Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 3 (1.12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4926451-6352326-6352441--0046-4929327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
♦ | | ♦ g des Verbandes der jüdischen Ingendvereine Deutschlands. Nummer 3. Berlin, den 1. Dezember 1910. Jahrgang 1. Anzeigen die viergesp. Petitzeile 20 Pf. Reklamen SO Pf. pro Zeile. Geschäftsstelle: Berlin W„ Kleiststraße 12. - }J fr-^ Monatsschrift Preis pro Quartal 00 Pfennig. Einzelverkaus 20 Pfennig. Erfcheint am 1. jeden Monats. ... b Kill* sür Redaktion und Expeditton sind an die Adresse: Verband der jüd. Jugendvereine ^uiniuuupu Deutschlands z. H. d. Herrn l)r. E. Kinkel. Berlin W. 62, Kleiststr. 12, zu richten. Ethische und soziale KrSste im Judentum. Von Harry Frankfurter (Regensburg). (Nachdruck verboten.) Je mehr die Eikenntnis durchdringt, daß die soziale Frage der Ausgangspunkt aller inneren und äußeren Probleme ist, desto mehr richtet sich auch bei der Untersuchung der Vergangenheit unser Blick auf die wirtschaftliche und soziale Struktur der Völker. Denn darüber sind wir garnicht mehr im Zweifel: je einfacher sich diese Lösung gestaltete, je mehr Schmerz und Elend durch eine weise Gesetzgebung verhindert wurden, desto mehr näberte» sich die Völker der Hoheit und der Würde wahrer Menschlichkeit, desto mehr wurden sie prädestiniert, eine gesunde, befreiende Kultur zu schaffen. „Ohne Brot keine Kultur" sagen die jüdischen Weisen in ihrer schlichten Art. Wo die Not so groß ist, daß die Menschen sich über das Elend der Stunde garnicht erheben können, da können sie nicht Großes und Ewiges schaffen. Und wiederum entstellt da, wo Ueberstuß, LuxuS und Verweichlichung herrschen, eine Ueberknltur, die oft schlimmer ist als Unkultur. Würdige Kulturverhältnisse vertragen keine große Not, aber auch keinen sinnlosen Ueberstuß. Die Geschichte zeigt uns, daß menschwürdige Kulturen von langer Dauer im Altertum nur in Hellas und Juda geschaffen wurden. Hellas verdanken wir die Erhebung zu einer gemütveredelnden Kunst, Juda die reinste Sitten- und Gottcslehre. Die Griechen ebneten uns die Pfade zum Schönen, die Juden führten uns zum Hohen, zur reine» Gottesidee. Das war nicht allein in der Natur dieser Völker begründet, sondern auch in ihrem wirtschaftlichen Leben. Denn in Palästina und Hellas finden wir eine r.ich gesegnete Natur, die aber nicht verschwenderisch ist und den Menschen hohe Aufgaben diktiert. Also ein Leben, reich an Arbeit aber auch an Freuden und Schönheiten, ein Leben, fern von lähmender Not und von energietötendcr Verweichlichung. Und auch die Richtungen der beiden Kulturen scheinen in den ländlichen Beschaffenheiten und den sozialen Verhältnissen begründet zn sein. Während die milden Schönheiten Griechenlands eine träumerische Stimmung schaffen und zur Kunst und Anschaulichkeit führen, zwingt der herbere Naturcharakter Palästinas zur Vertiefung, zur Einkehr, zur Sehnsucht nach Gott. Der Grieche suchte überall Schönheit und Kraft, ja auch die Kraft verwandelte sich bei ihm in Schönheit. Der Hebräer strebte nach strenger Sittlichkeit, war immer besorgt, die Sinnlichkeit zn bewachen und die ganze Sinneswelt dem Uebernatürlichen, dem Göttlichen zu unterordnen. Er strebte überall nach ethischer Vollkommenheit und auch das Schöne ist ihm nur schön, wenn es erhaben ist. Von diesem Gesichtspunkte aus ist es ungemein wertvoll, die soziale Gesetzgebung der Hebräer und die sozial-ethischen Kräfte, die sie förderte, im Lichte moderner Kultur zu betrachten. Schon die Tatsache an sich, daß die Juden in der Bibel eine soziale Gesetzgebung besitzen, ist von großer Bedeutung. Denn bei den anderen alten Völkern wird man einer sozialen Auffassung in unserem heutigen modernen Sinne kaum sprechen dürfen. Sie kennen wohl alle den Begriff Staat und bei einigen hochstehenden Völkern ist die Größe und der Ruhm dieses Staates der Stolz des Bürgers. Aber sie kennen keine Menschlichkeit, sie kennen keine Pflicht, für die anderen zu sorgen. Mitleid, die Mutter der sozialen Gefühle, gilt vielen Völkern als Schwäche, und Tugend bedeutet für sie eigentlich nur Tapferkeit. Nur die Juden erheben das Mitleid zu einem göttlichen Gefühle, sie bildeten dieses Instrument fein aus und sie spielten darauf alle Töne des Herzens. Ja, die Juden sind die Viriuosen der Wohltätigkeit in der Geschichte, und sie schufen erst den Begriff Menschlichkeit, der mit höchster Gerechtigkeit verbunden ist. Und daö Soziale vertieft sich bei den Juden zu einem ethischen Element und in dem Streben nach allgemeiner Wohlfahrt sieht er zugleich daö Ringen nach eigener Vollkommenheit. Das Studium deö sozialen Lebens ist bei den Juden psychologisch um so interessanter, da sie bekanntlich das subjektiv empfindsamste Volk auf Erden waren und man gewöhnlich bei solcher Anlage keinen gesunden sozialen Gesellschaftsbau zu vermuten pflegt. In Wirklichkeit aber laufen in der jüdischen Natur Subjektivismus und Universalismus als zwei Mächte parallel neben einander, einander beeinflußend, bald ergänzend, bald auch einander hemmend. Das zeigen uns unsere Propheten am deutlichsten. Es gibt gar keinen höheren, aufwärtsstrebenderen Universalisnms als den der Propheten, der in seiner gewaltigen Kraft alle Schranken durchbricht und alles Scheidende. — 1 — Stadtu. Unlv. -8tbl. Frankfurt/Main ■rrit&i* 539472