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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1910-12-01 · 3 (1.12.1910) · p. Seite 11

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
1 (1910)
Issue
3 (1.12.1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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fragen voran! Darum ist ferner die eniztgejMöglichkeit, jenes „Verständnis", jene „Begeisterung" für das „allen Juden gemeinsame große Arbeitsfeld" zu wecken, von der die Einführung spricht: Aktuelle Fragen, Gegenwartsfragen in die Front! Begeisterung erwecken? Wofür, wenn nicht für unser Judentum? Für unser Judentum, das Judentum der Gegenwart? — Verständnis? Wofür, wenn nicht für die gegenwärtigen Verhältnisse, die Lage der Juden, die Jndenfrage? Sollten sich die erwähnten „Erziehungsaufgaben" nicht in erster Linie hierauf beziehen? Soll man jene 7000 an den brennendsten, wichtigsten, den Gegenwartsfragen vorbeierziehen? Soll man ihnen Vorlesungen halten darüber, wie man Häuser baut und ihnen gleichzeitig zu verbergen suchen, daß ihrem eigenen der Boden weicht? Zweierlei hat man durch dieses System erreicht: Ein Erschlaffen des lokal vorhandenen Interesses — das ist das positive, und „Verständnislosigkeit" und „Begeisternngslosigkeit" für den Gedanken der Jugendbewegung — das ist das negative Ergebnis. Und nun zur Frage der Taktik. Aus taktischen Gründen hat mau übereifrig bisher solche Themata ferngehalten oder doch fernzuhalten versucht. Bald, wie es hieß, um die Neutralität der Organisation zu wahren, bald um heftige Streitereien zu vermeiden. Gründe, die sich an Schwäche und Untogik überbieten. Neutral sein: heißt das, strittige Punkte umgehen? Neutral sein: heißt das notwendig, Vogel-Strauß-Politik treiben? Ich lobe mir eine andere Neutralität; eine Neutralität, die es ermöglicht, daß gegnerische Ansichten mit Ruhe und Sachlichkeit vorgetragen, reiflich erwogen und diskutiert werden, damit jeder Einzelne Stellung nehme, wie er es für notwendig erachte. Und Streitereien vermeiden? Gegensätze ausgleichen? Kann man das dadurch, daß man alle Reibungsflächen ignoriert? Kann man eö durch eine gewaltsame Selbsttäuschung? Scheint es mir doch wahrhaftig plausibler, daß auf dem Wege der ruhigen Aussprache, der interessierten Diskussion weit, weit mehr Erkleckliches geleistet werden könnte, als bisher geleistet wurde. Und wenn es selbst zu temperamentvollen Streitereien kommt — Streit zeugt von Leben, von Interesse, und was das Große an unserer Bewegung ist, von gemeinsame m Interesse trotz aller Anfeindungen. Das Gemeinsame! Es soll ja „naä, Außen und nach Innen niehr betont werden als das Trennende". Dann aber lehrt auch die „Tausende", worin das Gemeinsame besteht, zeigt ihnen, was Gläubige und Nichtgläubige eint, lehrt sie, was es heißt Jude zu sein, lehrt sie das „Judentum" kennen, jenes Judentum, das alle Juden uurfaßt, ganz gleich welcher Richtung, das „Alljudentum", wie es Rabbiner Dr. I. I. Nienrirower-Jaffy mit einem glücklichen Worte nennt. Dann werden sie auch einzusehen vermögen, daß auch den schärfsten Gegnern das „Gemeinsame" über das „Trennende" geht, dann werden sie verstehen, Streitereien aufzufassen, wie sie gemeint sind: als Meinungsverschiedenheiten auf einer gemeinsamen Grundlage, nicht aber, wie das bisher geschah, als Kundgebung unversöhnlicher Gegensätze. Erst wenn wir diesen Weg gehen, werden auch jene Klagen verstummen, daß in einzelnen Gruppen kein Frieden herzustellen sei. Erst dann wird auch der Uebelstand wegfallen, daß einzelne willige Arbeiter, die die Fruchtlosigkeit des bisherigen Systems erkennen und die sich zutrauen, auf oben angedeutetem Wege im engeren Kreise inehr wirken zu können, sich absplittern und einen erheblichen Teil ihrer Kräfte, um das so übel mißverstandene Neutralitätsprinzip in den Einzeloereinen des lieben Friedens halber nicht anzutasten, auf kleinere „Diskutierklubs" übertragen —. Darum nochmals: Unser Winterprogramm sei Erwecken des Interesses für unsere Be - m e'g u n g und das kann einzig und allein geschehen durch eine gesunde Einseitigkeit in der Wahl unserer Vortragsthemen, durch ein schärferes in-den-Mittelpnukt- Stellen jüdischer Gegenwartsfragen. Erwecken von B e g e i st e r u n g für unser Werk, für den große» Gedanken des lebendigen, gegenwärtigen Judentums — und das kann einzig und allein geschehen durch ein intensiveres Studiuni des Judentums, sei es des religiösen, sei es des nationalkulturellen. * * * Anmerkung des Red.-Komitees, llnseres Erachtens kämpft der Aufsatz des Herrn Margulies gegen Windmühlenflügel. Fast sämtliche Verbandsoereine haben das System der schablonenmäßigen Vorträge als verfehlt abgelehnt. Der große Erfolg unserer Bewegung beruht im wesenttichen Maße darauf, daß die Vereine ohne Scheu die eingehende Diskussion von Tagesfragen als wesentlichen Programmpunkt ausgenommen haben, und zwar vornehmlich aus dem Grunde, weil jede jüdische Jugendbewegung Fiasko erleiden muß, die nur eine fortgesetzte Schule sein will und verhindert, daß ihre geistig bewegliche Mitgliedschaft über alles das, was die umgebende Mitwelt erregt, orientiert wird. Es zeugt von einer fast naiven Unkenntnis unserer Bestrebungen, wenn Herr Margulies die Behauptung aufstellt, „daß man bisher aus taktischen Gründen übereifrig solche Themata ferngehalten habe und die Mitglieder an den Gegenwartsfragen vorbeierziehen wolle". Immer und immer wieder wurde von uns betont, daß unsere Neutralität uns nicht versagt, in unpropagandistischer Weise sämtliche Gegenwartsfragen in den offiziellen Vereinsversammlungen zur Diskussion zu stellen. Bei dieser Gelegenheit sei auch schärfster Protest erhoben gegen die Behauptung desselben Verfassers in Nc. 44 der „Jüdischen Rundschau", daß unser Verband „erniedrigt wurde zum Schauplatz endloser Parieikämpfe". Diese Ansicht desHerrn Margulies, für die er sich allenfalls auf 2 (>> erledigte Einzelfälle berufen könnte, ermangelt in jeder Beziehung des Beweises. Beide Arbeiten des Herrn M. können trotz der jugendlichen Begeisterung, die aus ihnen spricht, als beachtenswerte Meinungsäußerungen zur Jugendfrage nicht angesehen werden, weil sie ihre Grundlage nicht in der Wirklichkeit haben. 11

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