Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 4 (1.4.1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nun, daß heute unsere Sprache und unsere Lebensweise sich in nichts mehr von der unserer christlichen Mitbürger unterscheidet, wird selbst ein Antisemit nicht bestreiten, und nur böser Wille kann leugnen, daß wir seither immer und überall im vollsten Maaße das gethan haben, was § 15 jener alten Verordnung von uns fordert, nämlich, daß wir „alle den Christen gegen den Staat und die Gemeinden ihres Wohnortes obliegenden bürgerlichen Pflichten" erfüllt und „mit Ausnahme der Stol-Gebühren, gleiche Lasten, wie andere Staatsbürger" getragen haben. Und doch spricht man noch heute vielfach von uns als „Gastvolk", von der christlichen Bevölkerung als „Wirtsvolk;" man will uns also unser mit Blut und Gut erworbenes, durch viele Jahrhunderte besessenes Vaterland abstreiten! Und während schon vor 100 Jahren gesetzlich bestimmt war, daß „die für Einländer zu achtende Juden" „akademische Lehr- und Schulauch Gemeindeämter, zu welchen sie sich geschickt gemacht haben", verwalten dürfen, erregt es noch im Jahre 1911 großes Aufsehen und Widerspruch, wenn z. B. in Breslau einige jüdische Volksschullehrer angestellt werden sollen, oder in Berlin einige jüdische Lehrerinnen an städtischen Schulen dauernd und pensionsfähig beschäftigt werden! Was folgt daraus für uns Inden? Sollen wir denken: „Wir Juden haben erfüllt, was uns als staatliche Pflicht auferlegt worden ist; Du Staat hast aber nicht gehalten, was Du uns dafür feierlich versprochen hast, also haben wir auch gegen Dich nicht mehr die gleiche Pflicht, wie unsere christlichen Mitbürger?" ro . 0 Nichts wäre verwerflicher, nichts thorichter als das. Mit Recht hat man schon im Altertum das Vaterland der leiblichen Mutter gleich gestellt: so wenig wir je die unlöslichen Bande und Verpflichtungen, die uns mit dieser verbinden, lösen können, so wenig können wir je unserer Pflichten gegen unser Vaterland ledig werden. Je mehr wir unter Zurück>etzung und Ungerechtigkeit zu leiden haben, desto eifriger müssen wir dem Vaterlande dienen, um so endlich das Vorurteil gegen uns zu besiegen. , . r .. Das ist eine der wichtigsten Mahnungen, die uns der hundertjährige Gedenktag an das Hardenbergsche Edikt zürnst. Das möge besonders unsere Jugend be- ^^Schneller fließt das Blut durch ihre Adern, schneller ist sie daher bereit, mit Trotz und Gewalt dem entgegenzutreten, was der gereifte Mann besser durch Ruhe und Stetigkeit überwindet. . Möchte die jüdische Jugend zum Heile des Vaterlandes, zum Heile der Judenheit zwar stets mannhaft für uiiser hohes Ziel kämpfen, aber nie, ohne auf die Erfahrungen der Aelteren zu hören! „Der Greis zum Rat, der Jünglmg zum Kneg!" so lehrt die alte Weisheit des Talmud. Adele Schreiber. Zu meineni großen Bedau»rn kann ich Ihrer freundlichen Aufforderung, für Ihre Festnummer einen Beitrag zu liefern, nicht Nachkommen, weil ich auf einem anderen Boden stehe wie Ihre Organisation; insbesondere stimnie ich nicht überein mit den von Ihnen unter Punkt 1 angeführten Anschauungen. Ich möchte dieser Auffassung ebenso sehr entgegentreten, wie der oft zitierten und gleichfalls irrigen Anschauung „Nur ein guter Christ kann ein guter Soldat sein"! Ich möchte im Gegenteil an allen jenen Bestrebungen Mitarbeiten, die möglichste Befreiung aus allen konfessionellen, separatistischen Banden zum Ziele haben. Für alle internationalen, interkonfessionellen Kulturbestrebungen trete ich stets mit voller Ueberzeugung ein. Ich erlaube mir dies zu bemerken, weil Sie ausdrücklich anführen, daß Sie auch Worte der Kritik gern entgegenehmen. Adele Schreiber-Krieger. NeichstaffSabsteordneter P. Sommer ifreis.s. Bestand und Entwicklung eines modernen Volkes hängen nicht zuletzt von einer gewissen, sein Wollen, Entschließen und Handeln bestimmenden inneren Einheitlichkeit ab. Das hierauf gerichtete Streben darf aber niemals berechtigte Eigenart und damit das Individuelle, das Persönliche zu beeinträchtigen oder gar auszumerzen trachten; im Gegenteil wird es Aufgabe aller Führer des Volkes sein, darüber zu wachen, daß jederzeit durch eine eingehende, jedoch die Persönlichkeit niemals geistig, kulturell, konfessionell oder politisch einengende, sondern stetig freier machende Pflege dieser Eigenart, der so wertvolle Prozeß des Zu-, An- und Miteinander im Volke geläutert und gefördert werde, eingedenk der aus der Kulturentwicklung der Menschheit herzuleitenden Erfahrung, daß die stärkste Einheit am sichersten aus der am besten und edelsten gepflegten Freiheit des Einzelnen und der Gesamtheit gewonnen wird. P. Sommer, M. d. R. Reichstag-Abgeordneter Prof. Dr. Stengel lfreis.). Wenn ich auch offen bekenne, daß Sonder-- organisationen wie die des Verbandes der jüdischen Jugendvereine meinen Idealen nicht entsprechen, wenn ich auch insbesondere das Bestehen speziell jüdischer Verbindungen an unseren Hochschulen für ebenso bedauerlich halte, wie das aller anderen konfessionellen Vereine, so kann ich doch die Berechtigung speziell jüdischer Vereine, also auch ihres Verbandes zurzeit nicht bestreiten. Meine Vorwürfe in dieser Beziehung richten sich also nicht gegen diesen, sondern gegen diejenigen. deren Intoleranz den Zusammenschluß Ihrer Mitglieder notwendig gemacht hat. Möge Ihren vereinten Kräften gelingen, was dem Einzelnen durchzusetzen gegenwärtig unmöglich ist, nämlich nicht nur die völlige staatsbürgerliche Gleichberechtigung zu erringen, sondern auch die unberechtigte Scheidewand niederzureißen, welche die kleinliche Gesinnung Ihrer Gegner zwischen Ihnen und der übrigen deutschen Jugend errichtet hat! Ist dieser mein Wunsch einst in Erfüllung gegangen — ich werde daS freilich wohl nicht mehr erleben — dann wird auch die Mahnung an Ihren Verband am Platze fein, seine Sonderstellung aufzugeben und jeden. v —