Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 2 (1911)
- Issue
- 1 (1.1.1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nus unseren Vereinen. Wiesbaden. (Bericht über die Tätigkeit des jüdischen Jugendvereins im Jahre 1909/10.) Dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, schlossen sich anfangs 1909, nach dem Vorbilde in anderen Städten, in Wiesbaden eine Anzahl ideal gesinnter Herren zusammen, um der Gründung eines jüdischen Jugendvereins näherzutreten. Die Idee fand Anklang und siel auf fruchtbaren Boden, sodaß nach einem in zahlreichen Exemplaren erlassenen Aufruf sich eine große Gründerversammlung in der „Wartburg" am 2. Mai zusamnrensand. Herr Referendar Regensburger aus Braunschweig hatte das Referat übernommen und nach seinen zündenden Ausführungen konnte der Jugendverein mit ca 80 Mitgliedern ins Leben treten. Er verzichtete anfangs auf ei» lautes Auftreten, warb vielmehr im Stillen neue Mitglieder und traf Vorbereitungen für die Wintersaison. Zu Beginn des Winters zählte er bereits gegen 100 Mitglieder, für Wiesbaden, wo soviele der Ablenkungen vorhanden sind, und wo auch andere, sogar nichtjüdische Vereine infolgedessen nicht gut prosperieren, gewiß eine ansehnliche Zahl. Wie ernst der Vorstand seine Aufgabe aufsaßte, zeigte er dadurch, daß er gleich daran ging, einen Kursus in jüdischer Geschichte einzurichten, den Bezirkrrabbiner Dr. Adols Kober leitete. In zehn Vorlesungen behandelte Dr. Kober die Geschichtsepoche von Mendelssohn bis auf die Gegenwart, es meisterhaft verstehend, den manchmal trockenen Stoff interessant zu gestalten. In seinem Schlußvortrag ermahnte er seine verhältnismäßig zahlreiche Zuhörerschaft, sich intensiver mit der jüdischen Geschichte zu befassen, um dadurch z,l einer richtigen Würdigung des Judentums zu gelangen. Am Chanukka veranstaltete der Verern seine erste größere Festlichkeit unter Mitwirkung Wiesbadener und auswärtiger Künstler. Das Fest erfreute sich eines über alle Erwartungen starken Besuches; alle Schichten der Wiesbadener Judenheit konnte man da sehen. Welcher Teilnahme der Jngendverein bei der hiesigen Judenheit sicher ist, zeigte sich auch darin, daß noch am selben Abend gegen 100 neue Mitglieder dem Vereine beitraton — J,n Januar hielt der Verein drei offfzielle Vereinsabende ab. Am ersten dieser Abende sprach Dr. Löffler- Frankfurt über „Björnson, ein Vorkämpfer idealer Weltanschauung". In anscvaulicher Weise führte uns der Redner den Dichter und sein Werk vor, zeigte uns, wie überall der Jugend- und Volkserzieher zu uns spricht. Er erwähnte auch anfangs Björnsons Beziehungen zum Judentum und am Schluffe erläuterte er Björnsons Stellung zum Sexualproblem und dessen Lösung, die auch vom jüdischen Standpunkte gefordert wird. Mit großem Interesse solgte die überaus zahlreich erschienene Zuhörerschaft den gediegenen Ausführungen. Im zweiten Vortrag sprach Herr Goslar über die „Frauenarbeit im Handel", woran sich eine lebhafte Diskussion anschloß. Wissenschaftliche Vorträge hielten ferner: Rabbiner Dr. ll n n a - Mannheim : „Indische Hochzeiten im Mittelalter". Frau Elise G u t m a n n - Mannheim, „Die jüdische Frau". Dr. H e i n e m min« Frankfurt a. Mai», „Nathan der Weise". Ferner halten wir einen Heineabend, an welchem Herr Dr. jur. Landsberg, unser jetziger Vorsitzender, das Referat übernommen halte. Fcl. Guggenheim, sowie die Herren Lehrer Cappell und Pohle erfreuten die Teilnehmer durch Rezitationen und Lieder aus Heines Werken. Einer Anregung des Verbandes folgend, veranstalteten wir einen Sederabend, der sich eines zahlreichen Zufpruches erfreute. Mit unserem am 7. Mai 1910 staltgesundenen Frühlingsfest schloß das Vereinsjahr in würdiger Weise ab. Im Sommer unternahmen wir 3 Ausflüge in unsere schöne waldreiche Umgebung. Wir hatten ferner Gelegenheit, ein von einem jüdischen Künstler hergestelltes Modell des Tempels zu Jerusalem besichtigen zn können. Herr Lehrer C. Jakob Rosenberg aus Bierstadt, unser 2. Vorsitzender, erläuterte die Einrichtungen dieses weitläufigen Gebäudekomplexes in sachkundiger Weise. Unsere letzte Generalversammlung ivählte folgenden neuen Vorstand: Dr. jur. Landsberg, I. Vorsitzender; Lehrer E. Jakob Rosenberg, II. Vorsitzender; Alfred Goslar, Protokollführer; Ferd. Baum, I. Schriftführer; Nanni Malinowski, II. Schriftführerin; Paula Wolff, Kassterin; ferner als Beisitzer: Adolf Blumenthal, Lehrer E. Capell, Liffmann, Dr. jur Rosenthal, Bertram Stern, Joseph Sulzberger und Martha Süß. Für den Winter Planen wir wiederum einen Geschichtszyklus, Vorträge, Freitagabende und besondere Veranstaltungen sowie Kurse. Alfred Goslar. Breslau. Nachdem bereits vor mehr als einem Jahr auf Anregung der Lessingloge ein vorbereitendes Komitee zur Gründung eines Jüdifchen Jugendvereins sich gebildet hatte, fand endlich am 29. November 1910 in dem großen Saal der Lesstngloge die öffentliche Gründungsversammlung statt. Herr Waisenhausdirektor Fabian, der die Versammlung leitete, konnte mehr als 300 Personen jeden Standes, Alters und Geschlechts begrüßen. Der erste Redner des Abends, Herr Rechtsanwalt Samuel Nothman», wies nach, daß keinerlei stichhaltige Gründe, sei es gegen die Gründung eines neuen jüdischen Vereins überhaupt, sei es gegen die Gründung eines Vereins gerade für die Jugend vorgebracht werden könnten. Weder sei der beabsichtigte Zusammenschluß überflüssig, denn die bestehenden Vereine nnd Organisationen hätten wesentlich andere Aufgaben, noch sei er schädlich, indem er angeblich die Absonderung der Juden befördere. Denn nicht wir Juden sondern uns ab, wir werden abgesondert, und gerade in dem engeren jüdischen Kreise solle der junge Jude alle die sittlichen, religiösen und kulturellen Elemente in sich aufnehmen, die ihm besonders reich und leicht durch das Judentum vermittelt würden und ihn, zur vollen Persönlichkeit herangereift, befähigen, auch für die Allgemeinheit segensreich zu wirken. Der Jngendverein, der alle religiösen und politischen Richtungen im Judentum verbinden wolle, sei aber auch nicht utopistisch, denn nur dem Optimismus und Idealismus der Jugend könne die Ausgleichung der Gegensätze gelingen. Ter zweite Redner, Herr Rabbinatsvertreter Dr. Sali Levi, bezeichnet« unsere Zeit als die der Differenzierung. Gegenüber diesen vereinzelnden Tendenzen müsse aber auch für Zusammenfassung gesorgt werden, damit nicht das allgemeine Gut der Bildung, der Urteilsfähigkeit für alle Erscheinungen des Lebens verloren gehe. Bildung wolle der jüdische Jugendverein vermitteln, Bildung des Gemütes, des Geistes und des Körpers, Verständnis für das Judentum und damit unerschütterliche Anhänglichkeit an unsere Gemeinschaft. In der lebhaften Diskussion 'sprachen sich Vertreter aller Richtungen für die vorgetragenen Ideen ans, nur ein Vertreter des gesetzestreuen Judentums witterte Gefahren, wurde aber von seinen nächsten Gesinnungsfreunden widerlegt. Bei dieser begeisterten Stimmnng nahm es denn auch nicht Wunder, daß über 180 Herren sich als ordentliche und gegen 40 Herren als außerordentliche Mitglieder meldeten, von denen drei die immerwährende Mitgliedschaft erwarben. Der von den Einberufern vorgelegte, sich an das Nonnnlstatut in den Grundzügen anschließende Einwurs einer provisorischen Satzung wuro'e angenommen und der Provisorische Vorstand nach der vorgelegten Liste gewählt: als erster Vorsitzender Rechtsanwalt Samuel Nvthmann, Sadowastr. 38, als Schriftführer Dr. Willy Cohn, Eichendorffstr. 57, an den alle Mitteilungen zu richten sind. Als erste Veranstaltung wird der junge Verein am 28. Dezember eine Chanukkaseier bringen. Stettin. Nach mehcmonatlicher Pause begann der jüd. Jugendbund hier wieder seine Tätigkeit. Zwei auswärtige Redner kamen bereits in gut besuchten Versammlungen zu Wort. Am 27. Oktober der Parteisekretär der Zionist. Vereinigung für Deutschland, Herr Kurt Blumenfeldt, der über preußische Judenorganisation, und am 17. Nov. Herr Dr. Friedmann, der über Cheder und Jeschibah (mit Lichlbildernj sprach. Ferner sprachen Herr Brerer über ein vor 100 Jahren erschienenes Buch: „Die bürgerliche Verbesserung der Juden" und Herr Dr. Landsberg am 24. Rov. über das jüngst erschienene Buch: Die Juden in Deutschland. Besonders 14