Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 3 (1.12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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gleichuug des Besitzes die sicherste Garantie für eine gesunde Moral. Ja, es sieht im Reichtum eine direkte Gefahr für Moral und Religion. So war alles darauf berechnet, die zwei gewaltigen Klippen, Not und Ueberfluß, zu umsegeln, im gefunden Lebensstrom hohen Zielen zusteuern zu tönnen. Und auch der allwöchentliche Sabbalh in feiner puristffckcn Strenge, alö Rnhetag für M-nichen und Tiere, diente dieser Idee der fozialcthifchen Gerechtigkeit, der inneren und äußeren Ruhe, der Selbstbesinnung, dem Rasten auf dem Wege zu Arbeit und Verdienst. Jede Arbeit war am Sabbath verboten, jeder Verkehr »ockte, so mußte die Maschine dcs Reichtums für einen Tag ruhen, und schon an diesem Tage zeigt sich der erstrebte Ausgleich aller Menschen. Alles war darauf gestimmt, die sozialen und ethischen Kräfte des Volkes zu steigern, um sie hohen Zwecken dienitbar zu machen. In all diesen Anordnungen sehen wir die tiefe Weisheit, die nicht nur an den Körper und sein Behagen denkt, sondern auch an die Seele, und die stets die Zukunft der Gesamtheit im Auge hat. Das genügt aber noch nicht und es wurden noch viele besondere Gesetze zum Sckutze der Schwachen geschaffen. Die Witwen und Waisen genießen in jeder Beziehung ein Vorrecht, es wird stets eingeschärst, auf sie besondere Rücksicht zu nehmen. Der Arme muß nach jeder Richtung hin geschont werden und bei allen Gesetzen wird für den Armen eine Ausnahme gemacht. Selbst die Sklaven genießen im Jueen'um viel mehr Schutz als noch heute die Industriearbeiter in vielen sich modern nennenden Staat, n. Die Menschenwürde darf nie verletzt werden, die Barmherzigkeit mutz stets walten, denn ohne Barnrherzigkeit kann sich der Jude keine Gerechtigkeit denken. Der Fremdling, der selbst in Hellas fast vogelfrei war, genießt im Judentum gleiches Recht, und wer ihn bedrängt, beladet seine Seele mit dem schwersten Fluche. Kranke werden behütet und gepflegt und selbst im Kriege sehen wir noch eine besondere Milde walten, und auch da werden die Grundsätze der Gerechtigkeit nicht verleugnet. Trotz aller Maßregeln erhofft das Judentum keine gänzliche Beseitigung der Not. Armut entstand wohl auch da, wo die Geßtze am meisten entwickelt waren. Vielleicht durch elementares Unglück, durch Krankheit und Schwäche. Die drückende Not war wohl selten zu finden,?der Armut war wohl da. Und so mußte da, wo die Gesetze nicht ausreichten, die Barmherzigkeit notmildernd und tränentrocknend eintreten, und jo entstand die Erziehung z u m W o h l t u n als weitere soziale und ethische Tat, als staaterhaltende und menschenveredelnde Kraft. Der Mensch soll und muh dem andern helfen, weil er dadurch sich selber und der Gesellschaft hilft, weil die Menschen auf einander angewiesen sind. Sie sind Biüder und müssen einander beistehen. Fast überall, wo von dem Armen die Rede ist,, wird vom „Bruder" gesprochen, und die Hilfe soll daher auch brüderlich geschehen, ohne Demütigung, ohne Beschämung. Aber daö Geben soll nicht nur dem Annen helfen, cö soll auch für den Geber eine Wohltat bilden, es soll ihn durch daö Werk reiner Menschlichkeit adeln, erheben und Gott näher bringen. Denn die Menschlichkeit i st die w i ch t i g st e Station aus dem Wege zur Göttlichkeit. Diese Gesetze sind im Laufe der Geschichte nicht immer im Sinne der Gesetzgebung streng gehalten worden, und unsere Propheten, die das Volksgewlssen verkörpern, klagen oft, daß die Ungerechtigkeit überhand nimmt und die Sittenreinheit verdrängt. Vielleicht sind alle Katastrophen des jüdischen Staates darauf zurückzuführen, daß die vom Gesetze bestimmten Lebensnormen unbeachtet blieben. Aber sicher ist es, daß diese Gesetze ganze Perioden hindurch im Volke lebten und Segen stifteten. Sie waren die Kräfte, die das Judentum schmiedeten, die den jüdischen Charakter schufen, und auch heute noch ist dieser Geist lebendig in den besten und edelsten Jude«. Und auf den Geist kommt es ja an, — die Formen mögen sich ändern, wenn sie nur dem hohen Zwecke dienen. Unsere reife Jugend aber soll und mutz lernen, welch einen reichen Schatz von anregenden Gedanken, von fruchtbaren Ideen und ethischen und sozialen Kräften wir im Judentum besitzen. Sie soll lernen, daö Judentum verstehen, sie soll es nicht als toten Buchstaben aufnehmen, sondern mit dem Auge des modernen Menschen studieren und sich an seinen Schönheiten bereichern. Denn gerade heute brauchen wir die ethischen und sozialen Kräfte des Judentums, um unser Leben, das zu erkalten droht, mit neuen Idealen zu erfüllen. Die Jugend mit ihrer Begeisterung und ihrer Seelenkraft soll bei aller modernen Anschauung den alten Quell nicht vergessen, der auch für sie fließt. Nicht entweder jüdisch oder modern soll unsere Jugend sein, sondern j ü d i s ch - m o d e r n , denn sie findet für alles Moderne, für alles Große und Schöne, das in ihrer Brust lebt, reiche Anklänge im Judentum, und sie findet hier ein reiches Feld, um weiter zu bauen. Das jüdische Leben in Deutschland wird matt und verblaßt mit jedem Tage, und ich kenne keine schönere Aufgabe für unsere Jugend, alö die, hier v o r a n z u j ch r e i t e n und mit der Fackel des Idealismus den Weg zur Zukunft zu bahnen. Pnndlchan. Der rege Eifer eines stark pulsiereitden jüdischen Lebens verlieh dem eben verflossenen Monat seine charakteristische Prägung. Die Reibungen und kleinen Zusammenstöße, die dabei unterliefen, waren letztenendes doch nur Begleiterscheinungen oder Ausflüsse diesen regen Eifers. Den in der grüßten Gemeinde Deutschlands, in der Reichshauptstadt, tobenden heftigen Kämpfen um die Repräsentantensitze brachte wohl die deutsche Gesamtjudenheit Interesse entgegen. Wohl niemals bei jüdischen Wahlen sind in so reichen! und ausgiebigem Maße die Methoden des hitzigen politischen Wahlkainpfes auf beiden Seiten, den Liberalen ivie der antiliberalen Koalition, in Anwendung gebracht worden. Es gab hitzige Wortgefechte über den Begriff des Liberalismus,' den beide Teile für sich in Anspruch nahmen. Dabei gab es vielfache Verwischungen -zwischen dem Begriffe des politischen Liberalismus und dem rein religiösen, welch letzterer doch nur auf das religiöse Lehrgebiet seine Anwendung finden will. Die Richtung dieses religiösen Liberalismus', das hat das Ergebnis der Berliner Repräsentantenwahlen bezeugt, hat in der jüdischen Bevölkerung der Reichshauptstadt das Uebergewicht. Die liberale - 3