Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1910-11-01 · 2 (1.11.1910) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
1 (1910)
Issue
2 (1.11.1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4926451-6352326-6352440--0035-4929317
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Unsere hebräischen Sprachkurse. VerehrteiHFreuntr! „Also zurück ins Ghetto", so beginnen Ihre freundlichen Zeilen an mich, in denen sie über die jüdische Jugendbewegung Ihr Urteil abgeben und die Befürchtung aussprechen, daß der Verband auf falschem Wege sei. Als Beweis dafür, daß wir von neuem Schranken aufrichten wollen, die unsere Glaubensgenossen von der Außenwelt trennen sollen, führen Sie unsere Anregung zur Errichtung hebräisch e r S P r a ch k u r s e an. Da Sie mir den Löwenanteil an diesem „crimen" zuschreiben, will ich Ihnen auf alle in Ihrem Briefe beregten Momente und Fragen antworten. Zunächst möchte ich ihnen versichern, daß unser Verband nicht im geringsten daran denkt, ein Jota von den Errungenschaften der Juden in den letzten Jahrzehnten preiszugeben. Das beweisen Ihnen die in unseren Vereinen aus den verschiedensten Gebieten allgemeinen Wissens gehaltenen Vorträge, sowie auch die anderen Vcreinseinrichtungen, wie die Kurse für Französisch, Englisch, Stenographie, Turnen u. a. m. — Was wir wollen, ist nichts Neues; wir wollen das, was jeder Jude unserer Zeit, wenn er Jude sein und bleiben will, anstrebt, nämlich das Judentum erhalten trotz der Berührung und dem Verkehre mit der Außenwelt, und trotz der neuen Formen, in denen der Judenhaß in unseren Tagen auftritt. Und da bekanntlich die Zukunst jeder Gemeinschaft auf der Jugend beruht, so wollen auch wir bei unserer Jugend das jüdische Bewußtsein stärken und ihr Herz mit Liebe zum Judentum erfüllen. — Wir wollen eine begeisterte jüdische Jugend erziehen, die nichts in der Welt, weder Verlockungen und Versprechungen von Aemtern und Würden noch Beorohungen und Bedrückungen je bewegen können, der Väter Erbe preiszu geben, die Fahne desJudentums treulos zu verlassen. Alle Mittel, von denen wir glauben, daß sie uns zur Erreichung dieses hohen und leuchtenden Zieles führen können, werden daher von uns versucht. Wir suchen edle Sitten und Bräuche, die vei den meisten unserer Glaubensgenossen fast in Vergessenheit geraten find, von neuem einzuführen, weil sie sich als vorzügliche Mittel zur Erhaltung des Judentums bewährt haben. So haben wir z. B. die Abhaltung von gemeinsamen Freitag - und Sederabenden unseren Jugendvereinen empfohlen. Auch diese Bräuche find mit aus der Ghetto-Zeit, aber das stört uns keineswegs. Ist denn alles, was im Ghetto Sitte und Brauch war, für uns Moderne deshalb schon unbrauchbar? Sind etwa die Tugenden wie Keuschheit, Sittenreinheit, Elternliebe und Kindestreue, die die Stützen des jüdischen Hauses im Ghetto bildeten, darum zu verwerfen, weil sie eben im Ghetto waren? Ist das reine, heilige und innige Familienleben, aus jener Zeit, „der Zaubernder Familie", wie Gutzow es treffeno bezeichnete, nicht nachahmenswert? Aus demselben Streben heraus, das Judentum zu erhalten, glauben wir die Erlernung der hebräischen Sprache unserer Jugend empfehlen zu müssen. Gerade in unserer Zeit, in der das religiöse Band gar sehr gelockert ist, müssen wir das Interesse für unsere alte, ehrwürdige Sprache von neuem wachrufen. — Durch die Pflege dieser Sprache hoffen wir gleichsam ein neues Band zu schaffen, das die zerstreuten^Glieder unseres Stammes umschlingen wird. — Hinweisend auf die Bestrebungen mancher Gemeinden, die die hebräische Sprache aus ihrem letzten Asyl, der Synagoge, zu verdrängen suchen, fragen Sie: „Wie kann man jetzt auf den Einfall kommen, von der Jugend die Pflege dieser Sprache zu fordern?" Darauf antworte ich Ihnen, verehrter Freund, daß nicht die Gemeinden und ihre Vorsteher an dieser betrübenden Erscheinung schuld sind, sondern die Gemeindemitglieder selbst, in deren Mitte die Kenntnis der heiligen Sprache zu sehr abgenommen hat. Unsere Vorsteher, die größtenteils noch aus jener Aera der unglückseligen Nachahmungssucht stammen, sin der man alles Fremde vorzog, weil man das Eigene nicht zu würdigen wußte, haben in ihrer Jugend auch nicht viel Hebräisch gelernt, da damals der Religionsunterricht sehr im argen lag, und die Lehrer nicht auf der gewünschten Höhe standen. Das wenige Hebräisch, das unsere Vorsteher als Kinder erlernten, haben sie im Laufe der Zeit, da sie mit dieser Sprache nur selten in Berührung kamen, vergeffen. Und da ihnen selbst das Lesen eines hebräischen Gebetes sehr sauer wird und sie mit Recht annahmen, daß es ihren Zeitgenossen ebenso ergeht, glauben sie den Gemeindemitgliedern entgegenkommen zu sollen und der Landessprache in der Gebetordnung einen größeren Raum zu gewähren. Von einer Verbannung der hebräischen Sprache aus unseren Synagogen, wie Sie es darsteüen, rann aber keine Rede sein. — Wird nun durch unsere Bestrebungen die Kenntnis der heiligen Sprache bei der jüngeren Generation zunehmen, so werden sicherlich unsere Vorsteher mit den alten Gebeten zufrieden sein, und die Frage der Gebetsprache dürfte aufhören, den Gegenstand der Erörterung bei den Gemeindebehörden zu bilden. „Ist die Erlernung der hebräischen Sprache nicht mit Opfern verbunden?" Darauf antworte ich: Ohne Aussaat keine Ernte, ohne Mühe kein Erfolg. Freilich erfordert die Erlernung der hebräischen Sprache Opfer; und gerade in unserer Zeit, in der der Lebenskampf so schwer und hart ist — und für uns Juden bekanntlich noch härter und schwerer als für andere — ist das Opfer, das wir fordern, nicht klein. Aber wir Juden sind ja an das Opferbringen gewöhnt. Nicht ohne Grund führen wir den Ehrentitel „das Priestervolt"; wir haben im Laufe der Jahrhunderte dem Däterglauben zahlreiche, ja zahllose Opfer gebracht. Wollen wir jetzt, wo die Verhältnisse, wenigstens bei uns in Westeuropa, für uns Juden sich besser gestaltet haben, auf diesen Ehrennamen verzichten, die Arbeit scheuen und keinen Anspruch mehr auf diesen Titel haben? Allein auch die Opfer, die die Erlernung der hebräischen Sprache von uns erfordert, sind doch nicht so groß, wie Sie vielleicht annehmen. Wir sind in unseren Ansprüchen bescheiden; wir wollen nicht, daß unsere Jugend sich in der hebräischen Literatur bald zurcchistndcn soll, wir wünschen vielmehr, daß unsere Jugend sich so viele Kenntnisse der hebräischen Sprache aneignet, daß ihr die heilige Schrift nicht ein Buch mit sieben Siegeln ist. Und die dazu erforderlichen Kenntnisse können in verhältnismäßig kurzer Zeit erworben werden. Der Sprachschatz der Bibel besitzt nach Angabe mancher Gelehrten etwa 5000 Vokabeln. Bei Erlernung von 10 Vokabeln täglich kann der junge Mann den Volabelschatz der heiligen Schrift in einem Zeitraum von kaum zwei Jahren sich aneignen. Auch die wichtigsten grammatischen 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.