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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1910-12-01 · 3 (1.12.1910) · p. Seite 7

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
1 (1910)
Issue
3 (1.12.1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Arbeit und Arbeiter im Judentume. : Von^RabbinersfTr.sjTjälnfzsesr -sGöPPingen. Jedes Zeitalter und jede Generation, jedes Volk und jede Lehre, jede wie immer geartete Erscheinung im Leben der Menschheit erhält in der Geschichte nur den Rang und nur die Wertschätzung zugewiesen, auf die sie sich durch ihre Kulturhöhe ein Anrecht erworben hat. Die Geschichte als unparteiische Richtcrin lobt oder brandmarkt stets nur nach dem Anteile an der allgemeinen Kulturentwicklung, nach der Mitwirkung am allgemeinen kulturellen Fortschritte. Kullurfortschritt ist Daseinszweck der Menschheit, und an diesem mitzuwirken, Pflicht und Recht jeder Erscheinung im Leben der Menschheit. Als zutreffender Maßstab für die Feststellung einer Kulturhöhe kann zweifellos die Wertschätzung der Arbeit angesehen werden. Je nachdem das Wesen der Arbeit erfaßt und eingeschätzt wird, je nachdem ist auch eine Kulturhöhe beschaffen. Je höher die Wertschätzung der Arbeit, rimso bedeutender der Anteil am Kulturfortschritie. Eigentlich kannten ja die Menschen den Wert der Arbeit immer und mußten ihn kennen, auch auf niedrigster Kulturstufe. Denn die Befriedigung schon der primitivsten Lebensbedürfnisse verwies sie ja von jeher an die Arbeit und mar nur mit deren Hilfe zu erlangen. Aber, während die niedrige Kulturstufe nur ein erzwungenes Arbeiteu-müssen kennt, charakterisiert sich die höhere durch ein dem eigenem Willen entspringendes Arbeiten-wollen, durch ein Arbeitenwollen, von dem der Mensch weiß, von dem er fühlt, daß es ihn sittlich emporentwickelt, daß es sein Dasein auf Erden zu einem Leben gestaltet, zu einem Leben voll Reiz und Inhalt, zu einem Leben, an dessen Höherführung seine eigenen Kräfte Mitwirken, Nicht im Genüsse, sondern in der Arbeit lebt der Mensch sich wahrhaft aus, ja die Arbeit selbst ist der edelste Lebensgenuß, diese erst gibt ihm das Bewußtsein des persönlichen Wertes, diese erst prägt ihn zu einer Individualität. Arbeit nicht mehr allein Mittel, sondern Selbstzweck, Arbeit als sittliches Motiv, Arbeit als Lebensinhalt, das erst macht sie geeignet, einen sicheren Maßstab für Kulturhöhe und Kulturforlschritt zu bilden. Legen wir aber nun diesen Maßstab an das Judentum! Welche Wertschätzung hat des Judentumes Lehre, hat seine Gesetzgebung der Arbeit zuerkannt? Diese Lehre und diese Gesetzgebung liegen uns in einer seit anderthalb Jahrtausenden im wesentlichen abgeschlossenen Literatur vollständig vor und ermöglichen uns ein klares und streng objektives Urteil sowohl über die Wertschätzung, welche die Arbeit im Judentume gesunden hat, wie auch über die Stellung, die deshalb dem Judentume in der Kulturgeschichte der Menschheit einzuräumen ist Wie also schätzte das Judentum die Arbeit ein? Lehrt auch das Judentuiil die Arbeit als Selbstzweck im Leben erkenne»? Auch das Judentum? Nur das Judentum lehrt dies und nur ui diesem finden wir die Forderung „Liebe die ArbeitI", ein Ausspruch, dessen ethische Höhe nicht mehr überbvten werden kann. Denn die Arbeit .ieben bedeutet ja, sie als Selbstzweck erfassen, sich ihr um ihrer selbst willen widmen, ohne Nebenabsicht, einzig aus sittlichem Motive, einzig aus Liebe zu ihr. Und nur des Judentumes Schöpfungsdarstellung gibt deshalb die Arbeit als eigentlichen Schöpfungszweck für den Menschen an. Und nur das Judentum har deshalb für die beiden heiligen Begriffe: Gottesdienst und Arbeit, die gleiche Bezeichnung: Abodah. Nicht etwa deshalb, daß man damals schon, wie ja so häufig heute, den Gottesdienst als eine schwere Arbeit betrachtet hätte, der man gerne aus dem Wege ging, sondern nmgekehrt, weil man die Arbeit als Gottesdienst schätzte, als Dienst und Anbetung Gottes durch heilsame Berwendung der von Gott verliehenen Kräfte. Welche Art von Arbeit aber so " hoch^gef<t>atzt wurde? Jede Art von Arbeit ohne Ausnahme, so sie nur ehrlich war und mit gutem Willen vollbracht wurde. Und das selbstverständlich da, wo die Arbeit als Selbstzweck aufgefaßt wurde. Hier konnte die Wertschätzung der Arbeit nicht nach dem Umfange des erreichten Erfolges abgestuft werden, hier galt als der wesentlichste Erfolg der Arbeit die seelische Befriedigung, die sie dem Arbeitenden gemährte. Diese aber konnte bei jeder Art von Arbeit erreicht werden. Schon in der Thora lesen wir, daß jede Arbeit und jedes Handwerk als Offenbarung göttlichen Geistes zu betrachten sei. Und dementsprechend rtihntt der Psalmendichter: „So du von deiner Hände Arbeit dich ernährest, dann ist's dir wohl", ohne Unterschied, worin diese Arbeit besteht. Ja, ausdrücklich heißt es im Talmud, daß keinerlei Handwerk ein verlorenes und für die Welt nutzloses wäre, weil jedes ein Glied in der großen Kette bildet, aus der sich die menschliche Kultur zusammensetzt. Und an anderen Stellen werden die Armen ermahm: „Und wenn du deinen Lebensunterhalt nur so erwerben kannst, daß du den an der Straße verendeten Tieren die Haut abziehst, dann tue dies und meine niemals, du seiest zu vornehm hierzu." Diese Gleichstellung jeder Art muß damals auch im Volksgefühle und insbesondere im Gefühle der Arbeitenden selbst vorhanden gewesen sein, denn in jener glücklich-m Zeit scheint ivirklich noch jeder niit seinem Berufe zufrieden gewesen zu sein. Lesen wir doch im Talmud, daß es eine weise Einrichtung Gottes sei, daß jedem Handwerker seine Arbeit gefalle. Ich wünschte, diese Gvtleseinrichtung bestünde heute noch, denn heute ist so ziemlich jeder zweite Mensch mit seinem Berufe nicht zufrieden. Ja selbst zwischen der im Judentume so hochgeschätzten geistigen Arbeit, dem Studium der Gotteslehre, und zwischen dem Handwerk jeder Art sehen mir jeden llnterschied in der sittlichen Wertschätzung aufgehoben und das Sprichwort der Gelehrten von Jabneh bildet hierfür ein Rnhmeszeugnis edelster Art. Bon diesen nämlich, die ja damals nach der endgültigen Auflösung des jüdischen Staates die Erhaltung des Judenlunies mir Recht von der Ausgestaltung seiner religiösen Lehre abhängig erkannten, also des Judentumes Zukunft durch geistige Arbeit sicherstellen wollten, von diesen wird uns im Talmud erzählt, daß unter ihnen folgender schöne Spruch sehr geläufig war: „Ich (der Gesetzeslehrer) bin ein Goltesgeschöpf, und mein Nächster (der Arbeiter) ist es gleichfalls. Meine Arbeit geschieht u, der Stadt, seine auf dem Felde, ich eile am frühen Morgen schon zu meiner Arbeit, er zu der 7

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