Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 2 (1.2.1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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ist, sich doch mit aller Entschiedenheit gegen das Taufjudentum wendet. Herr Rathenau wird damit gewiß auch in jenen Kreisen vielleicht Gutes wirken, die auf ihn wegen seiner hohen sozialen Stellung hören und den Versuchungen zum „Untertauchen" oft am ehesten ausgesetzt sind. Wenn Herr Rathenau schließlich, kurz vor der Jahrhundertfeier der Judenemanzipation, in fast apodiktischer Form schreibt: „Noch ehe ein Jahrzehnt vergeht, wird der letzte Schritt zur Emanzipation der Juden geschehen sein", so mag man wünschen, daß sich dieses Prophetenwort erfüllen möge. Vielleicht wird es dann solcher Debatten über „Judentaufen" überhaupt nicht mehr bedürfen, wenn die Motive, die jetzt in den meisten Fällen zur Taufe führen, dann entfallen. Auch ein anderer „Judenerlöser", der manches aus der Schrift Rathenaus: „Höre Israel" mit Nutzen gelesen, viel mehr aber aus dem Argumentationsschatz der Antisemiten schöpft, hat mit einer Broschüre: „Das Judentum in Deutschland, von einem jüdischen Deutschen" (Verlag von C- Curtius-Berlin) die jüdische Oeffentlichkeit in diesen Tagen beschäftigt. Er predigt den Juden nicht die Taufe, sondern das restlose Anfgehen des Judentums im Deutschtum. Und auf die Frage, auf welchem Wege das geschehen soll, antwortet der Verfasser, Gerichtsassessor Blach- Stralsund, auf jedem Wege, eventuell auf Kosten des ganzen Judentums. Vorzugsweise aber sei der Weg — die Mischehe. Die Schrift Blachs ist in glänzendem Stil geschrieben, übervoll von geistreichen Gedanken, und darum besonders gefährlich, wenigstens für den, der die innere Haltlosigkeit seiner ganzen Argumentationen darüber vergißt und sich blenden läßt. Es ist bezeichnend, mit wieviel Behagen und wenig Witz doch alle die modernen „Erlöser der Judenheit" operieren. Die ganze Skala ihrer Rettungsvorschläge des Judentums erschöpft sich in dem Gedanken, wie ertränke ich das Kind, das ich retten will, am besten. Groß ist der Geistesreichtum der Erfindungen mVb Methoden aller dieser auf den gleichen Ton gestimmten Judenretter also nicht. Die radikalen Retter rufen den Juden zu: „Tauft Euch"! Ein anderer (siehe Frommer) stellt die Alternative: Tauft Euch oder zurück ins Ghetto! ein dritter schiebt die Rettung auf die nächste Generation und rät „zaghaft": Laßt uns selbst Juden bleiben und die Last tragen, — aber taufen >vir unsere Kinder, um sie vor der Last zu bewahren! (Siehe Benedictus Levita). Für die allmähliche Rettung plädiert auch Köhler, wenn er immer nur die Schicht zur Taufe geführt sehen will, die sich in ihrer religiösen Anschauung derjenigen der freidenkenden Protestanten nähert. Durch die Ehe ins Deutschtum, das heißt Christentum, ruft uns nun der jüdisch-deutsche Herr Blach zu. „Wie wär's", meine Herren, möchte man sagen, „wenn wir es so ließen, wie es ist; daß wir gute, treue, deutsche Staatsbürger blieben und Ihr alle, der Staat voran. Euch nicht darum kümmertet, was wir etwa sonst noch sind, insbesondere, wie wir unser Verhältnis zu Gott und unser religiöses Leben einrichten. Fügt den absolut gleichen Pflichten gegen Staat und Gesellschaft die absolut gleichen Rechte hinzu oder strebt wenigstens danach, und Ihr dürft überzeugt sein. Ihr werdet so am ehesten das Judentum retten, wenn Ihr schon einmal den Beruf in Euch fühlt, uns zu retten". Dem Taufjudentum in Berlin dürfte es übrigens eine kleine Unbehaglichkeit bereiten oder doch wenigstens manchem, der zu ihm gehört, daß das „Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin", dessen erste Nummer als amtliches Organ des Gemeindevorstandes in diesem eben verflossenen Monat erschienen ist, u. a. auch eine Liste der Ausgetretenen bringt. Wenigstens wird von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt, daß ein Jurist, der demnächst beabsichtigt, das „Entrebillet in die europäische Kultur" zu nehmen, wie bekanntlich Heinrich Heine die Judentaufe umschreibt, sich beschwerdeführend an den Herrn Polizeipräsidenten gewandt habe mit dem Ersuchen, die Veröffentlichung der Austritte zu beanstanden und zu untersagen. Der Herr Polizeipräsident hat aber dem Beschwerdeführer bedeutet, daß z. B. die Austritte aus der katholischen Kirche ein Jahr laug in den katholischen Gotteshäusern ausgehängt würden und sich gegen die Publikation der Austritte aus dem Judentum nichts einwenden lasse. Durch die Veröffentlichung dieser Liste wird man wenigstens für Berlin eine authentische Unterlage für die wirkliche Anzahl der Uebertritte in der Reichshauptstadt erhalten, während bisher nur, nicht immer zutreffende Schätzungen Vorlagen. Im Monat Dezember des vorigen Jahres waren es 20. Freilich dürften dabei die „Kindertaufen" nicht einbegriffen sein. Im Reichstage gab es dieser Tage eine ausgedehnte Debatte über eine jüdische Frage, über das Schächten nach jüdischem Ritus. Der bekannte Antrag Gröber, der landesrechtliche Schächtverbote als unstatthaft erklärt, die Subsumierung