Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 5 (1.5.1911)
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4926451-6352328-6352449--0144-4929419- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hoffnung, daß der liberale Verein sich doch noch zu uns finden würde. Diese Hoffnung habe ich aber nach dem Artikel des Herrn Justizrat Breslauer aufgeben müssen. Wenn wir auch den beabsichtigten Tadel gegen den Vorstand zurückziehen, so möchte ich doch bemerken, daß es vielleicht angebracht ist, darauf hinzuweisen, daß dieses Vorgehen nicht eine Kampfstellung gegen den liberalen Jugcndbund bedeutet. Ich möchte dann noch ein Wort korrigieren, das zu einem Mißverständnis Anlaß geben könnte. Herr Dr. Finkel hat von unliebsamen Vorgängen, durch die der Austritt des Herrn Dr. Wertheim aus dem Berliner Jugendbund hervorgcrufen sei, gesprochen, so daß man annehmen konnte, Herr Dr. Wertheim habe persönlich etwas begangen, was der Grund seines Austritts gewesen sei. Ich hoffe, daß sich darüber jetzt keine Debatte entspinnt. Ich kann fcststellen, daß es lediglich prinzipielle Gründe gewesen sind, die Herrn Dr. Wertheim zuni Austritt veranlaßt haben. Dann spricht man davon, daß der Berliner Jugcndbund zionistisch sei, demgegenüber muß ich jedoch feststellen, daß z. B. der zweite Vorsitzende dieses Vereins nicht Zionist sondern Antizionist ist. Es lag von seiten der Nichtzionisten kein Grund vor, sich je über eine Vergewaltigung zu beschweren. Rechtsanwalt M ü n z - Nürnberg: Bevor ich auf die Aeußerungen der beiden Herren Diskussionsredner eingehe, gestatteir Sie mir, eine Frage anderer Art kurz anzuschneiden. Es handelt sich für mich darum, welche Stellung die einzelnen Logen zu den Jugendvcreinen einnehnicn sollen. Zu meiner Freude kann konstatiert lverden, daß in den allermeisten Städten eine Harmonie zwischen den Logen und den Jugendvereinen besteht. Aber trotzdem besteht an manchen Orten, ich will nicht sagen eine Aversion, eine Antipathie, so doch immerhin keine volle Uebereinstimmung, zwischen der Loge und den Jugendvereinen. Es ist dies aus die prinzipielle Frage zurückzuführen: „Wie hat sich die Einzclloge zu den Jugendvereinen zu stellen?" Es gibt dreierlei Arten von Jugendvereinen: erstens Jugendvereine, die von der Loge unbegründet sind, und deren Leitung im Zusammenhang mit der Loge steht, zweitens Jugendvereine, die vollständig unabhängig von der Loge gegründet sind und auch geleitet werden, und drittens Jugcudvereine, deren Gründung nicht auf die Loge zurückzuführen ist, die aber pekuniär gefördert werden von der Loge. Ich will die Vereine herausgreifen, bei denen der Kcrnpunk, am schärfsten hcrvortritt, nämlich die Vereine, die von Logen gegründet wtirden. An manchen Orten wird die Anschauung vertreten, daß die einzelnen Jugendvereine gewissermaßen als Anhängsel zur Loge aufzufassen seien. Ich meine, diese Anschauung ist vollständig unrichtig und entspricht auch nicht den Intentionen der Großlogc. Das kann wohl gesagt lverden, logeirfreundlicher als die Grohloge, braucht die Einzelloge nicht zu sein. Ich meine, cs muß das heute ün Interesse der Logen mit aller Bestimmtheit betont lverden, aber es lväre auch ganz verkehrt, die Eigenart der Jugcndvereine zu verkennen. Die Jugend will einmal selbständig sein, das ist ihr gutes Recht. Sie will nicht bemuttert oder bevatert sein. Selbstverständlich ist e8 sehr zu begrüßen, daß die einzelnen Mitglieder der Logen in die Jugendvereiue hincingehen, schon aus dem Gruitdc, weil sie dann besser überzeugt werden; denn gerade in älteren Kreisen besteht eine gelvisse Befürchtung, daß manchmal eine Richtung eingeschlagen wird, .ne nickt begrüßt werden kann. Wer aber regelmäßig Jugendvereiilc besucht, der wird diese Anschauung nicht aufkommen lassen. Ich stimme mit dem Kollegen Kahn vollständig überein, daß die Jugendvereine eine Vertiesung, eine Vergeistigung anstreben müssen. Ich stehe ferner auf dem Standpunkte, daß es das allerwichtigste ist, die jüdische Geschichte systematisch, aber nicht burcaukratischfysteniattfch zu behandeln. Gerade in den Sommermouaten ist die beste Zeit, dieses Kapitel zur Sprache zu bringeu. Ich glaube, der Verein als solcher muß neutral fein, das einzelne Mitglied kann nicht neutral sein, sonst wird das Gegeilteil erreicht, cs werden dann Waschlappen daraus gemacht. Meine Damen und Herren! Auf die systeinatische Behandlung der jüdischen Geschichte muß etwas mehr Gewicht gelegt werden. Der größte Teil der Jligend bat leine Kenntnis von der Bibel. Sie ist das Grundbuch aller ethischen, moralischen Alischantingen. Es muß in den Jugendvereinen immer und immer wieder betont werden, daß die Jugend sich mit der Bibel vertraut machen nillß, aber nicht nur mit der Bibel, sondern auch mit dem Gesetz. Ich betone, daß es wichtig ist, daß die hebräische Sprache nicht nur deshalb gepflegt werdell muß, daniit die Gebete verstanden werden. Wie die hebräische Sprache zu förberu ist, das überlassen wir den einzelnen, das fmm lins vollständig gleichgültig sein. In den Mitteilungen des Verbandes vom 1. März ist gesagt, daß die Nummer 4 eine Enynete zur Jahrhundertfeier der Emanzipation der deutschen Juden erscheinen wird. Unter andern ist auch bei Marimilan Hardeil angefragt ivorden. Ein Apostat lind Antisemit wie Hardeit ist aber nicht geeignet, die jüdische Jugend darüber auszuklären, was die jüdische Emanzipation für die Jugcndvereine bebeutet. Ich verweise in dieser Beziehung auf den letzten Artikel der Zukunft. Es ist ferner zu bemängeln, daß Herr Dr. Wertheim iwck innner in den Listen als Verbandsreduer geführt wird. Es wäre besser gewesen, wenn dieses von unserm Jugendverband rektifiziert worden lväre. Gewissermaßen sollen die Vereine eine Reflexerscheinung jeder jüdischen Lcbcnsanschauung fein. Es ist Herrn Oberlehrer Schönemamt ein Vorwurf gemacht worden. Herr Schönemann hat doch nur seiner persönlichen Anschauung Attsdruck gegeben. Auch Herr Prof. Bluinenthal hat doch gegen unser Programni verstoßen. Wir dürfen nicht allzu ängstlich sein, denn Herr Schönemann hat uns doch im Namen des zionistischen Vereins begrüßt. Ehrlich ist es, wenn jemand seine Altsicht offen zum Ausdruck bringt, tvie ein Mann vor Männern, Ich will Sie nicht länger aufhalten. Ich kann nur in der bewußten positiven jüdischen Arbeit die Berechtigung der Jugeltdvcreine sehen, rmd deshalb müssen wir alles, was positiv-jüdisch ist, fördern und deshalb müssen wir auch Turn- und Sportvereine gründen. Dieses alles dient dazu, das Selbstbewußtseilt zu heben. Die Gründung eines Sportvereins in Nürnberg hat in gewissen Kreisen eine große Mißstiumtung hervorgerufen, als ob der ganze Jugendverein sich tauseir lassen wollte. Wir müssen von der Verbandsleitung erwarten, daß sie einen bestimmten positiven Standpunkt einnimmt. Es gereicht uns allen zur Genugtuung, daß der Sport und daS Turnen in den Jugeudvereincn betrieben wird. Bestimmte jüdische Arbeit ist 17