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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-04-01 · 4 (1.4.1911) · p. Seite 12

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
4 (1.4.1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Dr. Erich von Drygalski «Polarforscher). Wenn Sie von mir eine Äußerung über das Judentum wünschen, so kann dieselbe naturgemäß nur ganz kurz sein, da ich mich mit den Problemen des Judentums niemals eingehend beschäftigt habe, meine Berührungen damit also nur persönliche oder gelegentliche sind. Für die einzelnen, die ich genau kenne und mit denen mich nahe Beziehungen verbinden, empfinde ich vollste Hochachtung und im Einzelfall Freundschaft. Anderen begegne ich wie jedem anderen entsprechenden Menschen. Gelegentlich hat es mich beschäftigt, warum ich seinerzeit unter hunderten von Meldungen aus allen Klaffen zur deutschen Südpolar-Expedition nicht eine von einem'Juden erhielt. Es hat mich gewundert, da in anderen Erdräumen jüdische Forschungsreisende auch hervorragendes geleistet haben. Dr. Erich von Drugalski. Geh. Med.,Rat Prof. Dr. Albert Ettleulmrsi. Meiner Berufstätigkeit liegt es am nächsten, an die weit über ein Jahrtausend zurückreichendcn unvergänglichen Leistungen jüdischer Aerzto und Forscher auf dem Gebiete der Heilwiffenschaft zu erinnern. Den Medizinschulen von Alexandrien und Ostrom entstammten bereits hervorragende Aerzte jüdischen Stammes und diese vermittelten nicht zum wenigsten die hohe Blüte der arabischen Medizin, als deren Hauptvertreter sie in dunkeln Jahrhunderten den Glanz medizinischen Wissens und Könnens lange aufrecht erhielten; alle Boraufgegangenen an Ruhm überstrahlend jener große Denker und Arzt Abu Amrun Musa Ben Maimon (Maimonidesl, der, 1135 in Cordoba geboren, 1179 als fürstlicher Leibarzt nach Kahira berufeik, dort 1204 sein tatenreiches Leben beendete und dessen Tod die Judenschaft aller Orten mit dreitägiger Trauer, in Fasten und Gebet, dank- und schmerzerfüllt feierte. — Seitdem den Juden, langsam, und luiderstrebend genug, bei uns die akademische Laufbahn erschlossen wurde: welche Fülle glänzender Namen in fast allen theoretischen und praktischen Disziplinen der Medizin hat sich da entfaltet! Denke ich an meinen eigenen Studiengang zurück, so haben von allen meinen akademischen Lehrern wohl wenige in dem Maße auf mich bestimmend gewirkt, wie der große Kliniker Traube und der seinerzeit als „König der Nerven" bewunderte Nervenarzt Romberg; und wenn wir auf die heutige Medizin blicken, so braucht an ihre dem Judentum entstammenden zeitgenössischen Vertreter kaum erinnert zu werden — ihre Namen schweben ohnehin auf allen Lippen! — Und wenn in der geistigen Struktur des jüdischen Stammes immer die hervorragende Intelligenz nicht ganz ohne Nebenabsicht so besonders betont wird, so gelangt gerade auf dem Gebiete ärztlichen Wirkens nicht minder die in langer harter Leidensschule erworbene und gestärkte schöne Eigenschaft des sozialen Mitgefühls und Hilfsbestrebens zu voller unbestreitbarer Geltung. Geh. Rat Pros. Dr. A. E u l e n b u r g. Professur Wilh. Förster. Auf die gef. Einladung vom 14. Februar betreffend einen Beitrag zu Ihrer Gedenknummer beehre ich mich zunächst zu erwidern, daß ich kaum etwas zu Ihren Bestrebungen stimmendes beitragen könnte, wenn Sie dabei unter den Zielen Ihres Verbandes ad I. in den Vordergrund stellen, die selbstbewußte Anhängerschaft der Juden an ihre altehrwürdige Gemeinschaft zu pflegen und den aufrechten Juden der andersgläubigen Mitwelt Achtung ab » öligen zu sehen. Ganz im Gegenteil ist mir das Judentum stets als ein entscheidend förderliches Element für die allmälige Loslösung der Menschheit von den traditionellen atavistischen Sonder- Einbildungen erschienen, und ich darf sagen, daß ich den ausgezeichneten Juden, mit denen ich befreundet wurde, gerade in dieser Richtung, nämlich in der Einbürgerung in eine gemeinsame menschliche Seelenwelt, eminentes verdanke. Was soll denn die bloße Nackenstärkung der einzelnen Volkstypen und religiösen Jdealgedanken in ihrer trennenden Eigenart? Dadurch kann sich ja nur die kindische Einbildung und Unduldsamkeit der germanischen Rasse steigern. Bilden wir doch die jüdische Art in ihren hohen internationalen Geisteskräften zu dem intellektuellen „Salz der Erde" aus. Also i ch gehöre nicht in Ihre Gedenknummer. Professor Wilh. Förste r, Geh.Mat Prof. Dr. Ludwig Geiger. Der II. März 1912, der Tag, an dem vor 100 Jahren das Edikt „betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden" erlassen wurde, ist ein freudiger und ernster Gedenktag; ein freudiger, denn er erinnert an die erste Bekundung unserer Befreiung und unseres Rechts; ein ernster, denn er beweist uns, das; nicht alle Blütenträume reifen, daß Vieles von dem einst Verheißenen zurückgenommen wurde, und daß manches Zugeständnis, däs auf dem Papiere steht, nicht zur Tat wurde. Sollen wir angesichts dieser Tatsache trauern und untätig sein? Rein! Ein Jahrhundert ist für die Weltgeschichte eine geringe Spanne Zeit und nur dem Tätigen gehört die Welt. Wer sich erinnert, wie klein im Jahre 1812 die Zahl der dcutschen Juden war, die sich in Bildung und Gesittung mit ihren Landsleuten messen konnten, und wie groß sie heute ist, wer die ungeheure Entwicklung in Wohlhabenheit, Kultur, die seitdem erlangt ist, erwägt der kann sich keiner Verzweiflung hingcben. Gewiß: wir seufzen unter vielen Beeinträchtigungen. Viele Berufe sind uns verschlossen, im Heere und in der amtlichen Laufbahn können wir unsere Kräfte nicht üben. Aber wer die stoize Reihe der Dichter, Musiker, bildenden Ksinstler, Schriftsteller, Schauspieler, der Männer der Wissenschaft auf allen Gebieten, der Erfinder, Techniker, Industriellen und Großkaufleute durchmustert, die dem Judentum entstammen und glücklicherweise zumeist dem Judentum noch angehören, wer sieht, wie in zahllosen Vereinigungen, die der Wohlfahrt, der Politik, der Kunst, deni Handwerk, der Wissenschaft dienen, jüdische Männer und Krauen treulich mit ihren christlichen Landsleuten Mitarbeiten und von ihnen als vollgültige Genossen angesehen und geehrt werden, der kann nicht in Kleinmut 12

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