Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 2 (1.11.1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Regeln dürften kaum länger als zwei Monate in Anspruch nehmen. Dieses geringe Zeitquantum vergeudet so mancher junge Mensch beim Spiel und Gelage, für Promenaden und Flirt. . . . Geben wir unserer Jugend Ideale und sie werden sich keine Idole schaffen. Sie berühren in Ihrem Schreiben auch die L e h r - mittelfrage. Diese hat auch uns beschäftigt, und aus den Protokollen unserer Vorstandssitzungen werden Sie ersehen, daß wir den Mangel an geeigneten Lehrbüchern zur Erlernung der hebräischen Sprache beklagt haben. Wir sind, wie wir in unserem Protokoll vom 5. Dezember vorigen Jahres ausgeführt haben, zurzeit auf die Lehrbücher der russischen und palästinensischen Pädagogen angewiesen, die aber bei ihren Arbeiten das schulpflichtige Kindesalter im Auge hatten; für Westeuropa und insbesondere für Deutschland müßte ein solches Buch erst geschrieben werden und zwar unter Berücksichtigung der reiferen Jugend und der Erwachsenen. Auch die „Organisation für die hebräische Sprache und Kultur" hat zu unserer Genugtuung dieses Bedürfnis anerkannt und bereits Schritte getan, um ihm abzuhelfen. Die Männer, die an der Spitze dieser Organisation stehen, geben uns die Gewähr, daß das unter ihrer Aegide zu schaffende Lehrbuch der hebräischen Sprache ein brauchbares und gutes sein wird. Vorläufig müffen wir uns noch mit den Erzeugnissen aus Rußland und Palästina zufrieden geben, die ich unseren Vereinen auf diesbezügliche Anfragen gern namhaft mache. „Und die M ä d ch e n , sollen auch sie das Hebräische pflegen?" Diese Frage, von Ihnen gestellt, hat mich, offen gestanden, sehr befremdet. Ich will sie daher nur als Iap8U5 calami ansehen. Sie sind ja sonst ein eifriger Verfechter der Frauenrechte. Sie kämpfen in Wort und Schrift mit jugendlicher Begeisterung dafür, daß unsere Frauen in den Parlamenten, in den Verwaltungen der Gemeinde, der Vereine, Logen usw. mit Sitz und Stimme bedacht werden. Wie können Sie nun annehmen, daß wir bei der Jugend zweierlei Maß anwenden wollen? Würden Sie uns nicht „orientalische Rückständigkeit" vorwerfen, wenn wir die Frauen ausschlössen? — Ach ja, Sie haben auf die bekannte Mischnastelle hingewiesen, nach der scheinbar der Unterricht der Mädchen in der Thora verboten ist und wollen wissen, wie ich mich mit diesem talmudischen Ausspruch abfinde. Darauf die Antwort: als direktes Verbot hat man diese Stelle nie aufgefaßt, weil hier nur die Ansicht eines Lehrers mitgeteilt ist, der vielleicht Gegner des Frauen studiums war, wie eS heutzutage noch Professoren gibt, die am liebsten die Damen aus den Hörsälen verbannen möchten. Hat ja ein anderer Talmudlehrer in derselben, von Ihnen angeführten Mischna den Eltern zur Pflicht gemacht, die Töchter in der Thora unterrichten zu lassen. Und die Geschichte lehrt, daß die letztere Ansicht mehr Beachtung gefunden hat. Denn es gab selbst in den streng frommen Kreisen jüdische Frauen, die sehr gut Hebräisch lasen und schrieben, und die in der heiligen Schrift besser Bescheid wußten als die Männer. Steht somit nach meiner Ansicht nichts im Wege, unsere Töchter mit dem Geiste der hebräiichen Sprache vertraut zu machen, so möchte ich auch aus einem anderen Grunde bei unseren Bestrebungen zur Erhaltung und Stärkung des Judentums auf die Mädchen nicht verzichten. Sind sie ja berufen, die Hüterinnen deö jüdischen Hauses zu werden, dem sie den Stempel ihres Geistes aufprägen. Fällt ihnen doch in unserer Zeit, in der der Mann durch seine Berufsarbeiten ganz in Anspruch genommen ist, die Aufgabe der Erziehung unserer Kinder zu. Muß ja auch die jüdische Mutter, wenn das Söhnchen ms Gymnasium kommt, noch ein wenig Latein lernen, damit sie das Kind die lateinischen Vokabeln überhören kann. Und warum sollen unsere Töchter nicht mit hebräischen Kenntnissen ausgerüstet schon in die Ehe kommen? Wie schön wäre es, wenn sie diese Kenntnisie besäßen und imstande wären, auch den hebräischen Religionsunterricht ihrer Kinder zu überwachen. Das würde sicherlich für die jüdische Erziehung von großem Nutzen sein. Durch das Interesse der Mutter würde auch beim Kinde die Liebe für das Hebräische wachsen, und der Mut unserer Lehrer, die jetzt fast verzagen, würde befeuert und beflügelt werden durch das erhebende Bewußtsein, daß das jüdische Haus die jüdische Schule unterstützt. Sie sprechen in Ihrem Briefe, daß zurzeit hauptsächlich darauf Gewicht zu legen sei, unsere Jugend für die Abwehr gegen judenfeindliche Angriffe zu schulen. Aber gerade für diesen Zweck wüßte ich kein besseres Mittel, als eben die Kenntnis des Urtextes unserer Religionsquellen. Mehr als irgend ein Abwehrverein zu leisten vermag, kann uns hierbei die Kenntnis der hebräischen Sprache nützen. — Haben unsere Söhne und Töchter die Heilswahrheiten des Judentums, seine unübertroffenen Lehren von der allumfassenden Menschenliebe, der Milde, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit aus dem Original in urquellartiger Frische in sich ausgenommen, die gewaltigen Reden unserer Propheten, die tiefen Weisheitssprüche unserer Denker, die herzergreifenden und erquickenden Gesänge unserer Psalmisten, die Millionen von Menschen erheben und ermutigen, trösten und beruhigen, in ihrer Ursprünglichkeit kennen gelernt, dann wird jedes unserer Kinder einen Abwehrverein für sich bilden und seine Verteidigung selbst führen. Oder noch mehr: ein jeglicher unserer Söhne wird, um mit dem Propheten zu reden, „eine feste Burg", „eine eiserne Säule" sein, gegen die unsere Feinde machtlos sind und erfolglos ankämpfen werden. Unsere Söhne und Töchter wissen dann, was das Judentum der Menschheit gebracht, und werden sich durch Vorträge und Schriften, die als „Ergebnisse der Wissenschaft" mit anreißenden Titeln auf den Markt gebracht werden und auf eine Herabsetzung des Judentums abzielen, nicht irreführen und beeinflussen lassen. Die heilsame Lehre des Judentums, meinen Sie in Ihrem Schreiben, könne man doch auch aus Uebersetzungen der Heiligen Schrift kennen lernen und berufen sich auf die hellenistische Zeit, in der ein sehr großer Teil der Juden die Bibel nur aus der griechischen Uebersetzung kannte. Für diesen Hinweis, verehrter Freund, bin ich Ihnen sehr dankbar, denn er spricht f ü r unsere Bestrebungen,. die Kenntnis der hebräischen Sprache in unserer Mitte heimisch zu machen. Gerade die Geschichte der Juden in Alexandrien zeigte uns, daß die Reinheit des Judentums getrübt wird, sobald die Kenntnis der hebräischen Sprache unter seinen Bekennern abnimmt. Und wir müssen den Scharfblick der wackeren Männer aus jener Zeit bewundern, die gegen den Hellenismus und gegen die Vernachlässigung des Hebräischen mit allem Eifer gekämpft haben, weil sie eine Zersetzung des Judentums oder mindestens eine Verkümmerung des jüdischen Geistes befürchteten. Erst jetzt, nachdem die Weltgeschichte zu Gericht gesessen, verstehen wir es, warum die Talmudlehrer, trotzdem die griechische Sprache bei ihnen in hohem Ansehen stand, den Ausspruch getan: „Der Tag, an dem die Thora ins Griechische übersetzt wurde, war für Israel so verhängnisvoll wie der, an dem das goldene Kalb verfertigt wurde."