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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-02-01 · 2 (1.2.1911) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
2 (1.2.1911)
Date
1911-02-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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des Menschen Hand hat Gott das Glück gelegt. Gott will das Leben, will das Schaffen und das Ringen der Menschen. Die Untätigen aber segnet Gott nicht. Auch Moses trägt in seinem Herzen ein tiefes Mitgefühl mit dem Leid der Menschen, aber er will nicht über diese Welt klagen und nicht über dieses Leben Tränen vergießen. Er will nicht auf ein Wunder warten, das auf den Trümmern dieser Welt ein Gottesreich errichtet. Er will auch nicht, daß das Vertrauen auf Gott die Tatkraft der Menschen lähme und sie zu untätigen Sklaven des Geschickes mache. Wie sein eigenes Herz von der Leidenschaft erfüllt ist, für die Unterdrückten zu kämpfen und ihnen zu helfen, so will er auch die Herzen der anderen mit sittlichem Wollen, mit Kämpfermut und Tatkraft erfüllen, daß sie ihr Los verbessern und die Welt vervollkommnen lernen. Wir verstehen die Worte, die Henry George in seiner Abhandlung über Moses schreibt: „Das Leben des Moses ist wie seine Gesetzgebung ein Protest gegen die gotteslästerliche Lehre, die heute im Umlauf ist ..., gegen die Lehre, daß die Not und die Leiden der Mehrzahl der großen Massen von einer geheimnisvollen Fügung der Vorsehung ausgehen, die wir beklagen mögen, gegen die wir aber nicht ankämpfen und die wir nicht ändern können ,. . für den, der sehen will, brennt der Dornbusch noch heute, und für den, der hören will, ertönt noch heute die Stimme: Das Volk leidet, wer will es erlösen?" Wie der Geist des Moses, so ist der Geist der jüdischen Religion. In allen seinen unsäglichen Leiden hat das Judentum den Weltschmerz von sich fern gehalten und weder an der Welt noch an den Menschen verzagt. In den Leiden wurde seine Leidenschaft zum Helfen geboren, sein sozialer Sinn und seine in den Jahrtausenden tausendfach bewährte Mildtätigkeit. Das Wunder, aus dieser Welt eine bessere und vollkommenere zu schaffen, erwartet die jüdische Religion von den Menschen. Sie hat zu allen Zeiten den Wert des Menschen und seines sittlichen Wollens verherrlicht: in jedem Kinde, das geboren wird, schlummert die Seele eines Messias, denn ein jedes ist berufen, mit seinem Leben ein Welterlöser zu werden. Die jüdische Religion ist ihren Bekennern eine einzige große Mahnung zum Aufbauen und Mitschaffen an der Versittlichung des Familienlebens, an dem Wvhle des Staates, an dem Glücke der Menschheit. Wer von dem Judentum aussagt, daß in ihm ein zersetzender Geist lebe, und daß es ein „dekompositives Element" sei, der malt vom Judentum ein Zerrbild und verkennt den Geist seiner Religion. Es ist sehr bedeutsam, daß die jüdische Bibel mit der Schöpfung anfängt, und daß die jüdische Religion Gott als Schöpfer verherrlicht: wo der Mensch etwas schafft, dort vollbringt er etwas Göttliches. An ihre Beurteiler, vor allem aber an ihre Bekenner richtet die jüdische Religion die Bitte: Lernet mich kennen und verstehen. Wer ihr auf ihre Höhen hinauffolgt, und von ihrem Geiste und ihren Gedanken erfüllt wird, der wird sie lieben. Wir nnb die Anderen. Von Leo I. Leßmann-Hamburg. Was in unserem Verbandsstatut bisher noch keine Aufnahme gefunden hat und innerhalb unserer Bewegung bisher wohl kaum festgelegt sein dürfte, ist eine Richtlinie, eine festgesetzte Norm, wie wir uns als jüdische Jugendvereinsmitglieder zu unserer christlichen Mitjugend zu verhalten haben. Es scheint allerdings, als ob nie der Fall eintreten könnte, daß wir jungen Juden als V er e insmitglieder eine bestimmte Stellung zu unserer andersgläubigen Umgebung einnehmen müßten; unser Name „Jüdischer" Jugendverein scheint dafür zu bürgen, daß wir eine Gemeinschaft für uns sind, die, ohne im allgemeinen Sonderbestrebungen zu huldigen, sich lediglich zur Pflege und Förderung jüdischer Literatur und Wissenschaft, jüdischer Musik und Geschichte und zur Erziehung zu einem aufrechten selbständigen Judentum zusammengeschlossen hat. Daß wir aus diesem Grunde keinerlei konfessionell-paritätischen Prinzipien huldigen können, scheint sich von selbst zu verstehen.— Aber, es scheint nur so! — In der Praxis kann gar leicht der Fall eintreten, und ist, wie bekannt, auch schon der Fall eingetreten, daß junge christliche Altersgenossen sich über das Judentum informieren wollen, um uns, ihre Mitmenschen und vielleicht auch Freunde, besser zu verstehen. Die gesellschaftliche Gleichberechtigung speziell der jüdischen Jugend scheint allerdings nur sehr, sehr langsam fortzuschreiten, und doch ist in manchen Kreisen der deutschen Jugend die Aufklärung so weit vorgedrungen, daß sie die Unhaltbarkeit und Unnatürlichkeit des bestehenden gesellschaftlichen Ver- 4

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