Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 4 (1.4.1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
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Lpbeshymnen dafür anzustimmen, daß man an unseren Jätern nach vielhundertjähriger Knechtung einen Akt selbstverständlicher Gerechtigkeit und Staatsklugheit beging, indem nian sie zwar nicht zu vollberechtigten Preußen erklärte, ihnen jedoch wenigstens einen Teil der zu Unrecht vorenthaltenen Rechte wiedergab. Aber dys Edikt von 1812 brachte unsere Vorfahren in lebendigen Kontakt mit der übrigen Menschheit, beendete ihren Ausschluß von der kulturellen Gemeinschaft der Völker und ermöglichte ihre Beteiligung am gemeinsamen Fortschritt, — mit einem Worte: es beendete für einen erheblichen Teil der Judenheil das Mittelalter. In schneller Folge hat das befreite Judentum die zivilisatorische Höhe der Umgebung wieder erreicht und ' durch den geistigen und ethischen Inhalt seiner Religion vielfach überflügelt. Andererseits hat sich aber auch ein kulturelles Parvenütum mit entwickelt, das nicht genügend beachtet ivorden ist. Im Jubel über das „Fallen der Schranken" opferte man vielfach die religiösen Grundlagen des Lebens, die unser Volk jahrtausendelang vor dem Zerfall bewahrt hat, man opferte die nationale Tradition und jedes geistige Eigenleben, — und doch muß eine Gemeinschaft zu Grunde gehen, die sich von ihrem historischen Werdegang loslöst, die nicht täglich neu zu erwerben sucht, was ihr die Väter überlieferten. Menschen solcher Geistesrichtung, innerlich haltlos, äußerlich streberhaft, nu'issen ein zersetzendes Element in dem Staate bilden, dem sie angehören. Deshalb ist der Zusammenschluß aller bewußten Juden innerhalb des Staates nicht nur zum Zweck der Erwerbung der Bürgerrechte, sondern auch behufs Pflege unserer ererbten, religiösen Güter eine Notwendigkeit, und die jüdische Jugend vor allein ist berufen, sich zu organisieren und zu lernen — um später lehren zu können. Eine solche Pflege unserer geistigen Errungenschaften bedingt aber auch den Zusammenhang mit denjenigen Teilen des jüdischen Volkes, die heute noch ein selbständiges, jüdisches Wissen und Empfinden lebendig pflegen. Der kleine Bruchteil unseres Volkes, den die deutschen Juden darstellen, müßte bald die jüdische Eigenart des Denkens und des Füylens einbüßen, ja, in der Umgebung verschwinden, wenn der äußere Druck nachließe. Diese Auflösung aber müssen wir' verhindern. Die Eigenart der jüdischen Volksseele ist für die große Menschheitsfamilie nicht minder wertvoll wie die jeder anderen Nation. Wir wollen nicht sterben, sondern leben. Wir wollen also arbeiten, auf daß die Quellen jüdischen Geisteslebens nicht versiegen, sondern von neuem reichlich weiter fließen. Der einzige Weg hierzu ist die Schaffung eines kulturellen Zentrums mit einheitlich jüdischer Bevölkerung, wie es der Z i o n i s m u s für Palästina erstrebt. Als freie Bürger unseres deutschen Vaterlandes, ausgerüstet mit all den geistigen Hilfsmitteln unserer Umgebung, sollen wir treue Staatsbürger aber auch gute Juden sein, denen die Sorge um die Zukunft ihres Stammes die höchste Lebensaufgabe bildet. Ein wahrhaft hochstehendes Judentuni, erfüllt von Liebe zu seinem Stamme, bestehend aus aufrechten, stolzen Charakteren, wird am besten seine Pflichten auch gegen den preußischen Staat erfüllen und ihm die wertvollsten Bürger liefern. Mögen die Jugendvereine helfen, diese stolzen Männer heranzubilden! Ivhnnues Trvjnn. wer Du auch bist, vor Gott sind gleich Niedrig und Hoch und Arm und Reich. Daß Hand und Herz Du treu und rein Bewahrst, darauf sieht er allein. Und was Dir auch begegnen mag, was auch an Freud' und Leid ein Tag Dir bringt, allzeit init Herz und Hand Halt zn dem deutschen Vaterland! Warnemünde, Februar ,9U. Johannes Trojan. Harry Walde«. Durch meinen verstorbenen Vater, der Börsianer war, wurde ich schon als Knabe in gute, jüdische Familien eingeführt. Durch ihn lernte ich, keinen Unterschied der Konfession zu machen, sondern lediglich den Menschen zu suchen. So kam es, daß der Kreis meiner Schulfreunde sich aus Christen und Juden in ungefähr gleichem Verhältnis zusanunensetzte. Dieses Verhältnis blieb sich in meinem späteren Leben gleich. Was den Knaben im Verkehr mit seinen jüdischen Freunden unbewußt anzog, hat nachher der Mann verstanden. Es war die gute Kinderstube, in der er sich wohlfühlte, der liebevolle Verkehr zwischen Eltern und Kindern, der auf ihn tiefen Eindruck machte. Eine strenge Erziehung, deren oberstes Gesetz aber immer die liebevolle Zuneigung zu seinen Kindern blieb, die den Vater handeln ließ. Schon den Kindern wurde so die Zugehörigkeit zur Familie in stärkstem Maße anerzogen, diese Schutzstätte, in die man sich im rauhen Kampf des Alltags so oft, so gern zurückzieht. Ich habe später im Leben so manches Mal die Beobachtung gemacht, wie dieses Zugehörigkeitsgefühl zu seiner Familie dem Juden genützt, ihn gestärkt hat und ein Bollwerk gewesen ist, hinter das er sich vor der Außenwelt flüchten konnte. Dieser bei den Juden so stark ausgeprägte Familiensinn mag ja auf kulturellem Gebiete seinen Ursprung finden, mir ist er stets als die wesentlichste Charaktereigenschaft der Juden erschienen, hat mir gefallen und imponiert. Harry W a l d e n. 17