Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 4 (1.4.1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Oberbürgermeister Äirschiier-Berli». Ihrem Wunsch, Ihnen einen Beitrag zu der Nummer Ihres Verbandsorganes zu senden, welche dem Andenken an das vor 100 Jahren ergangene Hardenbergsche Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden gewidmet werden soll, komme ich gern nach. Die Forderung der bürgerlichen Gleichberechtigung für die Anhänger aller Bekenntnisse ist eine voll berechtigte und in unserem Vaterlande durch Verfassung und Gesetz wiederholt der Theorie nach anerkannt; das Verlangen unserer jüdischen Mitbürger, daß diese theoretische Wahrheit'ihnen gegenüber auch praktisch voll zur Anwendung gebracht wird, verdient daher Anerkennung und Unterstützung. Dieses Ziel wird auch bei uns um so eher und um so sicherer erreicht werden, je mehr sich die Juden bewußt bleiben, daß der religiöse Glaube eine Angelegenheit des inneren Menschen ist, und je mehr sie es demgemäß vermeiden, sich äußerlich von Andersgläubigen zu unterscheiden. Berlin, den 12. März 1911. K i r s ch n e r, Oberbürgermeister. Neichstagsabgevrdneter Dr. Levnhart (freij.). Der Kampf um die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden, welche bis jetzt in vielen Punkten nur auf dem Papier steht, und die Beseitigung der aus Dummheit und Niedertracht geborenen mittelalterlichen Vorurteile werden umso schneller unh nackhaltiger von Erfolg sein, je mehr sich die jüdischen Mitbürger im vollen Bewußtsein ihrer staatsbürgerlichen Pflichten und Rechte am öffentlichen Leben der Nation beteiligen. Berlin, 10. März 1911. Dr. Johannes Levnhart, M. d. R. ReichStagsabgeordneter Geh. Rat Dr. Pfundtncr (Stadtschulrat «. D.s (freis.j. Wie haben wir's so herrlich iveit gebracht i Gewiß, in der Technik, in den Künsten und Wissenschaften, wie auf allen Gebieten des materiellen Lebens find wir vorangekommen. Doch zwischen Diesem Fortschritt und unserer inneren Kultur, unfern gesellschaftlichen und ethischen Anschauungen, unserer Herzensbildung gähnt noch eine tiefe Kluft. Helles Licht und finstere Schatten. Es geht ein häßlicher Zug von beschränktem Vorurteil, von Standes- und Stammesdünkel durch unsere wunderliche Zeit; zersetzend wirkt er auf die Allgemeinheit und trägt damit bei zur Erschütterung der Staatsgrundlagen. Denn justitia et pietas fundamenta regnorum. Seltsamer Widerspruch I Dieselben Leute, die die Religion und ihre äußere Uebung so gerne voranstellen, die von dem Staatsbürger vor allem verlangen, daß er seine religiösen Pflichten erfülle, scheinen gerade dem jüdischen Mitbürger es zu veriibeln, gerade ihn es entgelten laffen zu wollen, daß er so treu festhält an seiner Väter Glauben und den Vorschriften seiner Religion gewissenhaft nachlebt. Der jüdische Mitbürger ist gleich ihnen durch die deutsche Schule, die deutsche Erziehung gegangen, er ist in allen Stücken vorgebildet wie sie, seine Prüfungen hat er — oft besser noch als sie — bestanden, er hat die gleichen Berechtigungen erworben, und doch soll er gewiffe Staatsstellungen nicht erreichen dürfen, gewiffen Berufen, die ihnen offen stehen, fernbleiben — als Jude; er soll von gewissen Beförderungen in Heer und Verwaltung ausgeschlossen sein — bloß weil er Jude ist. Als ich noch so glücklich war, meinen Lehrerberuf auszuüben, habe ich an meinen jüdischen Schülern meine Freude gehabt; in allen Klaffen gehörten sie zu den strebsamen, wohlgesitteten Zöglingen, weit über die Schulzeit hinaus zeigten sie wohltuende Pietät. Und soweit ich ihre weitere Entwicklung in Amt und Leben verfolgen konnte, hielten sie treu, was sie in der Schule versprochen hatten, sind sie tüchtige, oft hervorragend tüchtige Männer und Staatsbürger geworden, erfüllt von dem Geiste hingebender Arbeit, in Ehrenämtern mit Eifer und Klugheit tätig, ihrer nationalen Pflichten sich bewußt. So habe ich es stets als ein schweres Unrecht empfunden, daß man ihnen weigerte, was man den andern gab, daß man bittere Kränkung zusügte denen, die redlichen Willen und beste Kraft mitbrachten, dem Vaterlande gleich den andern zu dienen. Es ist ein häßlicher Fleck auf unserem deutschen Ehrenschilde — diese durch nichts gerechtfertigte Zurücksetzung, es ist im letzten Grunde eine Torheit, eine Schädigung der Staatsinteressen, die alle Kräfte verlangen und in ihren Dienst gestellt haben wollen. Und waS hilft uns denn aller Fortschritt sonst, wenn hier künstlich eine Entwickelung unterbunden, wenn hier das freie Spiel der Kräfte im Bemühen um die Wohlfahrt des Ganzen gelähmt wird. DaS ist nicht politische Klugheit, das ist nicht deutsche Humanität. Geh.-Rat Dr. Pfundter. M. d. R. Abgeordneter Geh. Iustizrat Dr. Porsch <Ztr.). _ (Vizepräsident deS Abgeordnetenhauses.) Auf die sehr gefällige Aufforderung vom 26. v.M. erwidere ick, daß ein Uebermaß von Geschäften amtlicher und ehrenamtlicher Art mich zu meinem Bedauern gehindert hat, derselben zu entsprechen; ich schreibe eine ebensolche Ab lehnung gleichzeitig an eine katholische Stelle. Ich möchte aber diese Gelegenheit gern, benutzen, um Ihnen zu sagen, daß ich auch meinen Glaubensgenossen gegenüber immer die Sätze vertreten habe, daß nur ein in seinem Glauben aufrechter Mensch der andersgläubigen Mitwelt Achtung abnötigen kann, und daß ohne Rüekstcht auf Strömungen, welche mit Recht oder Unrecht zum Pessimismus hintreiben, unsere Jugend zur freudigen Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber dem deutschen Vaterlande Heranzuziehen ist. Deshalb beglückwünsche ich Sie zu den Zielen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands und wünsche ihnen weiteres Gedeihen. Zum Jahrhunderttage des Hardenberg 'scheu Ediktes darf ich vielleicht darauf Hinweisen, daß meine politischen Freunde es stets bis auf diesen Tag als ihre Aufgabe betrachtet haben und betrachten, für die berechtigten Forderungen ihrer jüdischen Mitbürger auf parlamentarischem Boden einzutretcn. Dr. Porjch Geheimer Juftizrat. 7