Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 3 (1.12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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zerstört, um die Einheit oer'Menschen als'das höchire Ideal voranleuckten zu lassen. Und doch tragen all die Propbetien in ihrer Form eine streng subjektive Färbung und sind sehr fein für die jüdische Seele abgestimmt. Die Propheten wollen di- Menschen gleich g I ü ck l ich , aber nicht gleich machen. Sie wollen die Eroe zum Himmel erheben oder noch richtiger Len Himmel zur Erde herabzwingen, und dieses alles in einer wunderbar poetischen und doch zugleich natürlichen und schlichten Form. Und gerade aus diesen heterogenen Elementen entstand die eigenartige Weltanschauung mit ihrem weitschauenden Sozialismus. Der Subjektivismus verhinderte die Nivellierung, also die Tötung der eigentlichen Lebenskräfte, und der Universalismus bildete einen Damm gegen Engherzigkeit. So entstand etwas, was fern von diesen beiden Polen ist, ein Sozialismus des Herzens und nicht blos der Vernunft, ein Sozialismus, der nicht trocken und nüchtern anmutet, sondern durch seine Wärme und seine Poesie beglückend und befreiend wirkt. Es sind hier eben sozial und ethische Kräfte miteinander verwoben und sie wirken gemeinjani im Dienste einer grossen Idee, die das ganze Leben ausfüllt. Wie die ganze Natur des Judentums, so zeigt auch sein Sozialismus eine ausgeprägte Individualität, und bei allem Schwung und hochtragendem Pathos veiläßt er den Boden der Wirklichkeit nicht und paßt sich der Natur des Volkes an. Es ist nicht alles harmonisch darin und manchmal klaffen tiefe Gegensätze, die wir nur durch Phantasie und Liebe überbrücken können. Noch merkt man hier die Spuren des inneren Ringens, noch ist keine Vollkommenheit, keine geschlossene Weltanschauung vorhanden. Aber überall finden wir große A> sätze, die uns gewaltig anregen und unsere Ideenwelt stets befruchten und uns zum Nachdenken mahnen. Die Bib.l, das Lebinsbuch Israels, zeigt uns nur Bruchteile einer sozialen Weltanschauung, aber schon auö diesen Bausteinen merken wir die große architektonische Idee und wir ahnen, zu welcher Größe eine lange ruhige Entwicklung hrer hätte sühren können. Und merkwürdig, wie in der Kultur, so finden wir auch im lozialen Leben alles so e>lg mit religiösen und ethischen Elementen verschmolzen, daß wir die verschiedenartigsten Bestandteile von einander gar nicht zu trennen vermögen. Es sind soziale nnd ethische Kräfte, die zusammen arbeiten, um dem Menschen b'im Rmgen nach Glück und Hoheit beizustehen und ihm das Göttliche in ihm und über ihm in einer so wunderbaren Weise zu offenbaren. Im Vordergrund dieser Weltanschauung steht als beherr>chend> s Prinzip das G o t t r s k i n d e r t u m. Die Menschen sind alle Kinder Gottes, sie tragen alle etwas Götiliches in sich und sie alle haben Anrecht an die Welt, die Gott für sie geschaffen bat. Es ist also eine Demokratie mit einem göttlichen Schimmer, eine Gleichheit auf G>und gleichen Adels. Jeder Mensch hat die Pflicht des Schaffens, vom Künstler bis zum Töpfer, aber auch das Recht des G nuff ö- Und tuide müssen in einem natürlichen Verbal!»iS zu einander stehen. Jeder soll sich nach seiner Fädigkeit und im Rahmen seines Könw nö feine W lt erobern, sie vervollkominnen und mit aller Schönheit schmücke», er toll genießen, aber als Kult u r m e » s ch , mit Maß und Ziel, und er soll sich ileis als soziales Wesen fühl e n. Das Judentum kannte keine Klassenunterschiede und das Kaiteu-veirn ist ihm gänzlich sremd. Nur die Priester bildeten eine hohe Kaste und waren mit einer besonderen Würde ausg> ltaitet, Aber mit dieser Würde waren keine irdischen Rechte verbunden. Die Priester waren enterbt, beiayen kein Eigentum und waren sozial machtlos. Eim Aristokratie bildeten auch sie nicht, denn es gibt im Judentum nur eine Aristokratie, die des Geistes. Die Größe des Geistes ist die souveränste Macht, wer der Kultur dient, lebt dem höchsten. Der Talmud stellt den Satz auf: „Ein gelehrter Bastard steht höher als ein unwissender Hohepriester. Die Fähigkeiten der Menschen find ungleich, und jeder muß danach streben, seine Kräfte im Dienste Gottes und der Menschheit auszubilden. Das ist der Boden, von dem die sozialen Auffassungen ausgehen. Aber gerade darum, weil die Fähigkeiten der Menschen ungleich sind, und weil es Ereignisse in der Natur gibt, die die normalen Verhältnisse durchkreuzen, konnte an eine einheitliche Schablone zur äußeren Gleichstellung aller Menschen nicht gedacht werden. Ja, das Judentum gibt eigentlich auf soziale!» Gebiete nur die großen Gesichtspunkte an und meidet mit einer gewissen Absicht die kleinlichen einengenden Maßregeln. Sie zeigt die Bahn einer großen Entwicklung und greift nur da in das Rad des Betriebes ein, wo Gefahr für dre Gesamtheit droht. Vor allem wird immer das sozial-ethische Wollen geweckt, es wird zur Arbeit auf dem Gebiete der Gesamtheit angetrieben und alle Kräfte werden potenziert und in die Höhe geschroben, weil darin das Mittel zur Wohlfahrt und zum inneren Glück erblickt wird. Das Judentum steht im Gegensatz zu den anderen alten Völkern in den sozialen Anordnungen nicht nur die Quelle der Macht, sondern auch die Verkörperung der Gerechtigkeit. Es strebt nicht nur die Bequemlichkeit, sondern auch die Heiligung des Lebens an. D e Religion ist nicht etwas Fremdes, und ihr Ziel ist nicht allein der Himmel, sondern hier in dieser Welt ruht ihr Wirken. So muß die Religion, oder was im allen Judentum dasselbe ist, das Gesetz einen Ausgleich schon hier auf Erden anstieben. Einen Ausgleich, aber keine Gleichmacherei. Und dieser soziale Ausgleich wird gefunden in der Verhinderung der Zusammenhäufung allzugroß'r Reichtünier und in der Bekämpfung des allzugroßen Elends. Es wird also den Armen gewissermaßen ein Pflichtteil an den irdischen Gü ern zugestchert, und eö wird der richtige Weg eingeschlagen, um den Prozeß der Konzentration des Kapitals zu unterbrechen. DaS geschieht durch sehr kluge Gesetze, die meines Wissens bei anderen Völkern nicht zu finden sind. Nirgends vielleicht finden wir die Grundlage einer gefunden Bodenreform so klar entwickelt wie in der Bibel. Der Boden konnte und durfte nicht für immer verkauft werden, und das Besitze cht dauerte höchstens 50 Jahre, denn „nur mir gehört der Boden, spricht Gott". Am Jubeljahre kehrte der Boden in den Besitz der Gemeinschaft zurück und mußte wieder nach den Prinzipien der Gerecbtigkeit verteilt werden. So konnte keine großagrarische Partei entstehen, um die kleinen Existenzen zu erdrücken. Und auch das bewegliche Ve> mögen konnte nicht leicht zu sehr anwachsen, weil jeder Zins verpönt war und als Wucher, als „beißend" bezeichnet wurde. Dazu kam, daß am Sabbatbj.rhr alle Schulden als getilgt galten. Wie sollten da große RUchtümer auf Kolten der Armen und der Massen entgehen 2 Der alle Hebräer betrachtete alles Vermögen, das nicht durch Arbeit erworben war, als B-sisi der Gesamtheit, der nominelle Besitzer hatte nur die Nntzniehung davon. Das alles aber war nicht bloß vom Gesichtspunkt des Sozialismus, sondern auch von dem der Ellnk geboten, denn das Judentum sieht nur in ber schlichten Lebensweise und in der Aus-