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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-04-01 · 4 (1.4.1911) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
4 (1.4.1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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H. v. Gerlach. Auf die Rundfrage vom 20. d. Mts. beehre ich mich ergebenst zu erwidern: Es gibt zwei Methoden, um die Entrechtung des Judentums zu beseitigen: Kampf oder Asstmilierung. Die Versuche der Asstmilierung haben bisher nur zu einer Duldung der getauften und vielleicht sogar geadelten Juden geführt. Hinter ihrem Rücken werden sie doch nicht als gleichberechtigt anerkannt, und die finden den meisten Spott, die sich als Antisemiten aufspielen. Die Methode des Kampfes ist unbequemer, dafür aber umso sicherer zum Siege führend. Ein Jude, der heute nicht in der schärfsten Opposition gegenüber der Regierung und den herrschenden Schichten steht, ist für mich ein Rätsel. Wenn die Juden ihre ganzen geistigen und finanziellen Kräfte konzentrierten, um an Stelle des heutigen feudalen Regiments das der Demokratie zu setzen, so würden sie den Sieg der freiheitlichen Ideen sehr beschleunigen können. Von der Anlehnung an die bestehenden Gewalten haben sie nichts zu erwarten. Alles dagegen von dem Aufkommen jener couckies nouvelles, von denen Gambetta sprach. H. v. Gerl ach. Reichsu. Landtagsabgeordnetcr Gersteuberger (Ztr.). Einen Beitrag wünschen Sie für das Gedcnkblatt des Verbandsorgans? Der Anlaß — die 100 jährige Gedächtnisfeier der Emanzipation der deutschen Juden — macht den Wunsch begreiflich. Ihn zu erfüllen, ist nicht schwer, wenn es nur gelte, Ihren Beifall zu erringen; ist nicht leicht, wenn damit Ihre Ziele und Bestrebungen gefördert werden sollen. Als überzeugter Katholik Hab' ich Respekt vor jedermann, der seine religiöse Ueberzeugung, um Menschengunft und Vorteil unbekümmert, entschieden an den Tag legt, nicht provozierend, nein, nur selbst sich achtend. Als Zentrums mann tret' ich deshalb zu jeder Zeit mit den Parteikollegen dafür ein, daß Keinem in der Religionsbctätigung ein staatlich Hindernis bereitet werde. Aus diesen Gründen weiß ich auch zu schätzen Ihr erstes Ziel: DieJugend gottesgläubig zu erhalten. Als Vorbedingung selbst eracht rch dies für Ihre andern Ziele: Zu pflichtgetreuen Deutschen die Ihnen anvertrauten jungen Leute zu erziehen. Selbst angehörend einer Minderheit im Deutschen Reiche fühl' ich mit Ihnen jedes Unrecht, das in der Minderwertung eines fremden Konfesstonsgenoffen für staatliche Beamtenstellen kraß sich äußert. — Wenn diese Ziele — da die Jugend coch die Zukunft rst — bewirken, daß auch die Tages- und Bilde: - blätter, die teils von Juden selbst geleitet, teils beeinflußt sind, sich streng enthalten von Verletzung unserer Gefühle durch die Verhöhnung kirchlicher Personen und andrer Dmge, die uns heilig sind, dann wird das Endziel Ihrer Sehnsucht auch bei den Massen mehr Verständnis finden. Drum fort mit Pessimismus! An dre Arbeit stets eingedenk deS Wortes unseres Dichters Arndt: „Was Du geträumt in grüner Jugend, Das mache wahr durch Männertugend — Die frühsten Träume täuschen nicht! Doch wisse, Träume sind nicht Taten: Ohn Arbeit wird Dir nichts gerate»; Die Tugend trägt ein ernst Gesicht. Liborius Gerstenberger Chefredakteur d Fränk. Volksblattes in Würzdurg, Mitglied d. Deutsch. Reichstgs. u. Bayr, Landtags. Reichtagsabgevrdneter Gothein (frcif.). Dem geehrten Verband erwidere ich auf das gefällige Schreiben vom 14. d. M., daß ich es ablehnen muß für Ihr Verbandsorgan einen Beitrag zu liefern. So energisch ich stets die politische wie die gesellschaftliche Zurücksetzung unserer jüdischen Mitbürger bekämpfe, so wenig bin ich ein Freund der konfessionellen Abschließung in Vereinen. Ich vermag demnach zu meinem Bedauern Ihrer freundlichen Aufforderung nicht zu entsprechen. Gothein. Abgeordneter von Heltdorf ffrcikons.). Wie sehr die Ziele des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands anzuerkennen sind, dafür sprechen zwei kleine Erlebnisse aus den letzten Jahren, welche ich Ihnen gerne mitteile. 1. Vor einiger Zeit kam ich in die Lage, die Personalien des Direktors eines großen industriellen Etablissements feststeUen zu müssen. Nach mancherlei Mühen gelang es mir endlich, im Wege mündlicher Verhandlung die Rubrik „Religion" aussüllen zu können. Der Direktor hatte sich nämlich als „jüdischer Dissident" bezeichnet. Auf meinen Einwurf, daß ich mir wohl einen dissentierenden Juden, nicht aber einen jüdischen Dissidenten denken könne, einigten wir uns dahin, daß in die Kolonne einfach „Dissident" eingetragen wurde. 2. Anders das zweite Erlebnis: Während einer Erholungsfahrt in die Harzbeige hatte ich einen längeren Aufenthalt aus einer Kreuzungsstation. Es war ein herrlicher Sonnenuntergang nach einem Gewitterregen. Da siel mir ein kleiner Mann mit jüdischem Typus auf, der trotz des zahlreichen Publikums sein Abendgebet verrichtete. Nachher fuhr ich mit dem Kleinen zusammen in einem Abteil und nahm ich gern Veranlassung, ihm meine Bewunderung auszusprechen. „Man soll immer auf sich und seine Ueberzeugung halten, das danke ich der Erziehung in meinem Elternhause. Aber" — so fuhr er fort — „so treu wie ich zu meinem Gott stehe, so treu und fest stehe ich auch zu meinem Kaiser und König." Das sind mir unvergeßliche Worte geblieben. So erfreulich die zweite kleine Episode, so unerfreulich die erste, die leider sicherlich schon manche Nachahmung gefunden haben wird. Hier Charakterlosigkeit, dort Charakterfestigkeit und Ueberzeugungstreue. Möchten die beiden kleinen Erlebnisse dazu beitragen, Ihre Jugend Ihren anerkennenswerten Zielen näher zu bringen. 6

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