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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-05-01 · 5 (1.5.1911) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
5 (1.5.1911)
Date
1911-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Prof. Dr. Bluinenthal: Meine sehr geehrten Dainen und Herren! Der Vorstand des Zentralvereins hat mich in die angenehme Lage versetzt, Sie heute in seinem Namen begrüßen zu dürfen. Ich bedaure nur, daß dieses nicht geschehen kann durch den beredten Mund unseres ständigen Delegierten, des Herrn Rechtsanwalts Dr. Brodnitz, den es schmerzlich berührt, verhindert zu sein, dieser Verbandstagung beizuwohnen, da er selbst mitgeholfen hat, den Verband so groß zu machen, wie er sich heute vor unseren Augen repräsentiert. Die stattliche Zahl von Delegierten, die Kunde gibt von der großen Zahl der Vereine, und der Mitglieder, die sie vertreten, nmß den Zentralverein mit aufrichtiger Freude und Stolz erfüllen; hatte er ja doch an der Begründung des Verbandes den lebhaftesten Anteil genommen, was Sie auch dankbar und freudig anerkannt haben durch die Gewährung eines Sitzes in Ihrem Verbaudsvorstnude. Wir sind stolz daraus, mit Ihnen znsammenarbciten zu können, denn Sie repräsentieren die Elite der jüdischen Jugend, die sich ihr Selbstbewnßtsein bewahrt hat, jener Jugend, die noch stolz ist aus die glorr.icheGeschichte ihrer Väter, jenerJugend, die bei allerLiebe und Begeisterung jiir das schöne große Vaterland nicht aushört, den jüdischen Ueberliefcrungen die Treue zu bewahren. Man hat an dieser Treue Anstoß genommen; man hielt sie für nicht vereinbar mit vaterländischer Gesinnung. Wie wir treu sind unserem Judentumc, so sind wir auch treu unserem Vaterlande nicht nur im Glück, sondern auch im Unglück. Ist es nicht eine Verblendung, daß der Staat jedem Renegaten nachläuft und ihm goldene Berge verspricht? Ihre Tagung, sie zeigt uns, daß junge Männer in zahlreicher Menge vorhanden sind, die für ihre Ueberzeugung einstehen. Solche Männer braucht der Staat, braucht das Judentum. Wir sehen in Ihnen die Männer, die hoffentlich dereinst den Kampf zum segensreichen Ziele führen werden, den wir begonnen haben, den Kampf um unsere staatsbürgerlichen Rechte. Es ist ein wichtiges Jahr, das jetzt vor uns liegt. Die Reichstagswahl steht vor der Tür. Der letzte Reichstag beherbergte 20 Antisemiten, dix sich als solche bezeichnen, und viele, die in anderen Fraktionen sitzen. Die Aussichten, daß sie alle hinausgewählt werden, sind günstiger denn je, wenn wir alle unsere Pflicht tun. Diese Pflicht besteht darin, daß kein Jude einen Antisemiten wählt, auch nicht in der Stichwahl. Lassen Sie sich nicht von den sogenannten „nationalen" Gründen blenden. Wir haben zu lange uns von den herrschenden Parteien überreden und täuschen lassen, um nun endlich einzusehen, daß wir dabei nicht einen Schritt wcitergekonuuen sind. Wir verlangen nicht Titel und Orden für reiche, sogenannte wohltätige Großkaufleute, sondern wir verlangen unsere uns durch die Verfassung zustehenden Rechte. Nicht weil der Offizier uns etwas Höheres erscheint, wollen ivir in die militärische Karriere hinein, sondern weil die Fernhaltung aus diesem Beruf ein Ausdruck der Mißachtung ist, den man uns zuteil werden läßt. Achtung erwirbt sich der, der gerade und mutig für seine Rechte eintritt, nicht der sie aufhebt.. Nicht für den schwarzblauen Block und nicht gegen ihn lautet unsere Parole, sondern immer gegen den Antisemiten. Wir können und dürfen als Juden keme bestimmte Wahlparole für eine bestimmte Parteigruppierung ausgeben. Vorsicht ist mehr denn je ain Platze, denn mit solchen Liberalen, die aussordern, für einen Antisemiten zu stimmen, haben wir nichts zu tun. Es muß von Fall zu Fall geurteilt werden. Seien Sie aber vorsichtig, nicht solche Kandidaten in der Hauptwahl zu unterstützen, die dann in der Stichwahl derartige Wahlparolen ausgebcu. Es darf kein Antisemit auf jüdischen Krücken in den Reichstag gelangen. Wie der Zentralverein alle Richtungen, Orthodoxe, Liberale, Zionisten und Antiziouisten umfaßt, so müssen auch die Jugendvereine alle Richtungen unisassen. Oiewiß finden sich bei der Jugend Gegensätze. Aber es wäre doch traurig, wenn z. B. Zionisten und Antizionisten usw. nicht so viel Gemeinsames fänden, um in Frieden Zusammenarbeiten zu können. Wenn wir etlvas erreichen wollen, dann müssen wir einig sein. Darauf kommt alles an. Die Jugendvereine werden nur bestehen können, wenn sie neutral sind, und in diesem Sinne begrüße ich Sie. Vors. Dr. Apfel: Ich bemerke schon jetzt, daß ich nachher in der Debatte die Auffassung des Verbnndsvorstandes zu einzelnen von dem Vorredner berührten Punkte bekauntgeben werde. Das Wort hat nunmehr in persönlicher Eigenschaft und gleichzeitig als Vertreter des R a b b i n e r v e r b a n d e 8 Herr Landrabbincr Dr. Gronemann. Dr. Grone m a n n - Hannover: Es ist mir zunächst Herzensbedürfnis, als Oberhaupt der hiesigen Gemeinde meiner großen Freude darüber Ausdruck zu geben, daß der Verband seine zweite Tagung in unserer Gemeinde abhält, weil ich hoffe, daß zunächst die gesegnete Wirkung dieser Tagung, woran ich nicht zweifle, auch innerhalb unserer Gemeinde sich offenbare und Wärme und Begeisterung für die hohen Ideale des Jugendverbandes erzeuge. Dann habe ich die ehrenvolle Aufgabe, im Namen des Rabbinerverbandes für Deutschland Ihnen für die Einladung zu danken, die Sie ihm haben zukommen lassen, und den herzlichsten^ Willkonunensgrus; auszusprechen. Sie werden es begreifen, daß gerade die Rabbiner ganz besonders darüber Freude empfinden müssen, daß die Jugendbeivcgung in kurzer Zeit eine solche Macht geworden »st, >vie cs uns vorher geschildert wurde. Wir Rabbiner sind ja in unserer Wirksamkeit auf die Jugend angewiesen, hauptsächlich ist es unsere Aufgabe, für da« Judentum zu wirken, für seinen Fortbestand nach unseren besten Kräften Sorge zu tragen. Wie können wir das? Wie können wir es erreichen, daß das Erbe der Vergangenheit auch in der Zukunft fortbesteht, wenn wir uns nicht auf die Jugend verlassen können? Aber wenn Ivir zurückblicken auf die Entwickelung des Judentums in den letzten Jahrzehnten, man. kann sagen in den letzten Jahrhunderten, so werden wir nicht leugnen können, daß lange Zeit hindurch die Jugend, keineswegs der Eckpfeiler, die Stütze des Judentums gewesen ist. Von Geschlecht zu Geschlecht ist das Interesse am jüdischen Leben immer mehr erkaltet. Die Rabbiner haben es beobachten müssen, daß die Traditionen der Vergangenheit ivohl noch von den Aelteren mehr oder minder hochgehaltcn worden sind, daß das jüngere Geschlecht aber immer mehr sich abwandte, immer mehr der Religion fremd geworden ist. Wir müssen es aussprechen, daß das Barometer jüdischer Geschichte immer mehr von Jahr zu Jahr gesunken ist. Wir sahen es sinken bis .fast zum Gefrierpunkt, und wir mußten uns der Befürchtung hingeben, wenn tvir auch sprachen, und wenn wir auch zu wirken suchten, daß allniählich in den späteren Geschlechtern das jüdische Leben noch mehr erstarren würde. Run aber, meine — 5

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