Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1911-02-01 · 2 (1.2.1911) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
2 (1911)
Issue
2 (1.2.1911)
Date
1911-02-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4926451-6352328-6352445--0082-4929360
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ich blättere in dem evangelischen Gesangbnch weiter nnd siehe da, die Worte wie Amen.Eben- Ezer,Hallelujah,Hosianna,Zebaoth, kehren oft wieder. Diese müßten schleunigst entfernt werden, weil sie jüdischen Ursprunges sind. — Ich schlage den Anhang auf und lese das dort vorgeschriebene Gebet vor dem Essen, das mit den Worten beginnt: „Aller Augen warten aus Dich, Herr, und Du gibst ihnen Speise zu seiner Zeit. Du tust Deine milde Hand auf und sättigst alles, was da lebet, mit Wohlgefallen." Diese Sätze sind mir bekannt; sie sind ja die Verse 15 und 16 des 145. Psalmes, des bekannten Aschre-GebeteS, das der Jude dreimal täglich beten soll. — Auch das (siebet n a ch dem Esseu beginnt mit den Psalmworten: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich." Mein Interesse wächst, ich blättere weiter und finde, das Mvrgengebet am Sonntag beginnt mit Psalm 36, Vers 8, das am Dienstag mit Psalm 90,17, das am Mittwoch mit Hiob 10, 12 und das Abendgebet am Mittwoch mit Psalm 106, 1, das Morgengebet am Donnerstag mit Psalm 116, 12, das Abendgebet desselben Tages mit Psalm 145, 9, das Morgeugebct am Sonnabend mit Psalm 36, 8, das Abendgebet mit Psalm 106, 1; das Gebet am Bußtag mit Psalm 61, 3, die Liturgie am Bußtag mit Ezechiel 33, 11. Bei der Feier des Abendmahles singt die Gemeinde: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll," aus Jesaia 6, 8 (die bekannte Keduscha, die in jüdischen Synagogen ebenfalls täglich gesungen wird) und „gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn," ans Psalm 18, 25, dem bekannten Hallelgebet der Juden. Dieses Heilig, heilig, heilig, gehört übrigens auch sonst zur Schlußliturgie, die mit dem dreifachen Segen der Schrift endet „der Herr segne Dich und behüte Dich" usw. aus dem 4. Buch Mose, Kap. 6, Vers 24—23. Allerdings könnten die Herren aus Labiau- Wehlau sich au das Kgl. Konsistorium der Provinzen Ost- und Westpreußeu mit einem Anträge auf Ausmerzung der angeführten „dunklen Punkte" bei einer neuen Auflage des Gesangbuches wenden. Ob aber diese Behörde einem solchen Anträge wird stattgeben können, ist eine andere Frage. Denn nicht blos die zitierten Bibelstellen müßten einer derartigen Zensur zum Opfer fallen, sondern auch die Lehren von der Nächsten-, Fremden- und Feindes liebe, die Lehre von der G o t t e s k i n d s ch a f t, weil auch diese nicht dem Tivoliprogramm, sondern dem jüdischen Schrifttum entnommen sind. — Auch aus der Bergpredigt, wenn sie auf ihre jüdischen Quellen hin geprüft würde, müßten gar viele Stellen, wenn jüdischer Ursprung als „dunkler Punkt" gelten sollte, gestrichen werden. (Vergl. das Werk „lles origines du Sermon de la Montagne par Hippolyte Rodrigues“, Paris 1868 und Jahrbnch für jüdische Geschichte und Literatur 190«», Seite 79 ff.) Und auch das Gebet „Vaterunser". Ist es mcht nach seiner ganzen Anlage, um mit H a r n a ck zu sprechen, „den offiziellen jüdischen Gebeten blutsverwandt?" (Vergl. G. Klein, „Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers" in der Zeitschrift für die neutestam. Wissenschaft, Jahrgang VII, 1906 und Jahrbuch fürjüdische Geschichte und Literatur, 1906, Seite 85.) Wegen jüdischer Blutsverwandtschaft müßten die Herren aus Wehlau ferner auch auf all die Stellen in der jüdischen Bibel verzichten, aus denen gläubige Christen die Messianität ihres Heilands zu beweisen suchen, sowie auch auf die ganze heilige Schrift, das Alte und das Neue Testament, da „die heiligen Menschen Gottes, die sie auf Eingeben des heiligen Geistes geschrieben," die Propheten, die Apostel und Evangelisten bekanntlich Juden waren. Mau könnte einwenden, der Agitator aus Sachsen habe sich ja nicht gegen die von Juden herrührenden Lehren und Bücher gewandt, sondern bloß die jüdische Abstammung einer Persönlichkeit als „dunklen Punkt" bezeichnet. Wenn aber dem so ist, so müßte er und seine Gesinnungsgenossen die unmittelbaren Jünger Jesu, die Apostel, ablehnen und den Stifter des Christentums selbst. Denn auch er war von jüdischen Eltern geboren, und die Krippe, in der das Kindlein Jesus lag, hat nach dem bekannten Weihnachtsliede nicht in dem Stall eines ostelbischen (siutes gestanden, sondern in der Davidstadt Bethlehem in Juda. Würden die Herren Tivoli - Konservativen sich mehr mit ihrer eigenen Religion als mit den judenfeindlichen Lehren eines Mittelalters beschäftigen, so könnten sie z. B. aus Haruacks „Lehrbuch der Dogmen- Geschichte", Band 1, erfahren, welches „Geschenk von eminenter Bedeutung" das jugendliche Christentum seinerzeit vom Judentum erhalten hatte, und wohin es führen könnte, wenn man. wie es im zweiten Jahrhundert versucht wurde, dieses jüdische Geschenk als „dunklen Punkt" ablehuen würde. Allein das mögen sich die Herren in Ostpreußen merken: nicht das vom Judentum übernommene ist ein „dunkler Punkt" und auch nicht die Geist- und Geldkräfte jüdischer Abstammung, die der „christliche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.