Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 2 (1.2.1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau. Für die eifrige Förderung unserer Jugendbewegung hat sich nun auch offiziell der „Verband der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" aus seiner Ende vorigen Monats in Frankfurt abgehaltenen Hauptversammlung ausgesprochen. Das Nähere darüber finden die Leser an anderer Stelle. Hier mag nur der Genugtuung Ausdruck geliehen sein, daß wir von den Beschlüssen dieses Lehrerverbandstages eine noch intensivere Wirksamkeit für die jüdische Jugendbewegung seitens der Lehrer erwarten dürfen, als dies bereits jetzt vielfach geschehen ist. Die Frankfurter Tagung des Lehrerverbandes hat unter anderem aber noch eine Frage berührt, die, wenn auch nicht direkt, so doch indirekt für die jüdische Jugend, wie für die große jüdische Allgemeinheit von hohem Interesse sein muß. DaL ist die Frage der Begründung jüdischer Volksschulen. In der deutschen Judenheit sind die Ansichten über die Notwendigkeit und Ersprießlichkeit eigener jüdischer Volksschulen durchaus geteilt. Von den Gegnern der jüdischen Volksschule in unseren eigenen Reihen wird das Prinzip der konfessionellen Scheidung schon im Schulwesen und bei unsererJugeud, ein Prinzip, das sie in der Errichtung konfessioneller allgemeiner Volksschulen erblicken, zur Begründung der Gegnerschaft ins Feld geführt. Wir wollen nicht, so etwa argumentieren sie, „durch Absonderung unserer Schuljugend in eigenen jüdischen Volksschulen der Entfremdung zwischen den einzelnen Konfessionen schon in der Schuljugend Vorschub leisten, und wir tvollen nicht damit zugleich jenen Recht geben, die die Absonderung der Juden auch auf allen Gebieten des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens anstrebeu und predigen". Gibt man. so meinen die Gegner der jüdischen Volksschule, den Anfang mit der Begründung besonderer, nur für die jüdische Schuljugend bestimmter Volksschulen zu, so wird man bald mit demselben Recht auch spezielle jüdische Realschulen, Gymnasien und sogar jüdische Universitäten verlangen, kurz, das führe zu Konsequenzen, die direkt in einem Gegensatz zu unseren Bestrebungen ständen, die konfessionellen Scheidewände auf allen außerreligiösen Gebieten zu beseitigen. Von den Freunden des spezifisch jüdischen Vvlksschulwesens wird dagegen darauf hingewiesen, daß diese Argumentation rein theoretischen Wert habe. In der Praxis liegt die Sache so, daß durch das kürzlich geschaffene preußische Volksschulgesetz der konfessionelle Charakter der Volksschule gesetzlich festgelegt sei, selbst dort, wo das Gesetz paritätische oder Simultanschulen, die zurzeit des Erlasses des Gesetzes bereits bestanden, weiter bestehen lasse, stände der paritätische resp. simultane Charakter dieser Anstalten nur auf dem Papier. In Wirklichkeit hätten wir überall einen christlichen Charakter der Volksschulen wahrzunehmen. Dort könne von einer Pflege jüdisch-religiösen Wissens nicht die Rede sein und auch die bestehenden jüdischen Religionsschulen, die sich auf den Religionsunterricht beschränken, böten keinen Ersatz für die Notwendigkeit eines von nicht- oder gar antijüdischen Einflüssen befreiten Unterrichts in den profanen Fächern des Volksschulunterrichts. Das Jüdische könne nur gepflegt werden in besonderen jüdischen Volksschulen, die auch allein in der Lage wären, den Schülern die Jnnehaltung jüdischer Religionspflichten zu ermöglichen, wie das Unterlassen des Schreibens an Sabbaten und die Befreiung vom Profanunterricht an diesem Tage. Der Lehrerverbaud selbst führt noch das weitere Argument ins Feld, daß jüdische Lehrer nicht an den staatlichen Volksschulen angestellt werden, daß es ihnen dadurch an Betätigungsmöglichkeit, wie den nichtjüdischen Vvlksschullehrern fehle, und der Staat, wie auch die meisten Kommunen die Parität der jüdischen Lehrkräfte mit den andersgläubigen wenigstens in der Praxis nicht anerkennen. Die Wichtigkeit der Frage leuchtet wohl ohne weiteres ein. Da auf deni Lehrerverbandstag sich der Vertreter des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" Herr Prof. Türk als Gegner der jüdischen Volksschule bekannte und sich auch durch die Gegenausführungen der Lehrer nicht von seinen, Standpunkte abbringen ließ, so sollte diese Frage demnächst vor dem „Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde" selbst zum Austrag gebracht werden. Hier in dieser großen Organisation der deutsch-israelitischen Genieinden aber sind, wie wir mitteilen können, die Meinungen nicht allzusehr geteilt, soweit der Ausschuß, der die Geschäfte leitet, in Fra«,e kommt. In den Gemeinden aber, die Mitglied dieser Körperschaft sind, werden die Ansichten über diese wichtige Frage wohl auch geteilt sein. In vielen Großgemeinden, wie z, B. Berlin, Breslau, besteht in den Verwaltungen wenig Neigung für besondere jüdische Volksschulen. Kurz, es scheint, als ob diese Frage „glühendes Eisen" ist, das anzufassen man sich in der großen Gemeindeorganisation vermutlich scheuen wird. Ganz abgesehen davon, daß der „Deutsch- Israelitische Gemeindeband" als freiwillige Vereini- 6