Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 3 (1.12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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y * k Liste ist mit sämtlichen ihrer 18 Kandidaten glatt durchgedrungen. Und zwar im Durchschnitt mit rund 6500 Stimmen gegen rund 3500 Stimmen, die auf die Gegner entfielen. Mag man sich in der Berliner Judenheit und darüber hinaus in jüdischen Kreisen dieses Resultates freuen oder es auf's lebhafteste beklagen, zwei Momente sind vom allgemeinen jüdischen Gesichtspunkt aus dem Gewinnkonto gutzuschreiben. Das sind einmal die außerordentliche Wahlbeteiligung, die ein wachsendes Interesse an jüdischen Gemeindeangelegenheiten bekundet und sodann, daß in diesem Wahlkampfe selbst solche Persönlichkeiten das Gewicht ihres Ansehens in die Wagschale legten, deren Jndifferentisnrns, ja jüdische Weltfremdheit, fast schon zu den notorischen Dingen zählen. Wer hätte z. B. gedacht, daß der Dichter Oskar Blnmenthal, daß Otto Brahm, der Direktor des LessinglhealerS, daß der Kritiker und Satiriker Fritz Engel vom „Berliner Tageblatt" Interesse an jüdischen Gemcindewahlen nehmen und ihren Namen unter einen Wahlaufruf setzen, der zur Voraussetzung hat: jüdisches Bewußtsein und den Willen, sich jüdisch zu betätigen. Das war leider bisher nicht wahrnehmbar, und wenn das Hervortreten solcher Personen in jüdischen Angelegenheiten selbstverständlich auch nicht überschätzt werden soll, da die Befürchtung vorliegt, daß es sich nur um eine sporadische Erscheinung handeln könnte, so soll man diesen Keim erweckten und erwachten jüdischen Gemeinsinns auch nicht ganz unterschätzen. Und wenn religiös-konservativ gerichtete Elemente und die Zionisten diesmal auch keinen positiven Gewinn erzielen konnten, an der Massenbeteiligung zu den Repräsentantenwahlen und der Aufrüttelung vieler bisher Indifferenter, Gleichgiltigcr sind sie nicht ganz „unschuldig". Aber der rege Eifer des stark pulsierenden jüdischen Lebens betätigte sich auch in hervorragendem Maße auf anderem Gebiete und an anderen Stellen der jüdischen Arbeit. Wir denken dabei nicht nur an den erfreulichsten Wetteifer unserer Jugendvereine, ihren progranimatischen Zielen in imnier'vollkommenerer Weise gerecht zu werden, nicht an den frischen Zug, der durch alle unsere Vereine geht und sie immer mehr zmn Sammelpunkt unserer Jugend macht, auch nicht nur daran, daß sich die stattliche Anzahl dieser Vereine fast täglich vermehrt und immer noch neue in der Bildung begriffen sind; wir meinen auch die rührige Arbeit und die lebendige Regsamkeit, die die anderen großen jüdischen Institutionen im verflossenen Monat betätigten. Die erste jüdische Masseninanifestativn war die eindrucksvolle Protestkundgebung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" gegen das Taufjudentum und die indirekte Judenmission des Staates, der unähnlich den griechischen Göttern, die nach einem altklassischen Spruche nur den Schweiß, sdie Arbeit, vor das Ziel setzten, für seine jüdischen Bürger vielfach außer dem „Schweiß" auch noch die „Taufe" gesetzt hat. Den von jeher verhängnisvollen, ja tragischen Einfluß des jüdischen Renegatentums auf die Geschicke der jüdischen Gesamtheit beleuchtete in jener imposanten Versammlung des Zentralvereins, die Tausenden wegen Neberfüllung des Saales unzugänglich war, Herr Rabbiner Dr. Weiße- Berlin: die praktische Seite der Frage beleuchtete ungemein eindrucksvoll der Generalsekretär des Zentralvereins Herr Dr. Holländer, und unser Verbandsvvrsitzender Herr Dr. Apfel versprach in der Bekänipfung des Taufjudentums die freudige Mitwirkung anch der jüdischen Jugendvereine. Gegenüber der leider nicht wegzuleugnenden erschreckenden Zahl von Uebertritten, die jahraus, jahrein, fast immer aus rein äußeren Gründen erfolgen, erscheinen solche öffentlichen großen Kundgebungen gegen das Taufjudentum als eines der Mittel, dem Renegatentum etwas entgegenzuwirken. Man sollte daher, nicht nur in Berlin, sondern in allen großen und möglichst auch mittleren Gemeinden die Abhaltung einer großen jüdischen Persammlung gegen das Tausjudentum zu einer ständigen alljährlich sich wiederholenden Institution machen. Und die Jugendvereine, die ja schon durch die Vermittelung einer vertieften Erkenntnis des Judentums und durch die Pflege der Liebe zum Judentume und des Gemeinsamkeitsempfindens ihre Mitglieder mit einer guten Schutzwehr gegen die Einwirkungen äußerer Art in dieser Hinsicht umgeben, werden gleichfalls dieser Frage des verächtlichen Taufjudentums ihre dauernde Aufmerksamkeit widmen. In einem gedanklichen Zusammenhänge zu dieser Uebertritts- „frage" steht diejenige der staatsbürgerlichen Zurückfetzung der Juden bei der Zulassung zu leitenden öffentlichen Aemtern, sei es in der Staatsverwaltung, sei es im Heere. Den getauften Juden, den Glaubensdeserteuren, öffnen sich die Pforten zu den höchsten Stellen in allen Ressorts der Staatsverwaltung wie zum Offizierkorps. In dieser Tatsache liegt vielfach ein Anreiz und zwar ein staatlich bewirkter und protegierter, das „Entreebillett zu der europäischen Kultur" zu nehmen. Darum bedeutet der Kampf um die Durchsetzung unserer vollen staatsbürgerlichen Gleichstellung, um die uns nach der Verfassung zustehcnden Rechte auf Zulassung zu allen öffentlichen Stellungen, nicht nur einen „Kampf ums Recht", sondern auch zugleich einen K'anipf für unser Judentum, das durch die gegenwärtige Praxis des Staates als minderwertig herabgesetzt wird. Das ist es — und nicht etwa die Frage, obdieser oder jener einzelne unserer jungen Glaubensbrüder die Epauletten erhält. — was dem andauernden Ringen um .die Zulassung von Juden zum Offizierkorps seine tiefere innere Bedeutung verleiht. Gerechtigkeit und Liebe zum angestammten Väterglauben sind die Wurzeln dieses Ringens, nicht die Sucht nach äußerlichen Ehren für den einzelnen unter uns. Sv ivird es, abgefehen von noch anderen sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Momenten, die dabei in Betracht kommen, erklärlich, daß dieseni Kampfe die Kräfte *' ' 4