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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-04-01 · 4 (1.4.1911) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
4 (1.4.1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Juden bedrückte, denen von den Segnungen, welche die französische Revolution den Juden West-Europas gebracht hatte, auch nicht der kleinste Teil zugute gekommen war. Die Jugend der deutschen Juden, welcher diese Blätter vor allem gewidmet sind, soll deshalb jenes Edikt verehren als die Quelle und den Ausgangspunkt für die Entwicklung, die das deutsche Judentum seither genommen hat. Aber sie soll sich auch sagen, daß, wenn auch Großes erreicht und nach langem Mühen die gesetzliche Gleichstellung der Juden erkämpft worden ist, damit die deutsche Judenheit doch noch lange nicht am Endziel ihres Strebens steht. Noch ist die soziale Gleichstellung nicht errungen, noch sind die Ideale nicht verwirklicht, welche in den Kämpfen der vierziger und der sechsziger Jahre von unfern Vätern aufgestellt worden sind. Ihnen nachzustreben muß das Ziel der jüdischen Jugend sein. Sie soll die widerstrebenden Elemente lehren, wie man das Festhalten am Judentum und seine Ueberzeugungen vereinigen mag mit den nationalen Pflichten. Gelingt ihr das, so wird das goldene Zeitalter des Judentums, das unsere Geschichte und Dichtung in die Tage einer weit zurückliegenden Vergangenheit verlegt, in einer hoffentlich nicht allzu fernen Zukunft zur Wirklichkeit werden. Justizrat Max Fuchs I. Oberbürgermeister Dr. Fuß-Kiel. Unser politisches Parteiwesen, innerhalb wie außerhalb der _ Parlamente, ist vielfach in Widerspruch mit den Wünschen, Urteilen und Ueberzeugungen, die von patriotischen und geistig wie sittlich hochstehenden Männern in vertraulichen! Gespräch ausgesprochen zu werden pflegen. Es ist besonders zu beklagen, daß die Zugehörigkeit zu einem in scharfer Ausschließlichkeit ausgeprägten religiösen Bekenntnis die Grundlage für eine politische Partei bildet, die einen oft genug entscheidenden Einfluß im Reichs- und Staatsleben auszuüben die Macht hat. Aber widersinniger noch erscheint mir eine Partei, deren einigendes Band lediglich in dem Haß gegen eine einzelne Glaubensgemeinschaft besteht, die ihrerseits weder den Vorwurf der Unduldsamkeit gegen Andersgläubige, noch den einer vom Christentum wesentlich abweichenden Moral verdient. Sehr fadenscheinig ist der Vorwand, mit dem die Antisemiten ihren Haß gegen das Judentum zu bemänteln juchen: cö sei nicht die jüdische Religion, sondern die silbische Rasse, die ihrer deutsch-nationalen Empfindung widerstrebe. Denn eine gewissenhafte Geschichtsforschung hat längst die Legende einer bis heuie fortbestehenden und auf Palästina zurückzuführenden Rassengeineinschaft der Juden zerstört. Wenn trotzdem zuzugestehen ist, daß gewisse äußere und innere Merkmale bis in die Gegenwart nachweisbar sind, die sich als typisch für eine große Anzahl der unter uns lebenden und vorzugsweise aus den slavischen Ländern nachdrängenden Juden bezeichnen lassen, so darf die daraus hergeleitete Antipathie doch nicht verallgemeinert werben. Denn die Erfahrung lehrt, daß jene zum Teil (keineswegs durchweg) unerfreulichen Merkmale zu verschwinden pflegen, wenn jüdische Familien auch nur durch wenige Generationen sich in einer Lebensstellung und auf einem Bildungsgrade bewegt haben, durch die ihnen eine zunächst wenigstens äußerliche Gleichachtung mit den Familien ihrer christlichen Landsleute gesichert wurde. Daß der brutale Druck, unter dem die Juden in unserem deutschen Vaterlande Jahrhunderte lang von christlicher Seite gehalten worden sind, physische und moralische Eigenschaften unerfreulicher Art erzeugt haben, die ohne den vorerwähnten nachträglichen Ausgleich annoch abstoßend wirken können, gereicht mehr dem Verhalten der judenfeindlichen Christen, als den Juden selbst zum Vorwurf. Gebildete und einsichtige Juden verhehlen sich nicht die Notwendigkeit, auf die ethische Hebung ihrer Glaubensgenossen hinzuarbeiten, zumal in solchen Gegenden und Berufskreisen, wo die verhältnismäßig rascher entwickelte Intelligenz des Juden ihn in Konflikte mit der bodenständigen christlichen Bevölkerung bringt, die durch das vorhandene Mißtrauen gegen den sittlichen Wert des klügeren Gegners verschärft werden. Möge von beiden Seiten durch Gerechtigkeit, Duldsamkeit und Selbstkritik dem schönen Ziele zugestrebt werden, einen inneren Gegensatz ans unserem Volksleben zu beseitigen, der dem stärkeren Teil keine Ehre bringt, bei dem schwächeren aber gerade von den edelsten Persönlichkeiten als tiefe und unverdiente Herzenskränkung empfunden wird. Können Sie diese eilig hingeworfenen Betrachtungen, die zu vertiefen und mit Beweisstellen zu belegen mir die Zeit fehlt, für Ihre Gedenknummer gebrauchen, gebe ich Ihnen gern die Ermächtigung dazu. Dr. Fuß, Oberbürgermeister. N. (Kädke, früher Oberst. Wie nian auch zu religiösen Fragen stehen rnag, es verrät in jedem Falle einen bedauerlichen Tiefstand der staatlichen Moral, den Renegaten höher einzuschätzen als den bekenntnistreuen Sohn des Glaubens seiner Väter. Damit ist ausgesprochen, daß ich die Vorenthaltung gewisser Berufe und Stellen, die dem klaren Wortlaute der Verfassung zuwider dem ungetauften Juden verschlossen bleiben, dem getauften sich öffnen, für ein schweres Unrecht halte, für einen Makel unseres Staates und für einen Rest mittelalterlicher Barbarei. Aber alle geschichtlichen Fortschritte geschehen nun einmal langsam und brechen sich erst dann unwiderstehlich Bahn, wenn die übergroße Mehrzahl eines ganzen Volkes über die Selbstsucht der Regierenden hinwegschreitet, weil sie sich zu höherer Auffassung von Gerechtigkeit und Sittlichkeit aufgeschwungen hat. Diese Zeit wird um so eher eintreten, je mehr die jüdische Jugend trotz des schweren ihr angetanen Unrechts sich von dem Geiste erfüllen läßt, mit dem Ihr Verein sie durchdringen will: unbeschadet ihrer BekenntniStreue freudige Mitarbeiter an der Größe des deutschen Vaterlandes und ergebene Söhne unseres Volkes immerdar zu bleiben, wie sie es bisher gewesen sind. R. G ä d k e.

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