Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 2 (1.11.1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber wozu die langen theoretischen und historischen Betrachtungen aus alter Zeit. Hat nicht die Gegenwart, in der viele Israeliten glaubten, den Urtext der Bibel durch eine Uebersetzung ersetzen zu können, dazu geführt, daß man in sehr vielen jüdischen Häusern. weder das Original noch die Uebersetzung der Bibel findet? Verzeihen Sie, wenn ich persönlich werde, aber ich muß es tun, um den Vorwurf, den ich gegen unsere Glaubensgenossen schleudere, durch eine Tatsache zu stützen. Erinnern Sie sich, verehrter Freund, als ich vor einigen Monaten das Vergnügen hätte, Sie zu besuchen, da zeigten Sie mir Ihre reichhaltige, stofflich geordnete Bibliothek. Sie ließen die literarischen Erzeugnisse der neueren und neusten Zeit vor mir Revue passieren, die großen und kleineren Autoren. Und als ich in der Abteilung „Religionswissenschaften" die Vorlesungen von Harnack, die Babel-Bibelvorträge von Delitzsch sah, fragte ich Sie: „Besitzen Sie auch die Bibel?" Sie wurden verlegen und stammelten halblaut: „Ja, ich besitze die Bibel mit der Mendelssohnschen Uebersetzung-, sie »liegt« bei den Büchern meines sel. Vaters." — Ich beruhigte Sie damit, daß es vielen meiner Bekannten so ergangen ist, wie Ihnen, als ich sie nach dem Besitze der Heiligen Schrift fragte. Die Bemerkung, die mir auf den Lippen brannte, unterdrückte ich aus Höflichkeit und Hochachtung vor Ihnen. Denn ich wußte wohl, wo Ihre Bibel sich befand. Sie liegt in der Rumpelkammer, verstaubt, vergilbt, von Motten und Milben zerfressen. — So ehren unsere Zeitgenossen das, was unser» Vätern heilig war, woran sie sich in ihren Mußestunden erquickten und worin sie ihre Lebensfreude und ihr Lebensglück fanden. Aber selbst, wenn alle Juden die Heilige Schrift in einer Uebersetzung besäßen, würde ich mich damit nicht zufrieden geben, weil eine Uebertragung, mag sie noch so gut sein, nicht imstande ist, die Kraft, die Fülle, die Schönheit und den Geist des Originals wiederzugeben. Den Unterschied zwischen dem hebräischen Texte der Bibel und der Uebersetzung kann ich ihnen in Worten nicht genau angeben, aber vielleicht wird er Ihnen durch den folgenden Satz einigermaßen einleuchten: Das Original verhält sich zur Uebertragung wie etwa eine Landschaft in natura zu einer Wiedergabe derselben auf dem Bilde, und mag es noch so naturgetreu sein. Sie, verehrter Freund, machen trotz Ihrer Liebe zur Behaglichkeit und ihrer eleganten Häuslichkeit öfters Reisen nach der Schweiz und nach Italien, um die Reize der Landschaften dieser Gegenden zu genießen und begnügen sich nicht mit den Wiedergaben in einem „Kaiser- Panorama". Und weshalb tun Sie das? Weil Ihnen im Panorama das Milieu fehlt, das Licht, die natürlichen Farbenwirkungen, der klare tiefblaue Himmel, und alle die tausend Schönheiten, die nur die Natur uns darbietet. In weit höherem Maße macht sich bei der Bibel der Unterschied zwischen dem Urtext und der Uebersetzung geltend. Der hebräische Text wirkt auf uns feierlich, stimmt uns andächtig, weil es eben die alte, ehrwürdige Sprache, die Sprache unserer Väter ist. Wenn man die Reden unserer Propheten, die Psalmen unserer frommen Sänger in der Ursprache auf sich wirken läßt, da fühlt man den Zauber, der alle Juden gefangen hielt, da ahnt man die geheimnisvolle Kraft, die diese Sprache über die Bekenner des Judentums besaß und sie zu treuem Ausharren im Väterglauben ermutigte. Wre der Riese in der griechischen Mythologie immer wieder frische Kraft empfing, sobald ser jdie Muttererde berührte, so fühlten sich unsere Ahnen neubelebt, wenn sie in der Sprache der Väter lasen oder beteten. Wenn der Jude in früherer Zeit — schon wieder weilen meine Gedanken im Ghetto, aber Sie haben mich mit Ihren einleitenden Worten darauf geführt —, schlecht genährt und bitter frierend von Dorf zu Dorf hausierte, um Weib und Kind zu ernähren, wenn er auf seinen Wanderungen vom Pöbel gestoßen, geschlagen, von den losgelafsenen Hunden angebellt und gezerrt, die Welt als eine Hölle empfand, da zog er sein Psalmbuch in der alten heiligen Sprache, das er stets bei sich führte, hervor, und bald gewann er seine Ruhe wieder. Was las er darin? „Der Ewige ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Ewige ist meines Lebens Schutz, vor wem sollte mir grauen. Wenn sich Bösewichter an mich machten, um mein Fleisch zu fressen, meine Widersacher und Feinde, so müssen sie straucheln und fallen." . . . Zog der arme Jude in finstrer, kalter Winternacht an einer Ritterburg vorbei, aus der ihm ein Lichtmeer entgegenstrahlte, und aus der laute Freudentöne und der Klang der Pokale an sein Ohr drangen, da hielt er inne und dachte nach, ob es vielleicht doch ratsam wäre, das Judentum abzulegen, mit ihm den Packen vom Rücken und das Bündel voller Sorgen, um mit den andern rauschende Feste feiern und die Annehmlichkeiten dieses Lebens genießen zu können. — Wenn die Versuchung an ihn in einer solchen schwachen Stunde herantrat, dann nahm er wieder seine Zuflucht zu den hebräischen Psalmen und las darin: „Wie töricht war ich, da ich sie beneidete um des hohlen Glückes Schein! . . . . Habe ich Dich, o Gott im Himmel, und neben Dir begehr ich nichts auf Erden. Mag Fleisch und Herz vergehen — Du bist mein Hort und mein Teil in Zeit und Ewigkeit."- So war unsere heilige Sprache der gute Schutzgeist unserer Ahnen, der ihnen Aufrichtung. Stärke, Trost und Zuversicht brachte, wenn sie zu wanken drohten: sie war es, die unfern Vätern die Kraft für den Kampf und die Festigkeit gegen jegliche Versuchung verlieh. Ja, diese Sprache muß uns ehrwürdig und heilig sein. Sie ist das Kleinod, das wir aus unserer ruhmreichen Vergangenheit uns hinübergerettet haben; in ihr sind unseren Ahnen die Grundwahrheiten des Judentums verkündet worden, die bestimmt waren, Gemeingut der ganzen Menschheit zu werden. In dieser Sprache haben unsere Propheten geredet, unsere Dichter gesungen, unsere Altvordern in den blutigen Tagen des Mittelalters auf Scheiterhaufen und Folter ihre heilige Seele ausgehaucht. In dieser Sprache stammelten auch die sterbenden Lippen unserer für Gott erglühten Eltern ihr letztes „Sch'ma Jisroel". Und mit diesen beiden Worten haben sie uns, den Kindern, die wir tränenden Auges an ihrem Sterbelager standen, die Mahnung auf den Weg gegeben, nicht bloß die irdischen Güter, die sie uns hinterlassen, in Besitz zu nehmen, um unser Leben genußreich zu gestalten, sondern auch das fortzuerben und zu pflegen, was ihnen teuer und heilig war. — — — — — Ich hätte noch Ihre weiteren Kragen betreffs der Wissenschaft des Judentums und betreffs des Eindruckes, den unsere Bestrebungen zur Verbreitung der Kenntnisse der bebräischen Sprache in unserer Mitte auf unsere nichtjüdische Umgebung machen wird, zu beantworten. Allein Sie haben mir Ihren freundlichen Besuch in nahe Aussicht gestellt, deshalb werde ich mir dies für unsere Unterhaltung aufsparen.-Hier möchte ich nur kurz 9