslauer, hat nun vor einigen Tagen einen Artikel erscheinen lassen, in dem behauptet wird, daß das einigende Judentum, das wir hier verireien, nur eine Phrase sei. Für uns ist eine jüdische Betätigung, die mehr das Einigende als das Trennende betont, keine Phrase. Die Neutralität bei uns besteht nicht darin, daß wir irgend eine Richtung unterdrücken wollen. Im Gegenteil: wir wollen jeder Richtung ihr Recht lassen. Jeder soll seine Meinung frei äußern können. Jeder soll für seinen Standpunkt eine ideale Propaganda entfalten können. P r a k - t,i s ch e'i Propaganda aber, — die muß aus unseren Vercineir fcrnbleiben. Wer aus unserer Stellungnahme eine einseitige Parteinahme hcrnuslicst, mit dem ist eben nicht zu reden Wenn man Neutralität mit Zionismus verwechselt, so ist das eine spczisisch Berliner Unsitte. Ich möchte aber aus meiner verantwortlichen Stellung heraus dennoch der Ansicht Auodruck geben: „Noch ist nicht alles verloren" und ich will meine diesbezüglichen Ausführungen mit dem Wunsche schließen, daß, wenn wir auch heute den liberalen Gründcrir Vorwürfe machen mußteu, wir »ns doch inuncr vor Augen halten wallen, daß auch im anderen Lager ein wundervoller Wille 20