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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1910-12-01 · 3 (1.12.1910) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
1 (1910)
Issue
3 (1.12.1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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unserer besten, hervorragendsten Glaubensgenossen und unserer größten und einflußreichsten Organisationen so intensiv gewidmet sind. Jetzt will diesen Kampf der „Verband der deutschen Inden" auch in der großen breiten Oeffentlichkeit führen. Dieser „Verein der Vereine", der die noch fehlende staatliche GesanitorganisationderJuden ersetzen und dieRepräsenlativnskörperschaft der gesamten deutschen Judenheit sein will, hat sich mit dem in diesem Kampfe gleich bewährten „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zusammengetan und veranstaltet in allen Großgenieinden Versammlungen, die sich mit deni Thema: „Die Juden im Heere" beschäftigen. In Berlin und Breslau haben solche Versammlungen bereits stattgefunden, deren BesncherzahlnachTausenden zählte, und die als jüdische Monstreversammlungen, wie sie wohl noch niemals oder doch äußerst selten zu verzeichnen ivaren, energische Protestresolutionen gegen die Zurücksetzung der Inden im Heere faßten, die zur Kenntnis des preußischen Kriegsministers, des Reichstags und der einzelnen Abgeordneten gelangen werden. Gegenüber den beschämenden Zurücksetzungen, die durch die Tatsache illustriert werden, daß in Preußen seit 25 Jahren kein ungetanster Jude Offizier, nicht einmal Reserveoffizier werden konnte, muß für uns Parole sein und bleiben, was Prof. Philippson auf der Berliner Protest- Versammlung ausgesprochen hat: „Wir werden nicht Nachlassen in diesem berechtigten Kampfe, wir werden nicht ermüden, ehe nicht dieses beschämende Ueberbleibsel mittelalterlicher Barbarei aus unserem Vaterlande und aus unserem Heere entfernt worden ist!" — Dabei müssen wir uns bewußt bleiben, daß die Gegnerschaft gegen unsere Rechtsforderungen, wie die allgemein politischen Verhältnisse nun einmal liegen, eine recht starke ist. Von einer Aenderung der Stellung der Konservativen in der sog. „Judenfragc", wie sie die „Kreuzzeitung" seinerzeit anregte, kann nicht mehrgut die Rede sein. An eine Ausmerzung des antisemitischen Passus aus dem konservativen Parteiprogramm denkt man nicht mehr. Im Gegenteil wurde erst dieser Tage wieder auf einer Versammlung in Tecklenburg der Wille zu einer Verstärkung der antisemitischen Tendenzen des Konservatismus das Wort geredet und eine entsprechende Resolution gefaßt. Und auch in dem zurzeit in dem ostelbischen Wahlkreis Labiau-Wehlau tobenden Reichstagswahlkampf ist die konservative Agitation von antisemitischen Momenten reich durchsetzt. Man durchschnüffelte die Vergangenheit des liberalen Kandidaten, des Bürgermeisters Wagner-Tapiau, und entdeckte, daß dessen Großvater mütterlicherseits Jude gewesen ist. Und auf Grund dieser Entdeckung verflieg sich ein aus Sachsen berufener Agitator dazu, von einem „dunkeln Punkt" im Leben des liberalen Kandidaten zu sprechen. Die jüdische Abstammung, auf die wir alle stolz sind, darf also jeder beliebige konservative Agitator, ganz nach dem Muster des schlimnlsten Radanantisemitismus, als einen „dunkeln Punkt", also als etwas Ehrenrühriges bezeichnen. Und das noch dazu in einer konservativen Versammlung, in der ein Abkömmlung desselben jüdischen Ahnen den Vorsitz führte. Der Strafprozeß gegen den antisemitischen Reichstagsabgeordneten Bruhn, den Herausgeber des Skandal- Wochenblättchens „Die Wahrheit" hat mit der Freisprechung dieses wackeren Volksvertreters geendet. Die Anklage, die auf Erpressung und versuchte Erpressung lautete, führte zu keiner Verurteilung, iveil dem Angeschuldigten keine strafbare Handlung nachgewiesen werden konnte. Aus den Verhandlungen, die im letzten Monate ihren für Herrn Bruhn so glücklichen Abschluß fanden, gewann man aber trotzdem kein sehr schönes Bild von diesem Muster des klrteutvnismus. Die berufenen Vertretungen der Zeitungswelt und des Journalistenstandes protestierten in öffentlichen Erklärungen gegen die von Herrn Bruhn und den Sachverständigen behaupteten „journalistischen Bräuche", nach denen eine bezahlte Annonce zur Rücksichtnahme auf den Inserenten im redaktionellen Teile verpflichte. Man rückte in recht deutlicher Weise von Herrn Bruhn ab, und man hält diesen Mann in journalistischen Kreisen trotz seiner Freisprechung für abgetan. Nicht so dieser Antisemite selbst, der sogar im Reichstage erschien und sich bei der Besprechung der Interpellation über die Königsberger Kaiserrede zum Worte gemeldet hatte. Offenbar war das selbst seinen einstigen Freunden auf der Rechten etwas peinlich, sie führten den Schluß der Debatte herbei und machten so Herrn Bruhn mundtot. Für uns Juden aber hat dieser Prozeß in einer anderen Richtung noch ein spezifisch jüdisches Interesse. Er enthüllte oder bestätigte die beschämende Erscheinung, daß es leider nicht an Glaubensgenossen fehlt, die selbst solche antisemitischen Skandalblättchen durch Aufgabe von Inseraten k. unterstützen. Anstatt sich gegen Beschimpfungen durch die Anrufung der Gerichte zu' schützen, wie es ein großes jüdisches Warenhaus mit Erfolg durchführte, haben sich andere jüdische Großinserenten bereit gefunden und es über sich gewonnen, in einem so ausgesprochen antisemitischen Organ zu inserieren. Hierin liegt ein gewisses Etwas, was wir nicht näher qualifizieren möchten, von dem ivir aber fest überzeugt sind, daß dazu Geschäftsleute, die die Luft jüdischer Jugendvereine je geatmet haben, niemals zu bewegen sein würden Diese Erscheinung der Förderung jndenhetzerischer Organe berührt übrigens ein Gebiet, mit dem sich die jüdische Oeffentlichkeit etwas mehr beschäftigen sollte, denn sie ist nicht etwa nur in Berlin heimisch. Der Reichstag, der dieser Tage wieder zusamm-ngetreten ist, steht nach allgemeiner Auffassung vor dem letzten Abschnitt seiner Legislaturperiode. Neuwahlen sollen bereits im nächsten Sommer oder Herbst stattfinden. Aber in dem Arbeitsstoff, den er noch zu bewältigen haben wird, sind einige l Aufgaben enthalten, die das spezifische jüdische Interesse berühren. Die Schächtfrage wird bei der Beratung der Strafgesetznovelle vermutlich eine Erörterung

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