Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-04-01 · 4 (1.4.1911) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
4 (1.4.1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4926451-6352328-6352447--0117-4929393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

t Prvf. Lnjo Brentano. ES ist ein Eingeständnis von Schwäche, wenn die Mehrheit einer Volkes einer Minderheit anderer Abstammung, welche die geschichtliche Entwicklung zu Mitbewohnern derselben Lander gemacht hat, die Anerkennung gleichen Rechter versagt; außerdem ist es auch unklug. Nicht nur, daß die Mehrheit damit bekennt, daß sie sich nicht stark genug fühlt, sich die fremde Minderheit zu assimilieren, ihr Verhalten wird zum stärksten Hindernis solcher Assimilierung. Wäre die Minderheit der Mehrheit in Wirklichkeit überlegen, so würde die Vorenthaltung ihrer Gleichberechtigung im Innern einen Feind erwecken, der dar nationale Leben gefährden würde. Wie die Beteiligung vieler ausgezeichneter Juden am Aufbau des neuen Deutschen Reiches beweist, hatten sich die Juden seit ihrer Emanzipation zu »efflichen deutschen Patrioten zu entwickeln begonnen. Seit dem Auftreten und ffortschreiten des Antisemitismus nehmen sie an dem Pessimismus teil, der seit 80 Jahren alle ergriffen bat, welche die seitdem unsere innere Entwicklung beherrschende Strömung von jedem Einfluß auf die deutsche Politik ausgeschlossen hat, und der zu einer Schwächung des Ansehens des deutschen Volke« geführt hat. ES ist dringend an der Zeit, daß dieses sich wieder auf seine Stärke besinne und zu einer weitherzigen Stellung gegenüber den Juden zurückkehre, Lujo Brentano. Mdj. Regieritrr.qsrat Pros. Dr. Hermann Cohen-Marburg. Das Jubiläum unserer staatsbürgerlichen Gleich, berechtigung hat eine doppelte Bedeutung: für unser Vaterland und für unsere Religion. Wir feiern erstlich an ihm unser Vaterland, das sein Fundament der Gerechtigkeit durch die Zuerkennung unserer Rechte an uns im Geiste des Rechtsstaates verlieft und befestigt hat. Unser Vaterland ist nicht nur unsere Heimat, sondern unser Rechtsstaat, die Verwirklichung deS Rechts auf Erden, die nur der Staat vollziehen kann. Als gleichberechtigte Staatsbürger können wir auch erst mit voller Lebenskraft an den Segnungen der geistigen Kultur teilnehmen, welche unser Staat fördert, deren Förderung auch unser Recht und unsere Pflicht ist. Das Vaterland und der Staat gehen nicht in der jeweiligen Wirklichkeit auf; der Staat des Vaterlands umfaßt Vergangenheit und Zukunft, und nur in diesem Zusammenhänge hat die Gegenwart ihre wahrhafte Realität. Das ist der politische Sinn dieses Jubiläums: daß wir aus den Engen, Unvollkommenheiten und Bedrängnissen der Gegenwart emporgerichtet werden zu dem idealen Begriffe des Vaterlands. Mit dem alten Liede dürfen wir sagen: „Das Vaterland muß größer ein," als daß die jeweiligen Machthaber und herrschenden Klassen eS zu erfüllen vermöchten. In seiner Geschichte vollzieht sich die ideale Gestalt des Staates, und das Jubiläuni, das wir demnächst begehen dürfen, ist ein Höhepunkt in der Geschichte unseres Vaterlands. Es ist uns eine Mahnung, vielmehr eS löst uns das Rätsel, daß wir unser Vaterland lieben. Nicht nur seine geistige Kultur lieben wir, nicht nur seine Wissenschaft die es uns spendet, nicht nur seine Poesie und Kunst, in die unser Gemüt von Jugend auf hineinwächst, auch seine Politik lieben wir, ungeachtet ihres dermaligen Betriebes, sei es an uns, sei es an anderen Volksgenossen. Der große Rechtsweg, den unser Staat vor einem Jahrhundert beschritten hat, gilt uns als Bürgschaft, daß die Gerechtigkeit nicht aufhören kann, als das Fundament des Reiches ausgebaut zu werden. Das Jubiläum hat zweitens eine hohe religiöse Bedeutung. Nicht nur, daß die Dankbarkeit und die Treue gegen unser Vaterland eine Pflicht unserer Religion ist, lehrt dieses Jubiläum uns auch der Kultur - kraft innewerden, die unserer heiligen Religion innewohnt. Nicht allein der politischen Einsicht, noch auch nur der religiösen Toleranz des 18. Jahrhunderts haben wir unsere Emanzipation zu verdanken, sondern nicht minder auch der Anerkennung, welche die Kulturkraft unserer Religion sich abgezwungen hat. Moses Mendelssohn wurde als der deutsche Sokrates geehrt, und Moses Mendelssohn hat den Einklang des Judentums mir der Vernunftreligion gelehrt. Dieses Bewußtsein der sittlichen Gleichwertigkeit unserer Religion, seiner ursprünglichen und seiner unvergänglichen Kulturkraft, hat uns rn diesem Jahrhundert aufrecht erhalten. Möge das Jubiläum uns ein Denkstein werden für die Erhaltung, Mehrung, Befestigung, Verbreitung und vorab siir die sittliche Vertiefung und Läuterung unserer Religion; ein Denk" stein für die große gleichsehr religiöse wie politische Pflicht, daß wir die literarischen Quellen und Schätze immer lauterer für die Forschung >rnd für die Bildung uns zu eigen machen, aus denen unsere Vorfahren ihre Lebenskraft geschöpft haben, aus denen mir selbst immerdar u n m i t t e l b a r schöpfen müssen, wenn anders wir unsere Fortexistenz sichern wollen für unsere Religion und für uns in unserem Vaterland; denn, wie sachlich die Gerechtigkeit das Fundarnent der Staaten ist, so ist dies persönlich die Treue; und die Treue hat kein sichereres llnterpfand als die Religion, die Religion unserer Väter, welche die Religion der Menschheit ist, als solche erdacht ist und verheißen, als solche gedacht, gelehrt und gepflegt wird und — ersehnt. Herman n C o h e n. 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.