Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 3 (1.12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Winterarbeit. Von Heinrich M,a r g u l i e s - Kattowitz. Ter jüngsthin in diesen Blättern veröffentlichte Bericht über eine in^Zabrze staltgefundene Bezirkstagung oberschlestscher Jugendvereine gibt mir erwünschte Gelegenheit, über Dinge zu sprechen, die ich für das Gedeihen der Bewegung, und insbesondere für das gedeihliche Zusammenwirken aller Kräfte und aller Richtungen innerhalb der Organisation für überaus wichtig erachte. Obenan steht die Frage: Winterarbeit. Auf der erwähnten Bezirkstagung äußerten sich sämtliche Anwesende einhellig dahingehend, daß, wie der Bericht sagt, „der Nutzen einzelner Vorträge aus allen mögttchen Gebieten zu wenig dauernd sei." Wirklich? Wäre es in der Tat so? Aber damit wäre ja das ganze bisherige Eystem der Jugendbundarbeit gerichtet! Sollte dieses System, dem wir doch fast 7000 Mitglieder verdanken, nicht mehr bewirken können, als daß eine Anzahl zusammengewürfelter, einander größtenteils noch fremder junger Juden irgend welche Vorträge hört, ohne — einen dauernden Nutzen davon zu haben? Können wir an der widerstandsfähigen Fundierung eines Werkes zweifeln, das so unverhältnismäßig rasche, so unverhältnismäßig große Erfolge gezeitigt hat, dürfen wir an dem inneren Wert dieser Erfolge selbst ein wenig skeptisch werden? Unmöglich! Aber die Vertreter sämtlicher oberschlesischen Jugendvereine, die Vertreter von sieben starken, lokal überaus differenzierten Gruppen behaupten das und stützen ihre Behauptung auf ihre Erfahrung. Sollten sie irren? Es ist nicht anzunehmen; umso weniger, als sie den gesunden Menschenverstand und die klare Logik zu ihren Verteidigern haben. „Vorträge aus allen möglichen Gebieten —" wurde gesagt. Ja, können denn solche Vorträge aus allen möglichen Gebieten etwas mehr bewirken, als in Zabrze betrüblicherweise konstatiert wurde? Kann denn von einem dauernden Nutzen die Rede sein, wenn junge Juden, die bisher doch größtenteils all den Dingen, die sie nun zu hören bekommen, ferngestanden haben, wenn diese Juden in zwanglosem Durcheinander Vorträge hören über den „Emanzipationskampf von Mendelsohn an" und über „Sexuelle Fragen"; über Gabriel Rießer und über unser Wahlrecht; über den „Frankfurter Judentag" und über Lebensversicherung! (Ich halte mich an ein „vorbildliches" Vereinsprogramm.) Wie können denn all die Neuen, die Jungen, die Indifferenten, die uns fremd Gebliebenen, wie können die denn aus diesem ungeheuren Vorlragsmaterial auch nur irgend eine Kleinigkeit herausgreifen, die von bleibendem Werte wäre? Das ist es, was uns fehlt: Konzentration! Eine gesunde Einseitigkeit! — Einseitigkeit? Ich höre bereits den Entrüstungssturm: Das wollen wir ja just vermeiden! Darin wollen wir uns ja gerade von den „Anderen" unterscheiden, daß wir möglichst vielseitig sind! Aber alle Entrüstung, aller löblicher Eifer kann uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir auf einem falschen Wege gehen. Alle Hochachtung vor den belehrenden Referaten nnd Referenten über sexuelle Fragen, Krankenkassen und Naturforschertage. (Ich halte mich an ein „vorbildliches" Vereinsprogramm.) Ich bin der) Letzte, der die Wichtigkeit dieser Themata unterschätzt — aber fort mit ihnen, sobald sie „von keinem bleibenden Werte" sind und uns dadurch mehr schaden als nützen. (Nebenbei bemerkt: Würde ein solches Arbeitssystem die Schaffung einer „jüdischen" Jugendorganisanon rcchlfertigen? Das sind doch wahrlich keine Erziehungsaufgaben, „die nur innerhalb des jüdischen Kreises zu lösen sind".) Kinder greifen neugierig nach allem und Tertianer lesen alles, was ihnen in die Hände fällt; bewahren wir unser Werk vor dieser Kinderkrankheit, seien wir lieber zu strenge als zu milde, seien wir lieber, für den Anfang, zu einseitig als zu vielseitig. Fürs elftere gibt es noch ein Wort, einen Ehrennamen: Beschränkung. Nur in ihr zeigt sich der Meister. Fürs letztere aber gibt cs auch ein Schimpfwort und das heißt: Zersplitterung! Ich will positiver formulieren, was wir wollen; will präziser fassen, was, wie sich in Zabrze zeigte, die gesamten oberschlesischen Jugendvereine auf Grund ihrer Erfahrung für notwendig erachten. Fort mit diesem mißverstandenen System der „allgemeinen Bildung"! Fort mit dem System der Einzelvorträge aus allen möglichen Gebieten, da diese ja doch nicht von dauerndem Nutzen sind! Aber was ist denn überhaupt von „dauerndem" Nutzen? Die Weisheiten, Geschichtszahlen, Vokabeln usw., die den Schülern eingedrillt werden? Zahlen, Fakta, Namen — kurz, all das, was blinder Belehrungseifer dem willenlosen Werkzeug aufzwingt? Weit entfernt. Wir sehen in der Vereinstätigkeit weil weniger die Möglichkeit, zu „belehren" als zu „interessieren". Einen jungen indifferenten Juden zu „interessieren", ist uns mehr wert, als der zehnfachen Anzahl beizubringen, wie man sich gegen einen antisemitischen Angriff wehrt (obwohl auch das nicht zu unterschätzen ist). Das sei unser Programm, nicht nur dem Wortlaut nach wie bisher; das wollen wir erreichen. Wurde es bisher erreicht? Konnte es nach dem bisherigen Eystem erreicht werden? Theoretiker werden sagen: „Ja", die Praktiker, die Erfahrenen, und vor allem diejenigen, denen weniger an der äußeren Organisation als an der inneren Durchbildung der einzelnen Mitglieder liegt, werden es schroff verneinen müssen, so wie es, aufrichtig und vom besten Willen beseelt, die Delegierten in Zabrze verneint haben. Aber die Zabrzer Konferenz hat nicht nur die Diagnose gestellt, nicht nur das Kranke konstatiert; sie har auch den Weg gezeigt, der zur Gesundung führt. Dr. Kopfstein-Beulhen wies darauf hin, „daß ein reges Interesse nur (dann) bei der Diskussion sein könne, wenn auch Tagesfragen besprochen werden könnten." Diese These — sie wurde ohne Widerspruch aufgenommen, denn sie entsprach den Erfahrungen aller oberschlesischen Vereine — zeigt uns den Weg. Tagessragen — die wollen wir in den Vordergrund stellen; Fragen, die speziell uns als Juden interessieren. Erfahrungsgemäß und naturgemäß konzentriert sich das Interesse der jungen Juden in erster Linie auf — die Tagessragen, auf unsere, auf die jüdischen Fragen, auf all das, was eben jeden einzelnen Juden heute am nächsten angeht. Und hier liegen die „Erziehungsausgaben, die nur innerhalb des jüdischen Kreises zu lösen sind". (S. „Zur Einführung" Nr. 1.) Darum ist auch die einzige Möglichkeit, junge Juden heranzubilden, deren Interesse sich nicht nur auf den meist sehnlichst erwarteten „geselligen Teil" beschränkt: Tages- 10