Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 2 (1.2.1911)
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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MittrilmM des 7 ' ' der Mschen Illgendvereine Dklltschla«ds. Nummer 2. Berlin, Len 1. Februar 1911. Jahrgang 2. r, - -^ Monatsschrift Preis pro Quartal 60 Pfennig. Einzelverkauf 20 Pfennig. Erscheint am 1. jeden Monats. >- > .. ■ Anzeigen die viergesp. Petitzeile 20 Pf. Reklamen 60 Pf. pro Zeile. Geschäftsstelle: Berlin W„ Kleiststraße 12. W ZlckllilllWll für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verband der jüd. Jugendvereine Deutschlands z. H. d. Herrn Dr. E. Finkel, Berlin W. 62, Kleiststr. 12, zn richten. „Der dunkle Punkt". Von Dr. E. F i n k e l. In dem ostelbischen Wahlkreise Labiau-Wehlau tobte vor kurzem ein Reichstagswahlkampf. Und als die Konservativen ihre Niederlage vorausahnten, ließen sie sich einen Agitator aus Sachsen kommen, der die Wahl des liberalen Kandidaten, des Bürgermeisters Wagner-Tapiau, durch die Entdeckung eines „dunklen Punktes" in der Vergangenheit dieses Kandidaten bekämpfen zu können ■ glaubte. Der (Großvater des Herrn Wagner stammte nämlich mütterlicherseits von Inden ah, und diese jüdische Herkunft wurde als etwas „Ehrenrühriges" bezeichnet. (Vergl. unsere „Mitteilungen" Nr. 3, „Rundschau", Seite 6.) Viele politische und jüdische Blätter haben die Roheit des sächsischen Agitators registriert, ohne aber auf die Sache näher einzugehen. Es sei daher gestattet, diesen „dunklen Punkt" etwas mehr zu beleuchten. Ich möchte zunächst bemerken, daß ich keineswegs die ganze konservative Partei für die Ausführlingen in jener Versammlung verantwortlich mache. Denn es gibt hervorragende Mitglieder in der konservativen Partei, die die Roheit des sächsischen Agitators mißbilligen. Sie müssen sie mißbilligen, weil es in ihrer Partei nicht an Männern gefehlt hat, und noch jetzt nicht fehlt, die ebenfalls solche „dunkle Punkte" aufweisen, wie der Bürgermeister Wagner. Ich erinnere beispielsweise an den verflossenen Landwirt schaftsminister von Arnim-Criewen und an den Begründer der konservativen Partei, den Ueberläufer Friedrich Stahl, alias Schlesinger, der sogar mit „jüdisch-lalmudischer Spitzfindigkeit" die Lehre vom „christlichen Staat" aufgestellt und der Partei als Vermächtnis hinterlassen hat. Wäre ich ein Politiker, so würde ich mir das Vergnügen machen, noch andere Größen im konservativen Lager auf ihr jüdisches Blut zu untersuchen. Allein ich bin kein Politiker und möchte auch nicht, daß unsere Jugend sich allzuviel mit Politik befasse. Denn „ein garstig' Lied: Pfui! ein politisch Lied." Dagegen möchte ich gerade bei der konservativen Partei, die sich als Stütze für Thron und Altar geriert, auf das religiöse Gebiet Hinweisen und bemerken, daß die christliche Religion so viel aus dem Judentum übernommen hat, daß es dort von „dunklen Punkten" geradezu wimmelt. — Um den Tivoli-Konservativen aus der Gegend von Labiau-Wehlau eine Nachprüfung leicht zu machen, will ich hier einige Beispiele aus dem evangelischen Gesangbuch für O st - und West Preußen, Danzig 1904, anführen. — Zunächst finde ich im Verzeichnis der Liederdichter den Namen Karl Johann Philipp S p i t t a, der ebenfalls in seiner Vergangenheit wie Bürgermeister Wagner einen „dunklen Punkt" besitzt. Denn die Mutter des Sängers von „Psalter und Harfe" war eine Jüdin, namens Rebecca L o e s e r, die dann bei dem im Jahre 1730 zu Hannover erfolgten Uebertritt zur lutherischen Kirche die Namen Henriette Charlotte Fromme annahm. (Vergl. die Biographie Spitta'S von Karl Ernst Knvdt in „Psalter und Harfe", Leipzig, Max Hesses Verlag.) Von diesem Dichter jüdischer Abkunft sind in das genannte evangelische Gesangbuch 8 Lieder ausgenommen. Diese müßten aus dem Gesangbuch heraus, weil ihr Verfasser nach dem Jargon des sächsischen Agitators mit einem „dunklen Punkt" behaftet war. — i u. Unlv.-aibln ■mkfurt'M*ln 1 Stadt Frankfurt D+0C