Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 4 (1.4.1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Statt besonders Aufmunterndes schreiben könnte, denn die'Jetztzeit ist nicht dazu angetan, unendlich freudig in die Zukunft zu blicken. Nicht allein für Sie, sondern für unser ganzes Volk! Verzeihen Sie also, wenn ich Ihre Bitte nicht erfülle. Ich werde nach wie vor für das Recht Ihrer Rasse eintreten und kämpfen, wie ich es immer getan habe, aber ganz in meiner Weise, und dazu bedarf es nicht noch einer besonderen Betätigung durch einen Beitrag zu Ihrem Gedenkblatt, da ich mich mit der Entwicklung der jüdischen Jugend speziell nicht beschäftigt habe. Ich sah sie stets als zu unserm Volk gehörend an. Minna Cauer. Fürst Donnersmarck. Augenscheinlich hat das Volk Israels sich in deutschem Land trotz mancher ungerechtfertigten Bedrückung und Zurücksetzung dauernd wohlgefühlt. Will dasselbe aber auch in deutschem Land von den deutschen Elementen wohl gelitten sein, so darf es nicht an der Zersetzung, sondern muß an der Erhaltung der deutschen bürgerlichen Ordnung Mitarbeiten. Februar 1911- Fürst D o n n e r s m a r ck. Rcichstagsabgcordneter Matthias Erzberger lZtr.). Der Jude, der aus Ueberzeugung an seinem Glauben festhält, hat Anspruch auf volle Achtung aller seiner Mitbürger; läßt er sich aus Gründen des Ehrgeizes, und materieller Vorteile halber taufen, verfällt er mit Recht der Mißachtung. Ihrem Bestreben, die jüdische Jugend zur treuen Vaterlandsliebe heranzuziehen, wünsche ich besten Erfolg, wie ich auch den Standpunkt vertrete, daß alle staatsbürgerlichen Rechte ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses gewährt werden müssen. Berlin, 20. Februar 1911. M. Erzberger, M.d.R. Jnstizrat Dr. Eugen Fuchs sendet uns als Beitrag den folgenden Auszug seiner zum 10 jährigen Stiftungsfest des „Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens" gehaltenen Gedenkrede: „Mag T r e i t s ch k e auch in seiner deutschen Geschichte die Palme wahren Ruhmes nur einem Juden zuerkennen, wenn er ganz und ohne Vorbehalt im deutschen Leben aufgeht, mag hier von einem Lehrer der Ethik verlangt werden, daß die Juden sich vollständig mit den europäischen Nationen assimilieren müßten — wir brauchen nicht ohne Vorbehalt im deutschen Leben aufzugehen, wir sind Deutsche. Aufehen ohne Vorbehalt und Assimilieren ist nur der a u b e r e Ausdruck für die perfide Taufe. Zum Glück ist die Ethik dieser Herren nicht d i e Ethik, nicht die Ethik unserer deutschen Geistesheroen. Ich uröchte dem Berliner Lehrer der Ethik die Ethik entgegenhalten, die der größte unserer deutschenWeistesheldeu, die Goethe gelehrt hat, wenn er sagt: „Ausdauern soll man da, wo uns mehr das Geschick als die Wahl hinstellt . . . Denn es bleibt freilich ein Jeder, der die Religion verändert, mit einer Art von Makel bespritzt, von der unmöglich erscheint, ihn zu reinigen". Deutsche sind wir in dem Sinne dieses deutschen Geistesheros, nicht in dem Sinne der Ahlwardt und Stöcker, auch nicht in dem Sinne von Treitschke und Paulsen und wie sonst die Koryphäen des wissenschaftlichen Antisemitismus heißen mögen. Deutsche sind wir, denn nicht ist maßgebend die Form der Schädel, die Farbe der Haare, die Linie der Nase und die Größe der Figur, sondern der energisch betätigte Wille, ein Deutscher zu sein. Und diesen Willen haben die Juden Deutschlands — das weiß Gott — mit genügender Energie betätigt. Schon im XI. und XII. Jahrhundert sind die Juden in Westdeutschland die Träger einer großen deutsch-nationalen Kultur gewesen, als die Vorfahren manches Teutonen noch Wenden und Obotriten gegewesen sind. Unter Mord und Brand sind die Juden aus Worms und den Städten des Rheins vertrieben worden, und, wie wir es gehört haben, als getreue Kinder eines unväterlichen Vaterlandes haben sie die Sprache mitgenommen und bewahrt bis in die fernsten Lande. Abwehr verlangt Kenntnis und Treue. Wer das Judentum kennt, der wird dessen tune sein, daß man von ihm nicht abzurücken braucht, um seinem Vaterlande ein getreuer Sohn zu sein; der wird wissen, daß das Judentum seinen Bekennern gebietet, den König zu lieben, das Vaterland zu ehren und ihm in Treue anzuhängen. Und da will man uns sagen, daß mir unser Judentum ohne Vorbehalt aufgeben sollen, uni Deutsche zu werden? Nimmermehr! Wir sind Deutsche! Auf deutschem Boden sind wir geboren, auf deutschem Boden werden wir dereinst, so Gott will, begraben werden. Das sind die Gedanken, die uns alle beseelen; sie hinausgetragen zu haben, ist das Verdienst des „Zentraloereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", ein Perdienst, das ihm nicht verbracht werden kann, wenn er auch sonst kein Verdienst haben sollte. Treue zu üben und die Kinder zur Treue anzuhalten, ihnen immer und immer wieder einzuprägen, daß es höher ist, die innere Ehre zu bewahren, als nach den äußeren Ehren des Staates zu begehren — das sind die Gedanken, die wir seit der Gründung unseres Vereins nicht nachgelassen haben in die weiteren Kreise unserer Glaubensgenossen zu tragen, und ich glaube, daß sie uns allen, die am Verein teilnehmen, zum Segen und zur Ehre gereichen werden. D r. Eugen Fuchs. Jnstizrat Max Fnchs (Präsident der Deutschen Konferenzgemeinschaft der A. I. U.) Das Edikt von 1811 und die ihm folgende Gesetzgebung über die Verhältnisse der Juden in Preußen aus dem Jahre 1812 machten Epoche in der Geschickte der Entwicklung des Judentums in Deutschland. Zum ersten Male ist damals ein Licktstrahl gedrungen in die Finsternis, welche in jenen Tagen die preußischen — 4