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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-02-01 · 2 (1.2.1911) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
2 (1.2.1911)
Date
1911-02-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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des Schlichtens unter den Begriff der Tierquä/erei untersagt, stand in der zweiten Lesung zur Beratung. Der tierschützlerische Antisemitismus glaubte seinen „großenTag" zu.haben, aber der Antrag Gröber wurde mit großer Majorität angenommen, zu der das Zentrum, die Freisinnigen, Sozialdemokraten, der größte Teil der Nationalliberalen und sogar die Reichspartei zählte. Auch von konservativer Seite wurde der Meinung Ausdruck geliehen, daß das Schächten nach jüdischem Ritus keine Tierquälerei sei. Sie begründeten das Votum gegen den Antrag Gröber mit staatsrechtlichen Bedenken, da er einen Eingriff in die partikulare Landesgesetzgebung bedeute. Auch die Regierung stellte sich auf diesen Standpunkt, trotzdem wurde der Antrag angenommen. Ob das Ergebnis der erforderlichen dritten Lesung dasselbe sein wird, bleibe dahingestellt, aber einstweilen genügt es uns, daß festgestellt ist: Die Parlamentarier aller Parteien, mit Ausnahme der Antisemiten, haben es klar und deutlich ausgesprochen, daß sie entgegen der antisemitischen Tierschützerei, die jüdische Schächtmethode nicht als Tierquälerei betrachten und von Schächtverbvten nichts wissen wollen. Und schon dies Ergebnis ist erfreulich. Eine erfreuliche Kunde kommt jetzt auch aus Rußland. Jedoch nur die Kunde. Bei den bekannten Verhältnissen, unter denen die Judenfrage in Rußland steht, bedeuten „gute Absichten" nicht allzuviel, und selbst gesetzgeberische Akte wenig, wenn es der Verwaltung anders besser gefällt. Trotzdem mag hier zum Schluß registriert sein, daß nach einer Mitteilung aus Petersburg, der frühere Dumapräsident Chomjakow mit aller Bestimmtheit erklärt hat, die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons sei für die nächste Zeit ganz bestimmt zu erwarten. Er könne das positiv erklären. Wenn den russischen Glaubensbrüdern, wie es hiernach scheint, auch nur das Wohnrecht in ganz Rußland gewährt würde, so wäre das wenigstens ein Anfang zur Besserung ihrer jetzt fast unerträglichen Situation. Albert Jacoby. W Schlußtermine der Redaktion. "W» s) für den Allgemeinen Teil 81. jeden Monats b) für den Verbandsteil AN. ,, „ c) für den Inseratenteil A5. „ „ Zusendungen, die uns nach de» angegebenen Daten zugehen, können für die nächste Nummer nicht mehr Berücksichtigung finden. Die Redaktion. Abraham Geiger, Das Judentum und feine Geschichte. Durch die Munifizenz unseres bekannten Gönners, des Herrn Siegfried Brünn, Berlin, war unser Verband in der Lage, den ihm angeschlossenen Vereinen das vortreffliche Buch Geigers, das zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages in neuer Auflage erschienen ist, als Chanukkageschenk zu übermitteln. Ich bin überzeugt, daß dieses Geschenk von allerk unseren Verbandsmitgliedern, welcher Richtung sie auch angehören mögen, mit Dank ausgenommen worden ist. Mag man auch den Reformator Geiger ablehnen, den Gelehrten Geiger wird jeder hochschätzen, der sür geistige Arbeit und großes Wissen Verständnis hat. Denn Abraham Geiger war nicht bloß ein guter Kanzelredner und gewandter Publizist, sondern ein Gelehrter par excellence, ein genialer Forscher und ein scharfsinniger Kritiker, dessen Vielseitigkeit und Gründlichkeit uns geradezu mit Staunen und Bewunderung erfüllen. Mit einem immensen Schatz klassischer und allgemein wissenschastlicher Bildung verband er umfassende Kenntnisse auf allen Gebieten der jüdischen Literatur, die er mit Meisterschaft beherrschte, wie dies seine umfangreichen gediegenen Arbeiten wie auch sein glänzender hebräischer Stil deutlich zeigen. Was uns besonders an Geiger so wertvoll macht trotz seiner Resormationsbestrebungen, ist die innige heiße Liebesglut, mit der er das Judentum und die jüdische Religion liebt. Wie er über das Judentum, seine Unvergänglichkeit als geistige und religiöse Macht derikt, welche Hoffnungen er auf die Zukunft des Judentums setzt, das sieht man an mehreren Stellen unseres Buches. So heißt es z. B. in Abteilung III. Seite 369: „Während nun manche geschichtliche Lebensmacht ihr bestimmtes Ziel hat, das sie erreicht, damit aber erschöpft ist, ihre Aufgabe erfüllt hat und vom Schauplatz abtritt, gibt es andere schöpferischere Lebenskräfte, die auch im Fortgange der Zeiten sich imnier wiederum verjüngen, neue Aufgaben, nachdem die früheren gelöst und erfüllt sind, sich stellen, deren Ausführung unternehnien und daran die geübte Kraft weiter erproben; das sind die besonders hervorragenden tief und mächtig einwirkenden geschichtlichen Persönlichkeiten, die in ihrer welthistorischen, bezwingenden Macht die Entwicklung des Menschengeistes fortdauernd begleiten und fördern. Ohne Scheu nun bezeichne ich das Judentunr als eine solche Lebensmacht, erhebe für dasselbe den Anspruch, daß es nach eigentümlicher Anlage sich selbst ausgebildet, weithin gewirkt und diese lebendige Kraft in sich rivch nicht erschöpft hat." 0

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